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„Kunst und Wissenschaft“ in anderen Medien – Teil II

Text: Stefan Oehm | Bereich: Beiträge über Künstler

Vorbemerkung des Herausgebers: Dies ist der zweite Teil von „Kunst-und-Wissenschaft“ in anderen Medien. Stefan Oehm sucht seit einiger Zeit in Zeitungen, im Radio, im Fernsehen, im Internet nach Beiträgen, die sich dem Großthema „Kunst und Wissenschaft“ zuordnen lassen. Seine ersten 15 Funde finden sie hier. Die Hinweise sind nach dem folgenden Muster aufgebaut: Autor – Titel – Kurzdarstellung des Beitrags – Link zu weiteren Informationen. Die Zeitungsartikel sind in der Reihenfolge des Erscheinens geordnet, die Hinweise auf Ausstellungen hingegen in der Reihenfolge des Starts der Ausstellungen.

Die w/k-Nutzer werden um Mitwirkung gebeten: Wenn Sie auf weitere Kunst-und-Wissenschaft-Beiträge stoßen, so wenden Sie sich bitte an: stefan.oehm@betriebsbereit.de. Ihr Hinweis wird dann in der nächsten Runde dieser Reihe unter Nennung Ihres Namens veröffentlicht.

1. Refik Anadol: Melting Memories

Was ist Kunst? Die Antwort auf diese Frage provoziert bei der aktuellen Entwicklung in der Kunst fast schon die Gegenfrage: Was ist nicht Kunst? So entwickelte der Medienkünstler Refik Anadol, basierend auf Gehirnstromdaten von Alzheimer-Patienten, die er im Neuroscape Laboratory/University of California sammelte, einen Algorithmus, der die Hirnaktivität bei Erinnerungen in faszinierende Datenskulpturen übersetzt: Melting Memories (Verschmelzende Gedanken). Die Gedanken an vergangene Erlebnisse erscheinen dreidimensional als tänzelnde, computergenerierte Bewegungsmuster, die sanft dahinfließen, strudeln, sich im Nichts auflösen.
(Galerie Pilevneli, Istanbul, Ausstellung lief vom 07. Februar – 17. März 2018.)

Infos: Homepage des KünstlersInfinity Room Installation

2. Kolumba, Kunstmuseum des Erzbistums Köln: Medien der Fremderfahrung

Grenzerkundungen ist die Vorlesungsreihe betitelt, die sich anlässlich der Ausstellung Michael Oppitz. Bewegliche Mythen (zu sehen ab dem 21. Juni 2018 in Kolumba, Kunstmuseum des Erzbistums Köln) mit dem Lebensthema des unorthodoxen Ethnologen und Filmemachers Michael Oppitz auseinandersetzt: die ‚fremde Fremderfahrung‘ des Schamanismus. In zahlreichen Vorträgen und Filmen werden diese Fremderfahrungen und ihre Medien thematisiert. Wird über künstlerische und wissenschaftliche Befremdung der Welt nachgedacht, wird eine Weise der Welterfahrung betrachtet, die die andere wie auch die eigene Positionalität verfremdet und sichtbar macht. Und die diese Erkenntnisbewegung anhand von Beispielen aus Kunst, Ethnologie und Kulturwissenschaften diskutiert.
(Wechselnde Veranstaltungsorte, 25. April – 12. Juli 2018.)

Infos: KOLUMBA Ringvorlesung Sommersemester 2018

3. Paul McCarthy (& Christian Lemmerz): Reality Virtual Reality

Was ist real, was virtuell? Die Grenzen verschwimmen, Realität wird Virtualität und Virtualität Realität. Der amerikanische Künstler Paul McCarthy spielt mit uns ein bösartiges, klaustrophobisches Mind-Game von virtueller Realität und realer Virtualität, ein Spiel der Dopplungen und Doppelgänger: In seinem von John Fords Western Stagecoach inspirierten Virtual Reality-Film C.S.S.C. Coach Stage Stage Coach VR experiment Mary and Eve mündet das Miteinander von Protagonisten und Doppelgängerinnen in einen Zustand totaler Kontrolle, die in einem psychosexuellen Prozess eskaliert.
(Museum der bildenden Künste Leipzig, 31. Mai – 26. August 2018.)

Infos: Museum der Bildenen Künste Leipzig

4. Choy Ka Fai: Dance Clinic

Als getanzte Forschung lässt sich die Kunst von Choy Ka Fai, dem neuen Residenzkünstler des tanzhauses nrw, beschreiben. An der Schnittstelle von Tanz und neurologischen Prozessen beleuchtet er mit subtiler Ironie in seiner neuesten Performance Dance Clinic unsere Faszination für alles Technoide, das Verhältnis von Choreografie und Wissenschaft wie auch von technologischen und kreativen Prozessen. Dabei stellt Ember Jello, ein von Choy Ka Fai entwickelter Prototyp künstlicher Intelligenz, Künstlern bei jeder Vorstellung eine Auswertung ihrer individuellen choreografischen Arbeitsweise samt Symptom-Analyse, Schwachstellen-Check, Behandlungsplan und Optimierungstipps bereit.
(Aufführung: Donnerstag, 29. Juni und Freitag, 30. Juni 2018.)

Infos: Tanzhaus NRWChoy Ka Fai

5. James Turrell: Museum Frieder Burda Baden-Baden

James Turrells gesamtes Schaffen ist seit gut fünfzig Jahren von der Auseinandersetzung mit dem Medium Licht und seiner Wahrnehmung geprägt. Die von ihm so genannte Perceptual Art verbindet konzeptionelles Denken mit Wissenschaft, Technologie und Spiritualität. In seinen Installationen, wie jetzt in der aktuellen Ausstellung im Museum Frieder Burda Baden-Baden, flutet er begehbare Räume mit Licht, das sich in Farbenmeere ergießt oder in glühenden, manchmal sphärischen Nebeln materialisiert. Die Betrachter werden so an ihre Wahrnehmungsgrenzen geführt, ihre visuelle Verortung wird im Raum ausgehebelt. Sie erleben ein Gefühl der Unendlichkeit, gelangen zur meditativen Beobachtung des eigenen Sehens, zur Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion.
(Museum Frieder Burda Baden-Baden, 09. Juni – 28. Oktober 2018.)

Infos: Museum Frieda Burda

6. Gerhard Richter: Zwei Graue Doppelspiegel für ein Pendel

In der barocken, profanierten Dominikanerkirche in Münster hat einer der namhaftesten Künstler unserer Zeit, Gerhard Richter, ein Werk geschaffen, das auf erhabene Weise die Kunst mit der Wissenschaft verbindet: Die Arbeit Zwei Graue Doppelspiegel für ein Pendel ist eine meditative Begegnung mit dem Thema „Zeit“ und unserer Vorstellung von Wirklichkeit. Ein Foucault‘sches Pendel (nach dem französischen Physiker Leon Foucault), mit dessen Hilfe in stiller Andacht die Erdrotation anschaulich wird: Eine nichtmagnetische Metallkugel schwingt zwischen vier verspiegelten Glasbahnen an einem 28,75 Meter langen Edelstahlseil im Zentrum des Gebäudes über einer kreisrunden gewölbten Bodenplatte. Unter ihr befindet sich der elektromagnetische Antrieb für das Pendel, das Physiker, Feinmechaniker und Elektroniker des Fachbereichs Physik der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster entwickelt haben: eine Verbindung von Wissenschaft und Kunst der besonderen Art.
(Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11:00 – 18:00 Uhr.)

Infos: Artikel der WWU Münster

7. James Bridle: New Dark Age – Technology and the End of the Future

Der Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Harald Staun bringt in einer Buchbesprechung unser aller Irritation auf den Punkt: „Täglich erleben wir ein kognitives Paradox: Je mehr Informationen wir haben, desto weniger verstehen wir.“ New Dark Age – Technology and the End of the Future heißt das Buch des Autors und bildenden Künstlers James Bridle, das Staun da bespricht. Und es ist, anders als es sein Titel vermuten lässt, kein weiteres apokalyptisches, dystopisches Albtraumszenario. Denn für Bridle ist die Dunkelheit nicht Ausdruck von Nihilismus und Hoffnungslosigkeit, die mit Wissen, mit Erleuchtung, Aufklärung, Licht bekämpft werden kann – „das Wissen, die totale Transparenz, die Durchschaubarkeit der Welt (ist) das Problem“. Die Dunkelheit ist vielmehr „ein Ort von Freiheit und Möglichkeit“. Damit bringt uns Bridle, so Staun, „kein Licht ins Dunkel, sondern ein Nachtsichtgerät“.

Infos: Artikel in der FAZ

8. Centre Pompidou: Coder le monde

Kunst und Maschine waren seit je eng verzahnt. War es in der Antike der Deus ex Machina, die Theatermaschine der griechischen Tragödie, ist es heute der moderne Wiedergänger der Maschinenwesen, der Computer, dessen sich die Kunst bedient. Was stellt sie mit ihm an – und was stellen binäre Codes mit ihr an? Werden am Ende gar die Computer die Künstler sein? Coder le monde heißt eine Ausstellung im Pariser Centre Pompidou, die sich dieser Thematik annimmt. „François Morellet schuf schon 1961“, so Niklas Maak in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine, „ein digitales Porträt der Stadt Paris: Dieser binäre Bild-Code gilt als einer der wichtigen Vorläufer der Computerkunst.“ Gottfried Honegger und Lilian Schwarz „ließen zeitgleich 1970 discoartig zuckende, rote und blaue Digitalhieroglyphen über die schwarzen Bildschirme tanzen […]. Die Maschine kommunizierte da Signale, die kein Mensch mehr decodieren […] konnte.“ Die Techno-Op-Art fand in der Computerwissenschaft ihre theoretische Basis. 1961 läutete der „italienische Dichter Nanni Balestrini mit den vom Computer neu zusammengesetzten Gedichtteilen des Poems ‚Tape Mark One‘ in der Lyrik das Zeitalter von Sampling, Dekonstruktion, Rekombination und Remix“ ein. 1964 ließ der kanadische Informatiker Jean A. Baudot Gedichte von einem Rechner erzeugen. Eine Idee, die 1981 das Atelier de Littérature assistée par la Mathématique et les Ordinateurs aufgriff: die der computerbasierten Herstellung von Literatur – der Schritt zum Artifex ex Machina war da nicht mehr weit …
(Ausstellung im Centre Pompidou Paris, 15. Juni – 27. August 2018.)

Infos: Artikel in der FAZCentre Pompidou

 

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Beitragsbild über dem Text: Peter Tepe: „Kunst und Wissenschaft“ (2018). Foto: Moritz Niehues. 20 x 30 cm, Kollage auf Papier.

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