Leben&Lernen. ABC-Bücher – nur für Kinder?

von Juliane Hoffmanns

Ich wette, dass auch ihr schon einmal in einem ABC-Buch geblättert habt! Doch wisst ihr auch, dass sie eine sehr lange Tradition haben? Hier seht ihr einleitend eine Illustration aus dem ABC-Buch für kleine und große Kinder, das vom Dresdner Maler Robert Reinick (1805-1852) illustriert wurde und 1845 erschien. Dargestellt ist ein auf dem Boden sitzender Engel, der von Tieren und Kindern umringt ist und letzteren ein bebildertes Buch zeigt.

Etwa zu jener Zeit kristallisierte sich eine Unterscheidung zwischen ABC-Büchern und Fibeln heraus, die durch den Ausbau des schulischen Systems gefördert wurde. Dies führte dazu, dass ABC-Bücher für den privaten Gebrauch freier und vielseitiger ausgestaltet und illustriert werden konnten, während Fibeln als in der Schule genutzte Lehrwerke einem strengeren Aufbau folgen. 
Heute liegt der kleine aber feine Unterschied zwischen ABC-Büchern und Fibeln, die häufig synonym verwendet werden, in der Art und Weise der Wissensvermittlung, den Inhalten und der Nutzung. 

ABC-Bücher dienten seit dem 15. Jahrhundert der Lehre von Lese- und Schreibfähigkeiten, zusätzlich dazu wurden häufig Zahlentafeln integriert. Inhaltlich handelte es sich zunächst um religionsbezogene Texte, die biblisches Wissen vermitteln sollten. Erst später, im 17. Jahrhundert, veränderte sich der Inhalt von der Religions- und allgemeineren Lehre hin zur eigentlichen Lesedidaktik und Methoden zum Lesenlernen. Für diese wurde schließlich auch die Bedeutung von Bildern erkannt, denen der tschechische Geistliche Johann Amos Comenius (1552-1670), der mit dem Orbis Sensualium Pictus 1658 das erste Bilderbuch für Kinder entwickelte, eine hohe pädagogische Wichtigkeit zuschrieb. 

Es kristallisierte sich zunächst ein Kanon bestimmter Bilder zu den jeweiligen Buchstaben heraus – etwa E wie Elefant oder Z wie Zebra -, der auch in Das goldene ABC aus dem Jahr 1849, das von Johann Baptist Sonderland (1805-1878) illustriert wurde, erkennbar ist. So ist beim Buchstaben E auch der Elefant zu finden. Neben Tieren sind unter anderem Gegenstände aus dem alltäglichen Leben zu finden, zum Beispiel unter B Brille, Buch, Blumenliebhaber und Ball, unter C Chinese und Cacaobohne und unter G Gabel, Gärtner und Glas. 

Die begleitenden Texttafeln sind hinter den Bildtafeln angeordnet. Der Text greift die Motive der Bildtafeln auf und beschreibt die einzelnen Elemente, so wird begleitend zur Bildtafel B etwa Wissen zum Bären sachlich vermittelt. Das Bild des Blumenliebhabers wird in einem kurzen Text beschrieben, in dem auch der Brief und die Brille aufgegriffen werden.  

Es handelt sich also in diesem ABC-Buch um Dinge, die die Natur, Tier- und Menschenwelt betreffen. Auch hier geht es also nicht nur um die Lesedidaktik, allgemeines Wissen aus der Sphäre des Menschen wird vermittelt, es ist also ein bebildertes Sachbuch, bei dem zum Schluss in einem Rätsel das neu erworbene Wissen angewendet werden kann. Interessant ist, dass der Schwierigkeitsgrad im Laufe des Buches und somit mit den wachsenden Kenntnissen steigt. Einzelne Elemente der Bildtafeln, in denen die Buchstaben kennengelernt werden, werden in einem anschließenden Textteil detailliert beschrieben und erfordern somit die zu Beginn erworbene Lesefähigkeit. Neben Leseübungen finden sich am Ende zudem Übungen für das Schreiben.

Nun möchte ich noch einmal näher auf das ABC-Buch für kleine und große Kinder von 1845 eingehen, von dem ich euch ganz zu Anfang bereits eine Illustration vorgestellt habe und das von Ludwig Richter (1803-1884) und weiteren Dresdner Künstlern illustriert wurde. Das Titelbild weist zunächst darauf hin, dass es sich um ein Buch von religiösem Inhalt handelt, so ist für den Buchstaben C ein weihnachtliches Lied über das Christkind zu finden, das von drei Engeln durch den Himmel getragen wird. Die dazugehörige Illustration zeigt ebendies. Allerdings liegt das Hauptaugenmerk weniger auf Religion, sondern vielmehr auf der allgemeinen Wissensvermittlung; es werden Tiere vorgestellt (A wie Affe und L wie Lamm), und Berufe (H wie Hirte und J wie Jäger). Die Textpassagen beinhalten unter anderen Gedichte und Lieder. Im Vergleich zu Sonderlands Illustrationen findet sich hier zu jedem Buchstaben ein Motiv, das in Kontext gesetzt wird: Der Jäger wird also bei der Jagd gezeigt. 
Jedoch sind Texte und Illustrationen auch unterhaltsam: Das Y wird beispielsweise anhand eines auf dem Kopf stehenden Narren gezeigt („Und stellst du auf den Kopf dich schon, du findest nichts auf Ypsilon“), der zwischen seinen leicht gespreizten Beinen die Buchstabentafel hält.

Das Ende des Buches markieren zwei Rätsel, sodass die Kinder zum Schluss die neu erworbenen Kenntnisse anwenden können und noch einmal zum Mitdenken angeregt werden. 

Ein weiteres – ganz besonderes, wage ich zu behaupten – ABC-Buch ist das Alphabet Pittoresque (1842-44), das aufwendig vom Wiener Maler Giovanni Battista de Pian (1813-1857) illustriert wurde. Es handelt sich hierbei um ein höchst seltenes Architektur-Alphabet ist, bei dem die Buchstaben in die dargestellten Gebäude integriert sind und deren architektonischen Formen unterstreichen und hervorheben.

So bildet etwa der Buchstabe Z Konsole und Aufgang des Balkons, ist also als tragende wie auch gestalterische Komponente in die abgebildete Architektur integriert.
So, jetzt haben wir einige historische ABC-Bücher kennengelernt – Wie sieht das denn aber heute aus?

Neben einfacheren bunt bebilderten Schulbüchern, die das Lernen des Alphabets in schulischem Umfeld spielerisch ermöglichen, gibt es unzählige ABC-Bücher für den privaten Bereich zu den verschiedensten Themen, mit den unterschiedlichsten Methoden, für diverse Zielgruppen – Städte-ABCs, personalisierte ABC-Bücher, ABC-Bücher mit Rätseln, ABC-Bücher die die Sinne anregen für die ganz Kleinen – und das sind nur Beispiele. Ihr seht, die Möglichkeiten der Ausgestaltung sind vielfältig – das Lernen von Lesen und Schreiben wird nun einmal am einfachsten auf spielerische Weise erreicht. Zu dem Zweck werden zahlreiche ABC-Bücher durch Rätsel, Spiele und Elemente, die die Sinne anregen, ergänzt: Fühlen, schieben, hören.. Besondere haptische und visuelle Anreize fördern die Lust zum Lernen.
Und dann gibt es natürlich auch die ganz besonderen ABC-Bücher, die nicht nur für Kinder anregend und lehrreich sind.

So scheint mir, dass die Illustrationen, die der Wuppertaler Illustrator Wolf Erlbruch (geboren 1948) zu Karl Philipp Moritz (1756-1793) im 18. Jahrhundert verfassten Text für ein Neues ABC-Buch vor wenigen Jahren entwickelte, Menschen aller Generationen nicht nur Freude bereiten, sondern auch zum Denken anregen wird. Die Textpassagen behandeln den Zyklus des Lebens und sind somit von zeitloser Aktualität. 
Phantasievoll sind die Bilder auf den Text abgestimmt und die teils surrealistischen, teils realistischen Illustrationen unterstreichen die philosophischen Worte Moritz’. Die didaktische Funktion des Lese- und Schreiblernbuchs scheint hier eher nebensächlich zu sein, vielmehr werden hier Fragen des Menschseins angesprochen, außerdem trägt die anspruchsvolle Gestaltung zur Kunsterziehung und Förderung philosophischen Denkens bei. Kurze prägnante Texte von Moritz und Illustrationen von Erlbruch bringen den Betrachter:innen alltägliche gesellschaftliche Themen und moralische Vorstellungen nahe.

So zeigt das sechste Bild, das den Buchstaben F wie Feuerflammen („Kind, hüte dich vor Feuerflammen“) repräsentiert, nicht nur die Flammen selbst, sondern illustriert, warum genau Feuer gemieden werden sollte. Hier werden auch die Sinne und Gefühle angesprochen und die Kinder werden durch Text wie auch Bild belehrt. Erlbruch verbildlicht den von Moritz angesprochenen Schmerz, der mit einer Verbrennung einhergeht.

Auch das fünfzehnte Bild beispielsweise, das den Buchstaben P wie Pokal („Den Reichen tränkt der Gold-Pokal“) darstellt, geht weit über die reine Darstellung des Pokals hinaus. Erlbruch nutzt verschiedene Symbole, um Reichtum abzubilden.

Nun habe ich euch hoffentlich zeigen können, dass die Beliebtheit der ABC-Bücher ungebrochen ist und – so scheint es mir – auch so schnell nicht nachlassen wird. Ganz besonders hervorheben möchte ich nun noch einmal die Vielzahl der Gestaltungsmöglichkeiten, die wohl keine Wünsche offenlassen, wo doch der Zweck ursprünglich rein didaktischer Natur war.
Und auch Wolf Erlbruchs Illustrationen des Neuen ABC-Buches von Karl Philipp Moritz zeigen uns, dass auch zeitgenössische ABC-Bücher auch über die Lehre von Lese- und Schreibfähigkeiten hinaus wertvolle Bücher sein können.

Welche ABC-Bücher habt ihr denn bereits kennengelernt?

Für die hier gezeigten Bilder ein herzlicher Dank an die Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, an das Antiquariat W. Geisenheyner und an den Verlag Antje Kunstmann!

Zur weiteren Lektüre
– Otto Brunken, et al. (Hrsg.): Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur. Von 1800 bis 1850, Stuttgart 1998.
– Otto Brunken et al. (Hrsg.): Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur. Von 1850 bis 1900, Stuttgart 2008.
– Klaus Doderer (Hrsg.): Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur, 1984.
– Anton Durstmüller: Ein Schmuckalphabet aus Wien, Stuttgart 1973.
– Carola Pohlmann, Monika Schmitz-Emans: Abc-, Kinder-, Bilder- und Spielbücher als Buchwerke, 2019.

Titelbild aus: Robert Reinick, Ludwig Richter, u. a. , ABC-Buch, Leipzig 1845, ©Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf

Vom 28.6. bis zum 31.12.2021 konntet ihr unsere Ausstellung Kunst für Kinder. Illustrationen aus dem Umfeld der Kunstakademien in Düsseldorf und Dresden online betrachten – und hören!

Folgt hier bis Dezember 2021 Bildern, Blogeinträgen und Podcasts zur Ausstellungsentstehung und einzelnen Themenbereichen!

Kontaktkunstfuerkinder@hhu.de

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