Künste&Kinderbuch. Die Ammen-Uhr aus des Knaben Wunderhorn – eine zeitlose Inspirationsquelle.

von Marie Jansen

Der Todestag des Komponisten Robert Schumann (1810-1856) jährt sich dieses Jahr zum 165. Mal. Schumann hinterließ der Nachwelt ein reiches kompositorisches Werk, das so manchen Klavierschüler auch heute noch begeistert und herausfordert – vielleicht sogar auch euch? Und doch sind manche Stücke kaum bekannt, weil sie zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht blieben.
Eines dieser Stücke ist Schumanns Komposition die Ammen-Uhr, basierend auf dem gleichnamigen Gedicht, das von Achim von Arnim und Clemens Brentano niedergeschrieben und veröffentlicht wurde. Dieser Text hat viele Kunstschaffende verschiedener Sparten inspiriert.

Begeben wir uns also auf eine kleine Reise durch die Rezeption dieses Werkes: Von dessen Veröffentlichung bis zur neusten Tonaufnahme von Schumanns Interpretation der Ammen-Uhr.

Die Ammen-Uhr: Wer? Was? Wann?

1805 stellten die beiden Schriftsteller Achim von Arnim (1781-1831) und Clemens Brentano (1778-1842) ihr gemeinsames Hauptwerk Des Knaben Wunderhorn in Heidelberg zusammen, eine Sammlung von Volksliedtexten. Auch das Gedicht Die Ammen-Uhr ist Teil dieser Sammlung. Es besteht aus neun vierzeiligen Strophen, die in Reimen verfasst sind und den Verlauf einer Nacht bis zum Tagesanbruch beschreiben.

Knapp vierzig Jahre später wurde das Gedicht aus den 723 Liedtexten herausgelöst und in einem Strophe für Strophe illustrierten Buch erneut herausgegeben (Verlag Mayer und Wigand, Leipzig, 1843). An dieser Ausgabe waren zahlreiche Illustratoren beteiligt, darunter Eduard Bendemann (1811–1889), Julius Hübner (1806–1882) und Ludwig Richter (1803–1884). Sowohl Bendemann als auch Hübner studierten bevor sie nach Dresden übersiedelten an der Düsseldorfer Kunstakademie. Düsseldorf und Dresden sind quasi über das künstlerische Schaffen dieser – und weiterer – Persönlichkeiten verbunden. Das Werk Brentanos und von Arnims regte sie zum Illustrieren an und brachte so die kulturellen Sparten Literatur und Bildende Kunst zusammen.

Wie die Maler, inspirierte das Gedicht auch einen Komponisten: Robert Schumann, seines Zeichens von 1850 bis 1853 Musikdirektor der Stadt Düsseldorf, in die es ihn nach einem längeren Aufenthalt in Dresden zog. Eine weitere Künstlerwanderung zwischen Elbe und Rhein. Kann das denn Zufall sein? 

Künstler und Komponist

1844 hatte Robert Schumann den Wohnsitz seiner Familie nach Dresden verlegt, wo eine sehr produktive Schaffensphase folgte. Schnell knüpfte Schumann Kontakte in die örtliche Künstlerszene und lernte so Eduard Bendemann und Julius Hübner kennen. Mit ihnen war Schumann bald gut befreundet. Häufig trafen sie sich in kleinem Kreis, um über Kunst und Musik zu diskutieren. So schrieb er eines Tages über Eduard Bendemann in sein Tagebuch: „Wir sprachen vieles über Malerei und ich hörte wie immer mit Ehrerbietung <gern> zu“. Auch mit Ludwig Richter war Schumann wohlbekannt. Beide waren Mitglieder der 1846 in Dresden gegründeten Montagsgesellschaft, wo man sich zum Debattieren traf.
Richter schuf zu einigen Kompositionen Schumanns Titelillustrationen, beispielsweise für das „Album für die Jugend“, Op. 68. Auch für Schumanns Mährchen-Bilder wurde höchstwahrscheinlich eine Illustration Richters verwendet, nämlich die Märchenerzählerin – in unserer Ausstellung zu sehen.

Schumanns Freunde Ludwig Richter, Eduard Bendemann und Julius Hübner waren 1843 allesamt an der illustrierten Einzelausgabe der Ammen-Uhr mitbeteiligt gewesen. Da liegt die Idee nahe, dass er durch sie einmal mehr auf den Text aufmerksam wurde, sich vielleicht sogar mit ihnen darüber austauschte. Möglicherweise inspirierten ihn die Illustrationen zu seiner Vertonung des Textes?
Aber all das ist wilde Spekulation. Fakt ist, im Jahr 1849 komponierte Schumann ein Lied auf der Textgrundlage der Ammen-Uhr, das er allerdings nie veröffentlichen sollte. 

Übrigens: Schumanns späterer Umzug an den Rhein wurde ebenfalls durch den Kontakt zur Dresdner Künstlerszene möglich. Hier lernte er nämlich den Dirigenten und Komponisten Ferdinand Hiller (1811-1885) kennen, der ihm die Stelle des Düsseldorfer Musikdirektors vermittelte. 

Ein wiederentdecktes Musikstück

Von seiner Entstehung bis zu der neusten Tonaufnahme hatte Schumanns Manuskript eine lange Reise hinter sich gebracht. Dem jetzigen Forschungsstand nach war die Komposition der Ammen-Uhr Schumanns Liederalbum für die Jugend, op. 79 zugedacht. Allerdings blieb das Manuskript unveröffentlicht und ging nach Schumanns Tod in den Besitz seiner ältesten Tochter Marie Schumann über, anschließend in die Sammlung Alfred Wiedes, eines großen Schumann-Liebhabers. 1974 wurde es schließlich versteigert und gelangte in den Besitz der Universitätsbibliothek Bonn.

Heute befasst sich die Robert Schumann Forschungsstelle mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Manuskripts und wird die Forschungsergebnisse in der Neuen Robert Schumann Gesamtausgabe veröffentlichen. Die Musikwissenschaftler*innen erforschen nicht nur die Provenienz des Stücks. Sie erfassen und analysieren auch seinen musikalischen Gehalt. Manchmal ist das sehr komplex: Nicht immer ist aus Schumanns handschriftlichen Notenblättern eindeutig abzulesen ob eine Note auf oder unter der Notenlinie liegt, da wünscht man sich wohl er hätte ordentlicher geschrieben! Zur richtigen Interpretation der Manuskripte brauchen die Musikolog*innen daher ein gutes Ohr für schumanntypische Harmonien. 

Die Ammen-Uhr inspiriert bis heute: Eine aktuelle Tonaufnahme

Die Robert Schumann-Hochschule Düsseldorf ermöglichte eigens für die Ausstellung eine Einspielung der Ammen-Uhr, gesungen von Nihal Azak und am Klavier begleitet von Nihan Ulutan.

Schumanns Komposition untermalt wunderbar die Strophen des Gedichtes, in dem nach und nach die Nacht vergeht und der Tag heranbricht. Die Melodie geht schnell ins Ohr und wiederholt sich Strophe für Strophe. Erst zum Schluss steigert sie sich in neue Höhen, um den Aufgang der Sonne und die plötzliche Geschäftigkeit des neu beginnenden Tags zu verdeutlichen.

Dieser Moment des Sonnenaufgangs ist der musikalische Lieblingsmoment von Sopranistin Nihal Azak. Sie berichtet, dass gerade bei diesem Lied das Spiel mit der Dynamik sehr wichtig ist, um jeder Strophe einen ganz eigenen Charakter zu verleihen und Eintönigkeit zu vermeiden. Pianistin Nihan Ulutan ergänzt, dass es eben diese Suche nach unterschiedlichen Klangfarben ist, die Musik so wunderbar macht. Ihr fielen am Stück verschiedene Klänge auf, die man, besonders wenn man Schumanns Musik kennt, nicht gewohnt ist. Die Studentinnen haben das Stück mit ihrem Professor Hans Eijsackers intensiv besprochen und analysiert bevor es an die Aufnahme ging.

Das Ergebnis ist eine musikalische Reise durch die verschiedenen Stadien der Nacht – bis die fleißige Amme erwacht.

Neben der Audioaufnahme für unsere Online-Ausstellung entstand auch ein aufwendiges 360° Video, dass ihr euch hier exklusiv ansehen könnt. Ihr könnt euch ganz frei umsehen und den beiden Musikerinnen andächtig lauschen – fast, als säßet ihr mit ihnen im Konzertsaal!

Organisiert und durchgeführt wurde diese Aufnahme von den Studentinnen Sang-Eun Lee (Audio) und Lydia Ramos (Video). Es galt bei dieser Aufnahme, knifflige technische Situationen zu bewältigen. So mussten etwa für die unterschiedlichen „Takes“ exakt dieselben Positionen und Gesten eingehalten werden und unter Zeitdruck in wenigen „Takes“ sowohl die Pianistin als auch die Sopranistin aus mehreren Kamerawinkeln aufgenommen werden. Herzlichen Dank für das tolle Engagement an alle Beteiligten, die so viel Zeit und Mühe in diese Aufnahmen gesteckt und mir sehr nett von deren Entstehungsprozess berichtet haben!

Titelbild aus: Die Ammen-Uhr : aus des Knaben Wunderhorn, 1843 ©Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf

Vom 28.6. bis zum 31.12.2021 konntet ihr unsere Ausstellung Kunst für Kinder. Illustrationen aus dem Umfeld der Kunstakademien in Düsseldorf und Dresden online betrachten – und hören!

Folgt hier bis Dezember 2021 Bildern, Blogeinträgen und Podcasts zur Ausstellungsentstehung und einzelnen Themenbereichen!

Kontakt kunstfuerkinder@hhu.de

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