Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Wortkunst: Eine neue Kunstform

Text: | Bereich: Beiträge von Künstlern

Wortkunst ist seit 2013 mit aktuell ca. 230 Grafiken in der Welt. Sie werden auf meiner Website Wortkunst in fünf Rubriken präsentiert:

Starke Worte

Worte an sich sind Zeichen, die erst durch den Leser wieder eine Bedeutung erhalten. Hier wird den Worten bereits eine Bedeutung zugeschrieben. In der Rubrik Starke Worte bildet der einzelne Begriff (z.B. Erfolg und Freiheit) den Ausgangspunkt, von dem aus nach einer bildnerischen/bildhaften Umsetzung gesucht wird. Die Lösung ist dann gelungen, wenn aus den abstrakten Buchstaben ein konkretes Bild entsteht, das die Wortbedeutung in eine mögliche Richtung interpretiert.

Beispiel 1: Erfolg
Die Buchstabenfolge E-r-f-o-l-g erscheint als Bogen, auf dem ein Pfeil gespannt und schussbereit anliegt. Dabei werden der Bogen und der Pfeil durch das -E- gebildet und die Pfeilfedern durch die Buchstaben r-f-o-l-g angedeutet. Das so entstandene Wortbild interpretiert Erfolg als das Ergebnis zielgerichteten Handelns.

Wortkunst
Ralf Borlinghaus: Erfolg (2013).

Beispiel 2: Freiheit
Freiheit wird als Vogel interpretiert, der sich beschwingt in die Luft erhebt. Flügel und Corpus werden durch die Buchstabenfolge f-r-e-i h und h-e-i-t gebildet. Körper und Schwanzfedern werden durch drei zusätzliche Striche markiert. Der fliegende Vogel wird als Sinnbild von Freiheit unmittelbar verstanden.

Wortkunst
Ralf Borlinghaus: Freiheit (2013).

Stadtansichten

Städte sind wie Menschen. Sie haben ein Gesicht und einen Charakter. Viele haben Allerweltsgesichter, manche sind besonders.

Bei den Stadtansichten wird der Name mit einem oder mehreren Charakteristika der betreffenden Stadt graphisch assoziiert. Das geschieht durch Modifikation einzelner Buchstaben und/oder graphische Ergänzungen. Der mit den Örtlichkeiten Vertraute erkennt seine Stadt wieder, der Fremde wird idealerweise neugierig.

Beispiel 3: Berlin
Berlin kommt mit seinem Wahrzeichen, dem Brandenburger Tor, zur Darstellung. Durch den Schriftzug B-e-r-l-i-n sind die Säulen des Bauwerks repräsentiert; die rechte Säule, Architrav und Quadriga werden durch graphische Zusätze angedeutet.

Wortkunst
Ralf Borlinghaus: Berlin (2013).

Beispiel 4: Stuttgart
Bei Stuttgart genügen drei subtile Querstriche durch das verlängerte -t-, um den Betrachter an den Fernsehturm als Wahrzeichen der Stadt zu erinnern.

Wortkunst
Ralf Borlinghaus: Stuttgart (2013).

Portraits

Jeder Mensch hat seine eigene, einzigartige Handschrift. Manche hinterlassen ihre Signatur für alle sichtbar in Geschichte und Gegenwart. Quer durch alle Lebensbereiche reichen die Portraits, die sich mit herausragenden Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kunst und Religion befassen. Dabei wird entweder ein einzelner Buchstabe zum graphischen Kristallisationspunkt, aus dem das Portrait herausgearbeitet wird (z.B. Goethe), oder alle Buchstaben des Namens werden zu bildgebenden Elementen (z.B. Marlene). Zuweilen wird die Persönlichkeit auch lediglich durch eine ihr eigentümliche Geste oder Situation zitiert. In dieser Rubrik überschreitet Wortkunst zuweilen die Grenze zur Karikatur.

Beispiel 5: Goethe
Das -G- bildet den Rahmen für ein Profilbild Goethes, das Tischbeins berühmtes Gemälde Goethe in der Campagna zur Vorlage hat.

Wortkunst
Ralf Borlinghaus: Goethe (2014).

Beispiel 6: Marlene
Bei Marlene Dietrich findet sich der gesamte Schriftzug in das Portrait integriert: Während das Gesicht aus dem -a- herausgearbeitet ist, bilden -m-, -r-l-e-n-e- den Kragen. Die seitlichen Haare sind durch zwei abgesetzte Wellenlinien ergänzt.

Wortkunst
Ralf Borlinghaus: Marlene (2016).

Politische Kunst

Der Mensch ist ein zoon politikon – Wortkunst auch. Das geschriebene Wort war von Anfang an immer auch politisch. Man denke nur an den Codex Hammurabi als eine der frühesten Schriftquellen überhaupt. Das Politische ist daher auch der Wortkunst inhärent. Durch die Verbindung von Wort und Bild entstehen starke ästhetische Statements.

Beispiel 7: Die Würde des Menschen ist unantastbar
Die Buchstaben des Artikel 1 des Grundgesetzes werden in dieser Grafik zu Flüchtlingen, die zuoberst und weit entfernt dicht zusammengedrängt auf einem durch eine Wellenlinie angedeuteten Schlauchboot sitzen. Im Wasser treiben dann einzelne Flüchtlings-Buchstaben zwischen Wasserwellen bedrohlich größer werdend direkt auf den Betrachter zu.

Wortkunst
Ralf Borlinghaus: Menschenwürde (2015).

(Ver-)Dichtung

Was dem kulinarischen Genuss recht ist, darf der Dichtung billig sein: Das Auge isst bzw. liest mit. Diese Rubrik umfasst im wesentlichen Kurztexte, die gesamthaft zu Bildern werden (z.B. Zeit & Reim), sowie Aphorismen als Wortbilder.

Beispiel 8: Zeit & Reim
Wie ein Wasservorhang rieselt dieser Text vor dem Auge des Betrachters nieder und tranquilliert den Betrachter: was man über Zeit auch sinnt / eins steht fest / dass sie zerrinnt / dass nicht zuviel Zeit verschwände / sind die Reime hier zu Ende.

Wortkunst
Ralf Borlinghaus: Zeit & Reim (2013).

Was ist Wortkunst?

Prolog
Am Anfang war das Wort. Hier wird es Kunst.
Der Gedanke kondensiert zum Wort.
Das digitale Wort mutiert gern zu Gezwitscher.
Die Handschrift bindet das Wort zurück an die Person.
Worte von Hand schreiben nennt man Schreibkunst.
Dem Wort durch Schreibung Bedeutung geben ist Wortkunst.

Wortkunst als Hieroglyphe

Bevor der Mensch die Welt beschrieben hat, hat er sie gemalt, um dann das Bild zum Buchstaben bis hin zur gedruckten Schrift zu abstrahieren – ein Prozess, der sich in jedem Menschenleben bis heute wiederholt. Von dem Moment an gehen Malen und Schreiben getrennte Wege. Und dort, wo Bild und Text sich begegnen, dient entweder das Bild dem Text als Illustration oder der Text dem Bild als dessen Beschreibung.

Wortkunst, wie ich sie verstehe, versöhnt das Malen und Schreiben, indem sie – jetzt entgegen der ursprünglichen Richtung – aus Buchstaben und Worten heraus das Bild kreiert. Im Ergebnis wird Wortkunst wieder zur Hieroglyphe: zum Wortbild (z.B. Delphin).

Wortkunst
Ralf Borlinghaus: Delphin (2013).

Wortkunst als Komposition

Geschriebene Worte werden zu Sätzen und diese in ihrer Gesamtheit zum Text. Der geschriebene Text findet seine musikalische Entsprechung in der Partitur. Beiden gemein ist, dass die Inhalte verschlüsselt sind und von Experten entschlüsselt und für die des Schreibens bzw. Musizierens Unkundigen zum Klingen gebracht werden müssen. Diesen Prozess nennt man Vorlesen oder Vorspielen bzw. -singen. Die Kundigen können Text bzw. Partitur ohne den Umweg über die äußere Geräuschbildung in ihrem Innern zum Klingen bringen und verstehen. Buchstaben bzw. Noten farbig zu gestalten bietet dabei grundsätzlich keinen Mehrwert, so dass Texte und Partituren in der Regel schwarzweiß gehalten sind.

Die Kulturtechnik des Lesens und Schreibens ist heute verbreiteter als die des Komponierens, obwohl erstere doch eigentlich abstrakter und freier ist als letztere: Der Komponist macht dem Musiker in seiner Partitur sehr genaue Vorgaben und notiert sorgfältig, wie er seine Musik gespielt haben will: Takt, Tonart und Tempo, piano oder forte, crescendo oder decrescendo und nicht zuletzt die Instrumentierung. Diese Art von Konkretisierung in der Musik findet sich in der Literatur eigentlich nur in der Regieanweisung eines Autors für sein Theaterstück.

Ansonsten ist ein Text gegenüber dem Notensatz unbestimmter. Die vielen unterschiedlichen Möglichkeiten einen Text zu gestalten sind eher illustrativ. Der vom Autor gemeinte Sinn erschließt sich nicht unmittelbar aus dem Layout des Textes selbst, sondern aus dem Kontext, den ihm der Schriftsteller gibt: Zum Beispiel kann das Wort „Liebe“ für sich, so wie es hier geschrieben ist, vieles meinen: Freude, Leidenschaft, Trauer, Eifersucht, Verlust, Sorge … Diese Bedeutungen werden beim Lesen durch den Leser je nach augenblicklicher Stimmung und Verfassung assoziiert. Will der Autor dieses Wort in einer bestimmten Weise verstanden wissen, muss er mehr Worte darum herum machen, damit es durch den Leser in seinem Sinne verstanden wird.

„Liebe“ durch einen Akkord musikalisch interpretiert lenkt die Assoziationen des Hörers in eine gewünschte Richtung, auf die der Hörer dann nur noch mit Gefallen oder Missfallen reagieren kann, wenn etwa die Leidenschaft der Musik seiner aktuell empfundenen Trauer nicht entspricht. Darin liegt die Nähe der Wortkunst zur Musik. Wortkunst gibt dem einzelnen Wort (z.B. „Liebe“) durch Konnotierung eine konkrete Deutung, die der Betrachter unmittelbar assoziiert, bzw. einen Sound, dessen Stimmung er unmittelbar empfindet. Ton und Färbung des Begriffs entstehen im Kopf, so dass Wortkunst auch mit Schwarzweiß auskommt.

Wortkunst
Ralf Borlinghaus: Liebe (2013).

Wortkunst als Protestantismus

Bildende Kunst war zunächst Handwerk und Gottesdienst, wobei der Künstler in und hinter dem Werk verschwand. Mit der Renaissance und dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit löste sich die Kunst vom Religiösen und wurde zusehends weltlich. Der aufstrebende Bürger wollte sich nun selbst feiern und in Ermangelung der Photographie vom Maler portraitiert und in seinem Status repräsentiert und dokumentiert werden. Nicht nur allein durch Eroberung, Handel und Wissenschaft eignete sich der moderne Mensch die Welt an, auch der bildende Künstler malte durch die folgenden Epochen hindurch bis hinauf in unsere Tage an der weiteren Ausgestaltung des modernen Weltbildes mit: über Barock, Klassizismus, Romantik, Realismus, Impressionismus, Expressionismus, Kubismus, Futurismus, Surrealismus, Postmoderne …

Mit fortschreitender Entmachtung von Kirche und Priesterschaft entstand eine Lücke, in der die Kunst Stellung bezogen hat. Die Heiligenverehrung hat sich in den Kult um den Künstler transformiert. Kunstwerke werden wie Reliquien gesammelt und zu astronomischen Preisen gehandelt. Kathedralen und Monstranzen haben sich in Museen und Galerien verwandelt, in denen Besucher andächtig umherwandelnd Erbauung suchen und so oft verstört zurück bleiben. Denn auch die Dekadenz des vorreformatorischen, Erlösung versprechenden Papsttums wiederholt sich im zeitgenössischen Gebaren des Kunstmarktes. Die Avantgarde hat sich längst von der Gemeinde gelöst und kehrt ihr den Rücken zu. Sie wird – wenn unverständlich und krude – zum ihren Individualismus zelebrierenden Hokuspokus, der vom Kunstsuchenden und -bedürftigen dummen Glauben und Bewunderung anstelle echter ästhetischer Teilhabe verlangt. Mit guter Kunst sollte es sich wie mit biblischen Gleichnissen verhalten: Sie sprechen zu den Ungebildeten ebenso wie sie den Gebildeten ein Leben lang zu denken geben.

Wortkunst kommt demgegenüber protestantisch daher. Sie bringt einen Gedanken bildhaft zum Klingen. Sie wendet dem Publikum nicht den Rücken zu, sondern begegnet ihm auf Augenhöhe. Der lesende Betrachter wird ästhetisch durch ein Wort oder einen Satz angesprochen und reagiert autonom und urteilsfähig mit eigenen Gedanken und Gefühlen, mit Zustimmung oder Ablehnung.

Wortkunst
Ralf Borlinghaus: Jesus (2014).

Wortkunst als Minimalismus

Alles, was geschrieben werden kann, kann auch Gegenstand von Wortkunst sein. Das ganze Spektrum menschlicher Lebenswirklichkeit von heiter bis ernst, oberflächlich bis tiefgründig, philosophisch bis politisch etc. bildet sie ab. Dabei geht es Wortkunst immer um den magischen Moment der Intuition, in dem Kopf, Herz und Bauch sich treffen und dem Begriff durch seine Schreib- und Malweise zu einem ästhetischen Ausdruck verhelfen. Die Ausführung selbst wird auf wenige Striche reduziert, so dass erst im Oszillieren von Denken und Betrachten beim Produzenten wie beim Rezipienten das ganze Bild entsteht.

Wortkunst
Ralf Borlinghaus: Sex (2013).

 


Biographische Informationen zu Ralf Borlinghaus finden sich in Die Beiträger.

Nachbemerkung der w/k-Redaktion: Verortung des Beitrags

Nach dem Anspruch ihres Urhebers Ralf Borlinghaus ist Wortkunst eine Kunstform, in der Wort und Kunst, Logos und Ästhetik, Wissen und Wahrnehmen symbiotisch verbunden sind: Wortkunst soll und will denkend betrachtet bzw. betrachtend bedacht werden. Wie lässt sich dieses Projekt in w/k verorten?

In den Bereichen Ausstellung und Kunsthistorisches konzentriert sich das Online-Journal auf Verbindungen zwischen Wissenschaft und bildender Kunst, wobei bezogen auf die Individuen drei Formen unterschieden werden: der Grenzgänger, der wissenschaftsbezogene Künstler und die Kooperation zwischen mindestens einem Wissenschaftler und mindestens einem Künstler. Die Redaktion lässt an den Rändern beider Bereiche aber auch Präsentationen von Schnittstellen-Projekten anderer Art zu. Solch ein Schnittstellen-Projekt ist Wortkunst: In der Hauptsache geht es Borlinghaus darum, an die ursprüngliche Verbindung zwischen dem Geschriebenen und dem Bildhaften anzuknüpfen und diese neu zu interpretieren. Bezogen auf die in w/k vorrangig behandelten Verbindungen zwischen Wissenschaft und bildender Kunst kann man hier von einer Verbindung zwischen Literatur und bildender Kunst sprechen. Der Wortkünstler Ralf Borlinghaus versteht sich als Geisteswissenschaftler und Künstler – das kann als besondere Spielart des Grenzgängers aufgefasst werden.

Bei den im Beitrag gezeigten Wortkunst-Arbeiten handelt es sich um Grafiken. Sie stammen alle von Ralf Borlinghaus und sind auf der Website des Künstlers Wortkunst zugänglich.

 

Beitragsbild über dem Text: Ralf Borlinghaus: Wortkunst (2013). Filzstift auf Canson-Papier im Format DIN A3.

Gib den ersten Kommentar ab

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.