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Impulsvortrag über w/k

Vortrag: Peter Tepe | Bereich: Kunsttheoretisches

Der Impulsvortrag fand am 27. März 2018 im Rahmen einer Curated Conversation in der Düsseldorfer Galerie Engelage & Lieder statt; eingeladen hatte David Behning. Der Text wurde für die Veröffentlichung nur geringfügig überarbeitet. Hinzugefügt habe ich Abbildungen der sechs künstlerischen Arbeiten, die ich in der Ausstellung Kunst und Wissenschaft: Beispiele symbiotischer Verhältnisse, welche vom 16. November 2017 bis zum 31.1.2018 im Haus der Universität stattfand, gezeigt hatte. Sie stehen in keiner direkten inhaltlichen Verbindung zum im Vortrag Ausgeführten, wie es sonst in w/k-Beiträgen üblich ist.

Meine Damen und Herren,

ich begrüße Sie zu dem auf maximal 10 Minuten angelegten Impulsvortrag über das von mir herausgegebene und seit November 2016 existierende Online-Journal w/k – Zwischen Wissenschaft und Kunst.

„Wissenschaft und Kunst“, das ist – ebenso wie die heute im Zentrum stehende Unterform „Wissenschaft und bildende Kunst“ – ein altes Thema. Dazu gibt es viele Bücher, Aufsätze, Vorträge, Tagungen, Ausstellungen. Angesichts dieser Menge an Beiträgen zum Thema, die sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten noch deutlich vergrößert hat, stellt sich die Frage, ob die Neugründung eines solchen Online-Journals überhaupt nötig ist. Gibt es nicht bereits hinlänglich viele Publikationsorte für Arbeiten zu diesem Thema? Eine Neugründung macht nur dann Sinn, wenn durch sie etwas erreicht wird, was bislang noch nicht erreicht worden ist – wenn sie innovativ ist.

Ich möchte nun zeigen, dass das bei w/k der Fall ist. Es gibt viele bildende Künstler, die sich an den Schnittstellen von Wissenschaft und bildender Kunst bewegen (mitzudenken sind stets die Künstlerinnen; das gilt auch für alle vergleichbaren Formulierungen). Weltweit mögen es mehrere tausend sein; niemand hat sie bislang gezählt. Verbreitet sind einerseits Versuche, allgemeine Thesen über das Verhältnis von Wissenschaft und (bildender) Kunst aufzustellen, andererseits Studien zu einzelnen Künstlern. Was es vor w/k allerdings nicht gegeben hat, ist eine Zeitschrift in Buch- oder Onlineform, die sich zum Ziel setzt, die Vielfalt der individuellen Wissenschaft-Kunst-Verbindungen auf eine methodisch und inhaltlich vergleichbare Weise zu untersuchen. In der Hauptsache geht es im Online-Journal darum, diesen Verbindungen auf den Grund zu gehen, sie so genau wie möglich zu erfassen.

Impulsvortrag
Peter Tepe: Vergangenheitsbewältigung (2014). Foto: Jochen Müller (HHU).

Selbstverständlich ist es legitim und wichtig, in allgemeiner Form über das Verhältnis von Wissenschaft und (bildender) Kunst nachzudenken. Das Online-Journal setzt hier allerdings einen neuen Akzent: Es wird in gewisser Hinsicht von unten nach oben vorgegangen. Wird eine allgemeine These aufgestellt, so wird gezielt geprüft, ob sie mit dem Wissen über die individuellen Konstellationen vereinbar ist. Es wird also gefordert, die Vielfalt der im Schnittstellenfeld vertretenen künstlerischen Positionen zur Kenntnis zu nehmen und bei der Theoriebildung zu berücksichtigen. Dem Anreiz, eine möglichst ‚steile’ These zu produzieren, wird so entgegengearbeitet. Oft wird ein Vorgehen von oben nach unten praktiziert: Ein Philosoph etwa geht von seinen spezifischen philosophischen Überzeugungen aus und bringt eine dazu passende allgemeine These über das Verhältnis von Wissenschaft und (bildender) Kunst hervor. Dabei wird in der Regel nicht geprüft, ob diese These mit dem vorliegenden Wissen über die individuellen Konstellationen vereinbar ist. Es wird eher das Bedürfnis befriedigt, eine mit der eigenen Philosophie im Einklang stehende, sozusagen systemkonforme These über das Verhältnis von Wissenschaft und (bildender) Kunst vorbringen zu können.

Die w/k-Studien zu einzelnen Künstlern unterscheiden sich hingegen von den vorliegenden dadurch, dass sie von vornherein auf das Ziel ausgerichtet sind, die herausgefundenen individuellen Wissenschaft-Kunst-Konstellationen miteinander vergleichen und voneinander abgrenzen zu können; auch das ist neuartig.

Impulsvortrag
Peter Tepe: Der Wolkenvermesser war da (2015). Foto: Jochen Müller (HHU).

In den Bereichen Ausstellung und Kunsthistorisches stehen die an den Schnittstellen arbeitenden Künstler im Mittelpunkt. Für sie sind drei Beitragsformen vorgesehen: die Kunstpräsentation (hier wird einem Künstler die Möglichkeit geboten, seine künstlerische Position vorzustellen und zu erläutern), das Künstlerinterview und der Text über einen Künstler. In w/k kommen zwar überwiegend lebende Künstler zum Zuge, aber natürlich sollen in Zusammenarbeit mit Kunsthistorikern auch Künstler der Vergangenheit sowie verstorbene Künstler der Gegenwart behandelt werden.

Von einem sich beteiligenden Künstler wird erwartet, dass er die für w/k typischen Fragen so gründlich wie möglich beantwortet. Im Erarbeitungsprozess kommt es häufiger vor, dass der Künstler Zusammenhänge der eigenen Arbeit erkennt, die ihm zuvor nicht so klar bewusst waren. Die gezielte Herausarbeitung der individuellen Wissenschaft-Kunst-Konstellation kann so dazu führen, dass sich für die eigene Kunst neue Möglichkeiten eröffnen.

Zur Produktion eines Beitrags gehört eine intensive, von den für w/k charakteristischen Erkenntnisinteressen geleitete redaktionelle Betreuung. Häufig wird erst nach mehreren Fassungen ein Zustand erreicht, der alle Beteiligten zufrieden stellt. Das wiederum schließt nicht aus, dass später noch weitere Vertiefungen möglich sind.

Es gibt Fälle, in denen der Wissenschaftsbezug eines Künstlers offenkundig ist, da in den Werken und Äußerungen des Künstlers explizit auf Theorien/Methoden/Ergebnisse dieser oder jener Wissenschaft rekurriert wird; dann besteht die Aufgabe darin, den auf der Hand liegenden Bezug möglichst prägnant und umfassend herauszuarbeiten. Es gibt aber auch Fälle, in denen die Wissenschaftsbezüge verborgen sind – hier weisen die Erkenntnisversuche dann Züge eines nach allen Richtungen ermittelnden Detektivs auf, der manchmal zu unerwarteten, überraschenden Ergebnissen gelangt.

Dem Programm von w/k liegt keine ausgeformte allgemeine Theorie über das Verhältnis von Wissenschaft und (bildender) Kunst zugrunde; es ist mit mehreren Ansätzen vereinbar. Das schließt jedoch nicht aus, dass ich selbst eine bestimmte Theorie dieser Art vertrete. Die den Einzelstudien vorausgehende theoretische Arbeit beschränkt sich darauf, die große Menge der individuellen Wissenschaft-Kunst-Verbindungen sinnvoll zu ordnen. Die These lautet: Wenn man bei den Künstlern als Individuen ansetzt, so gibt es genau drei Grundtypen oder Grundformen einer solchen Verbindung, welche dann unendlich viele Variationen erlauben:

Impulsvortrag
Peter Tepe: Pyramide auf Rädern (2015). Foto: Jochen Müller (HHU).

Die erste Grundform sind diejenigen Individuen, welche sowohl wissenschaftlich als auch künstlerisch arbeiten – wir bezeichnen sie als Grenzgänger zwischen beiden Bereichen. Als Urvater der Grenzgänger kann Leonardo da Vinci angesehen werden. Ein weiterer berühmter border crosser ist Karl Otto Götz – ein Maler von Weltrang, der bezogen auf ästhetische Fragestellungen auch lange Zeit als empirischer Psychologe gearbeitet hat. Die zweite Grundform sind Künstler, die sich in ihrer Arbeit auf Theorien/Methoden/Ergebnisse dieser oder jener Wissenschaft stützen, aber nicht eigenständig wissenschaftlich forschen und publizieren: die wissenschaftsbezogenen Künstler. Die dritte Grundform ist die Kooperation zwischen mindestens einem Künstler und mindestens einem Wissenschaftler im Rahmen eines bestimmten Projekts.

Die Zuordnung eines Künstlers zu einer oder mehreren der drei Grundformen stellt noch keine größere Leistung dar, sie erleichtert aber den eigentlichen Erkenntnisprozess und gibt ihm ein Profil: Handelt es sich z.B. um einen Grenzgänger, so ist klar, dass nun genau die w/k-Fragen für Grenzgänger zu beantworten sind.

Mit der Zeit sollen in w/k immer mehr Schnittstellenprojekte erfasst und in ihrer Eigenart erkannt werden, um so einen repräsentativen Überblick über die Gesamtlage auf dem weiten Feld „Wissenschaft und (bildende) Kunst“ zu geben. Auf diese Weise soll w/k nach und nach auch zur ersten Adresse für am Thema Interessierte werden, nach dem Motto: „Wenn du etwas über Wissenschaft-Kunst-Verbindungen erfahren willst, dann schau erst einmal in w/k nach“.

Impulsvortrag
Peter Tepe: Bedrohte Pyramide (2016). Foto: Jochen Müller (HHU).

Um die angesprochenen Ziele zu erreichen, ist w/k auf die Zusammenarbeit mit Galerien, Museen und Kennern der Kunstszene angewiesen. Anlässlich der heutigen Curated Conversation beschränke ich mich darauf, in wenigen Sätzen die Win-win-Situation zwischen Galeristen und w/k zu skizzieren: Das Online-Journal, das im Jahr 2018 zwei neue deutschsprachige Beiträge pro Monat anstrebt (auf den englischsprachigen Teil gehe ich jetzt nicht näher ein), braucht die Zusammenarbeit mit Galeristen, um Hinweise auf weitere, für w/k-Beiträge geeignete und bestimmte Qualitätskriterien erfüllende Schnittstellenkünstler zu bekommen. Die Künstler selbst und die sie vertretenden Galeristen können wiederum die w/k-Beiträge nutzen, um auf sich aufmerksam machen und um die an einem bestimmten Künstler Interessierten auf bislang unbekannte Aspekte von dessen Kunst hinweisen zu können.

In w/k selbst geht es um Erkenntnisprozesse, nicht um wirtschaftliche Interessen; Ziel ist es, das Wissen um individuelle Wissenschaft-Kunst-Verbindungen zu erweitern und vertiefen, nicht aber Geld zu verdienen – das ist auch schwer möglich, da das Online-Journal den Nutzern kostenfrei zur Verfügung steht; an dieser Schraube soll auch in Zukunft nicht gedreht werden.

Über die Schwierigkeiten, mit denen ein solches ambitioniertes Projekt konfrontiert ist, können wir in der Diskussion reden. Zusammen mit engagierten Redakteuren habe ich – mit einem gewissen Idealismus, der anderen eher als Blauäugigkeit erscheinen mag – einfach das getan, was ich für richtig und zeitgemäß halte; so musste ich allerdings auch erfahren, was es heißt, sich ständig nah am Abgrund des Scheiterns zu bewegen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Beitragsbild über dem Text: Peter Tepe: Ordnungsversuch (2017). Foto: Jochen Müller (HHU). 119 x 84 cm. Diverse Materialien auf Spanplatte.

Erläuterungen zum Bild Peter Tepe: … die phantastische Sphäre ist nicht so unromantisch (2014): 119 x 84 cm. Diverse Materialien auf Spanplatte. Das Konzept der Lesebilder wird im Selbstinterview genauer erläutert; hier finden sich auch zwei weitere Beispiele. In meinen Vorlesungen verfuhr ich unabhängig vom jeweiligen Thema so: Auf einen Vortragsteil von 20–30 Minuten folgte ein die wichtigsten Punkte zusammenfassendes Fazit von 1–2 Seiten, und die Studierenden hatten einige Minuten lang die Möglichkeit, Fragen zu stellen; dann erst folgte der nächste Vortragsteil. Das Fazit hatte ich vor der jeweiligen Sitzung ausformuliert und eine Overheadfolie erstellt; der Text wurde dann an die Wand projiziert. Einige Bildobjekte verwenden nun solche Fazittexte als Grundlage. In der künstlerischen Arbeit erfolgt jedoch keine Auseinandersetzung mit den Inhalten der eigenen Forschung und Lehre – die Fazittexte dienten als Spielmaterial für eine intuitiv-improvisierende Arbeitsweise. Aus dem Text wurden einige Wörter bzw. Satzteile isoliert, der Rest wurde ganz oder teilweise übermalt. Unter Bezug auf das in der Vorlesung Ausgeführte wird mit dem Fazittext poetisch – auch mit ironischer Brechung – gespielt, und die Phantasie des Betrachters, dessen Blick zwischen dem Ausgangstext und dem Bild hin und her wandert, angeregt. Von Bildobjekten dieses Typs kann gesagt werden, dass sie auf freie künstlerische Weise Verbindungen zu meiner wissenschaftlichen Tätigkeit herstellen. Der Ausgangstext gehört zum Werk; in der Ausstellung wurde er in gleicher Größe neben dem Bildobjekt platziert. Der Rezipient kann somit auch bestimmte Inhalte der ausgewählten Vorlesung zur Kenntnis nehmen und durch den Vergleich erschließen, was künstlerisch daraus gemacht worden ist. Foto: Tanja Semlow.

Erläuterungen zum Text Peter Tepe: Aus dem Fazit einer Vorlesung (um 2000): In dieser Vorlesung wurden diverse Interpretationen von E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann nach Prinzipien der von Peter Tepe entwickelten kognitiven Hermeneutik kritisch diskutiert. Vgl. dazu: P. Tepe: Kognitive Hermeneutik. Mit einem Ergänzungsband auf CD. Würzburg 2007. P. Tepe/J. Rauter/T. Semlow: Interpretationskonflikte am Beispiel von E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann. Mit Ergänzungen auf CD. Würzburg 2009. Foto: Tanja Semlow.

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