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Thomas Schönauer: Wissenschaft – Technik – Kritik des linearen Denkens

Thomas Schönauer im Gespräch mit Irene Daum und Peter Tepe. Teil II (Gehe zu Teil I) | Bereich: Interviews

Sie arbeiten auch mit Architekten zusammen und sind Mitglied im Bund der Architekten (BDA). Wie sieht diese Kooperation im Einzelnen aus?
Ich sagte in der ersten Gesprächsrunde, dass ich ein Mann des Raumes bin. Meiner Ansicht nach hat bereits eine Skulptur eine architektonische Qualität. Nehmen wir das Himmelskreuz im Luthergarten in Wittenberg als Beispiel. Diese Skulptur ist ein stark räumliches Gebilde, das sich perfekt in die jeweilige Umgebung einfügen lässt, sei es die Natur, der städtebauliche Umraum oder die Architektur. Das gerade von mir gewonnene Skulpturenprojekt im Duisburger Innenhafen bezieht eine entgegengesetzte Position – die Formensprache widerspricht vollkommen der herrschenden Architektursprache und schafft dadurch einen dialektischen Spannungsprozess. Diese Zusammenhänge haben auch einige Architekten erkannt und mich daher in den letzten 25 Jahren zu zahlreichen kooperativen Projekten eingeladen.

Thomas Schönauer/Andreas Kipar: Himmelskreuz im Luthergarten (2016). Foto: Ralph Richter.

Geben Sie bitte einige Beispiele.
Beim Wassermuseum Aquarius in Mülheim an der Ruhr haben wir in Teilen sowohl die tragende Architektur als auch die Innenarchitektur/Szenographie gemeinsam entwickelt. Außerdem gab es weltweit einige Wettbewerbe, zu denen ich zusammen mit Architekten eingeladen worden bin, wie etwa die neuen U-Bahnlinien in Köln und Düsseldorf. Oder die Revitalisierung der Lagune von Pampulha in Belo Horizonte, ein Projekt von Oscar Niemeyer.

Mit der Zeit erlangte die Landschaftsarchitektur in meiner Arbeit ein Übergewicht: die Verbindung der Gestaltung des öffentlichen Raums mit der Kunst. Das ist sicher eine meiner Stärken: Ich lasse mich intensiv auf den öffentlichen Raum ein, auf den Freiraum im Zusammenwirken mit dem gebauten Raum – und das auf internationaler Ebene in sehr unterschiedlichen städtebaulichen Kontexten, was zur Folge hat, dass ich viel unterwegs bin.

Thomas Schönauer/Hans-Hermann Hofstadt/Markus Schneider: Aquarius Wassermuseum, Mülheim an der Ruhr (1992). Foto: Thomas Schönauer.

 

Einen besonderen Stellenwert hat bei Ihnen die Zusammenarbeit mit dem Landschaftsarchitekten Andreas Kipar.
So ist es. Er kam vor rund acht Jahren auf mich zu und schlug ein gemeinsames Projekt innerhalb der Internationalen Gartenschau in Hamburg vor. Gemeinsam ist uns die Überzeugung, dass man einen Raum oder Ort und dessen Schwingungen erst einmal erfühlen muss, ehe man einen Plan entwickelt. Das haben wir in Hamburg und später in Moskau gemacht: Wir sind an die Orte gereist und haben die Atmosphären erspürt. In Moskau konnten wir dann den internationalen Wettbewerb zur Umgestaltung des ehemaligen zentralen Militärflughafens zu einem Stadtpark gewinnen.

Andreas Kipar/Thomas Schönauer: Khodynka-Park Moskau, Lageplan (2014). Foto: LAND Milano.

Die Wissenschaftsbezüge in Ihrer Arbeit wollen wir noch etwas genauer untersuchen.
Ich war vor einigen Jahren eingeladen zu einem Wettbewerb zur Entwicklung einer Großskulptur in Zusammenhang mit einem Nano-Forschungspark in Singapur. Da habe ich mich mit dem kleinsten Teilchen, dem Atom, auseinandergesetzt. Ich habe dann so etwas wie Weihnachtskügelchen zusammengeklebt und gemerkt, dass das ein funktionierender Ansatz ist, den ich dann maßstäblich vergrößert habe. Danach habe ich eine ganze Serie von sogenannten Atompop-Skulpturen gemacht, statisch anspruchsvolle Bauten. Mir ging es hauptsächlich um die Frage, ob man sich dem atomaren Aufbau der Welt über die Skulptur annähern kann.

Streben Sie dabei die Visualisierung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse an, oder wollen Sie eher vermitteln, was diese Ergebnisse bedeuten?
Ein bisschen beides. Ich gebe ein Beispiel: Das Atomium in Brüssel orientiert sich am realen Atomaufbau. Ich stelle mir demgegenüber, in die Kunst hinüberwechselnd, ein anderes Atomium vor, das einen eigenen Kosmos generiert. Das physikalische Modell würde dann nur noch als Initialzündung dienen.

Sie nehmen also eine gewisse Abstraktion vor.
Genau. Durch die Farbübergießung erreiche ich dann noch einen größeren Grad der Abstraktion sowie eine Verfremdung, die sich auf das Thema der Gravitation bezieht. Denn wenn man genau hinsieht, läuft die Farbe von unten nach oben. Damit stelle ich die Gravitation auf den Kopf. Der Künstler ist ja völlig frei, muss er auch sein. Das ist natürlich die Ausprägung meiner individuellen Vorstellung des Atommodells, die eine rein künstlerische ist.

Insoweit Sie als wissenschaftsbezogener Künstler arbeiten, kann man Ihr Vorgehen so zusammenfassen: Nach der Rezeption, der Aufarbeitung bestimmter Grundkenntnisse (etwa über den Atomaufbau und die Gravitation) beginnt der kreative Anverwandlungsprozess, der in den individuellen Kosmos zurück führt, in Ihre Weltsicht und Arbeitsweise. Das Wissensmaterial dient als Ausgangspunkt für freies Arbeiten. Die Aufarbeitung des wissenschaftlichen Kenntnisstands bildet sozusagen die Absprungfläche für einen freien künstlerischen Flug. Nicht alle wissenschaftsbezogenen Künstlern lassen sich auf vergleichbar intensive Weise auf die jeweiligen wissenschaftlichen Fundamente ein; bei einigen handelt es sich eher um Oberflächenkontakte.
Das kann man so sagen. Ich füge allerdings einen wichtigen Aspekt hinzu: Mein künstlerischer Zugriff auf wissenschaftliche Erkenntnisse hat etwas mit Humor zu tun.

Thomas Schönauer: Atompop 28 (2016). Foto: Ralph Richter.

Das bedarf der Klärung.
Als Künstler muss man sich auf einer Metaebene von den wissenschaftlichen Modellen auch lösen dürfen; das kann z.B. in eine Persiflage übergehen. In einem solchen Fall gilt: Ich will nicht wissenschaftlich arbeiten, sondern hier die Wissenschaft veräppeln.

Wie sieht das konkret aus?
Ich wurde einmal eingeladen, um einen großen Kreisverkehr zu gestalten. Ich wollte auf keinen Fall herkömmliche Kreisverkehr-Kunst machen. Ich habe eine Skulptur entwickelt, die vom Himmel hereinfliegt, weil ich den Innenbereich des Roundabouts für einen nicht-existierenden Raum, einen Un-Raum halte; das Innere des Kreisverkehrs kann man nicht betreten. Deshalb kann ich da auch keine Skulptur hineinstellen, die muss da reinfliegen. Das ist natürlich ein humorvoller Ansatz, den man der Skulptur auch ansieht. Der Bewegungsverlauf geht nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten. Die Bewegung titscht so auf, und dann steht die Skulptur da. Daraus entstand der Skulpturenzyklus Skyfall.

Thomas Schönauer: Skyfall I (2006). Foto: Stefan Lindauer.

Was Sie Humor nennen, ist somit auch immer eine Gegenbewegung zur bloßen Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse durch einen Künstler. Es zeigt eine künstlerische Grundhaltung im Verhältnis zum wissenschaftlichen Ausgangsmaterial an, nämlich immer auch die Gegensteuerung zu versuchen und diese spielerisch auszuformen. Dabei werden keine Grenzen zugelassen: In der künstlerischen Verarbeitungsphase ist alles erlaubt.
Ich bin kein Wissenschaftler; das wäre eine Anmaßung. Ich nehme die Wissenschaft als eine Quelle meiner Fantasie.

Diese Formulierung passt gut zu dem, was wir bisher angesprochen haben. Ich würde gern noch einmal auf Ihre Kooperation mit Chemikern zurückkommen; bislang haben wir nur einige Aspekte davon berührt. Sie gehören zu den wenigen Künstlern, die bestrebt sind, mit Technikern und Firmen zusammenzuarbeiten, um neue Möglichkeiten für die eigene künstlerische Arbeit zu gewinnen.
Durch glückliche Umstände kam ich in Kontakt zu führenden Forschern der Firma Henkel, die mir halfen, industrielle Klebstoffe für die neuartige Technik meiner Paintings step by step weiterzuentwickeln.

Welche Bedeutung haben Klebstoffe für Sie?
Das Schicksal fast aller Klebstoffe besteht darin, dass man sie nicht sieht, Klebstoffe sind immer zwischen irgendetwas. Klebstoff nimmt zwar in den industriellen Anwendungen eine immer wichtigere Rolle ein, aber er ist in der Wahrnehmung nicht existent. Ich versuche nun, diesen Klebstoff an die Oberfläche zu bringen, ihm ein Eigenleben zu geben und ihn zu ästhetisieren.

Wie haben Sie es geschafft, die Firma zum Mitmachen zu bewegen? Es gelingt ja nur wenigen, solche Kontakte herzustellen und die Wissenschaft- und Technik-Maschine in Gang zu setzen. Hier ist das angesprochen, was wir in w/k als Kooperation zwischen Wissenschaft/Technik/Ìndustrie und Kunst bezeichnen. Hier werden Dinge ausgelöst, die ein auf individuelle Weise wissenschaftsbezogen arbeitender Künstler gar nicht erzeugen kann.
Wie bereits erwähnt, stand das Glück Pate. Die Aufsichtsratvorsitzende von Henkel, Frau Bagel-Trah, kam irgendwann bei einer Ausstellung mit meinen Paintings in Kontakt und als Wissenschaftlerin mit einem geschulten Auge erkannte sie, dass meine Malerei auf keiner traditionellen Technik beruht. Weil sie zudem die künstlerische Qualität schätzte, erkundigte sie sich über den Malprozess. Die Tatsache, dass meine Malerei auf industriellen Klebesystemen beruht, ließ Frau Bagel-Trahs Neugierde und Ehrgeiz keine Ruhe, bis sich schließlich die Labortüren und Herzen der Forscher für mich öffneten und ich meine maltechnischen Forschungen in Kooperation mit den Experten beschleunigen konnte – eine wunderbare Chance. Henkels Engagement führte auch zu einem Commitment: Heute hängt in der Hauptverwaltung der Adhesive-Sparte eine raumgreifende skulptural/malerische Installation von mir: Flying Cubes. Ein, wie ich finde, überzeugendes Beispiel der künstlerischen Anwendung und Ästhetisierung eines industriellen Werkstoffs und der Kooperation zwischen Kunst und Industrie.

Thomas Schönauer: The Flying Cubes II (2013). Foto: Stefano Levi.

Kritik des linearen Denkens

Sie fordern, wie schon in Teil I erkennbar geworden ist, die Beendigung des linearen Denkens und den Übergang zum disruptiven/komplexen Denken. Dahinter scheint eine ganze Theorie zu stecken, über die wir gern noch etwas mehr erfahren würden. Was verstehen Sie unter dem linearen Denken?
Ich gebe zunächst ein Beispiel. Lineares Denken und Handeln war die Maßgabe des Herrn Winterkorn, bis zum Jahre x 12 Millionen Autos weltweit zu verkaufen und damit zur Nr. 1 aller Autoproduzenten zu werden. Die Tatsache, dass der Dieselanteil der produzierten Autos ständig stieg, gleichzeitig aber die Abgaswerte nicht auf legale Weise technisch zu einem angepeilten Preis in den Griff zu bekommen waren, änderte nichts an der Zielsetzung, und selbst kriminelles Handeln wurde in die lineare Strategie integriert.

Uns ist der Begriff „lineares Denken“ nicht vertraut; daher machen wir einen Klärungsversuch. Ist unter einer linearen Firmenstrategie eine Strategie zu verstehen, die einseitig und in gewisser Hinsicht dogmatisch auf Gewinn- und Absatzsteigerung setzt? Sogar kriminelle Aktivitäten werden in Kauf genommen, wenn sie zur Erreichung des der Diskussion entzogenen Hauptziels beitragen oder beizutragen scheinen. Lineares Denken wäre dann dogmatisches Denken, das ganz auf eine Linie setzt und alles, was nicht dazu passt bzw. sich durch äußere Faktoren objektiv verändert hat, missachtet.
Ja, so ist das gemeint: Der Begriff des linearen Denkens ist ein kritischer Begriff. Lineares Denken und Handeln ist, wenn man über den entsprechenden kritischen Blick verfügt, in den meisten Fällen schnell erkenn- und durchschaubar.

Wenn wir Sie richtig verstanden haben, ist das lineare zumeist auch ein hierarchisches Denken. Können Sie auch das an einem Beispiel erläutern?
Vielen Ingenieuren im VW-Konzern wird die Zielsetzung des Vorstandsvorsitzenden unter den Renditevorgaben absurd vorgekommen sein, die hierarchische Struktur ließ aber kein Zweifeln zu. Mit anderen Worten, wider besseres Wissen hat man sich den hierarchischen Denk- und Handelsstrukturen untergeordnet.

Verbindet man diese Auskunft mit unserer begrifflichen Klärung, so scheint Ihre These folgendermaßen formuliert werden zu können: Durch hierarchische Strukturen, wie sie in Firmen, Bürokratien und diversen anderen Institutionen zu finden sind, wird die Tendenz zum linearen als einem dogmatischen Denken, das ganz auf eine Linie setzt, verstärkt.
Das ist korrekt. Die Kritik am linearen Denken muss daher mit einer Kritik an den dieses Denken stützenden Hierarchien verbunden werden.

Damit kommen wir zum letzten Punkt unseres Gesprächs. Wenn Sie den Übergang vom linearen zum disruptiven/komplexen Denken fordern, so haben Sie dabei offenbar ein ganz bestimmtes anderes Denken im Blick. Können Sie dieses ‚bessere‘ Denken wieder an einem Beispiel verdeutlichen?
Die Frage ist doch: Wollen wir den Demagogen, den Populisten, den machthungrigen Autokraten in dieser Welt kampflos die gesellschaftlichen Entwicklungen überlassen, weil ein großer Teil der weniger gebildeten Schichten unter anderem aus Angst vor Überforderung in der sich rasant verändernden Welt ihren scheinbar einfachen Lösungen hin zu Chauvinismus, Nationalismus, Rassismus, generell zu Abschottung und Ausgrenzung bereitwillig folgt? Die Gegenreaktion kann doch nur sein, dass durch vertieftes und vernetzendes Nachfragen und Analysieren die Komplexität der Umstände aufgedeckt und ein differenzierter Lösungskatalog angeboten wird. Es muss klar werden, dass im linearen Denken und Handeln mit seinen vereinfachten Frage/Antwort-, Entweder/Oder- und Reiz/Reaktionsschemata eine der Hauptursachen aktueller gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Fehlentwicklungen liegt.

Wir danken Ihnen für das aufschlussreiche Gespräch.

(Zurück zu Teil I)

 

Beitragsbild über dem Text: Thomas Schönauer: Die Fünf (2016). Höhe: 555 cm, Edelstahl lackiert. Foto: Stefan Lindauer.

2 Kommentare

  1. Prof. Dr. Brigitte Boothe Prof. Dr. Brigitte Boothe 27. September 2018

    Ein äusserst anregendes Interview, das Thomas Schönauers innovative Verbindung von Kunst und Philosophie, Kunst und Technik, Kunst und Wissenschaft sehr anschaulich macht, sowohl im Gespräch als auch durch die überzeugenden Bilder!

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