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Irene Daum: Barbara Herbert – Pompeji Out of the Dark

Der Seitenblick auf das moderne Körperbild

Die in Pompeji erhaltenen Wandgemälde, Mosaiken und Graffiti geben Einblick in die Werte und die Kultur einer vergangenen Zeit. Lebensechte erotische Darstellungen in kräftigen Farben waren allgegenwärtig, nicht nur in Bordellen, öffentlichen Bädern und Gasthäusern, sondern auch in den mit Fresken geschmückten Räumen von Privathäusern, in einer Atmosphäre der Intimität. Fruchtbarkeitssymbole, die nackten Körper der Venus und des Herkules zierten zahlreiche Artefakte. Eine schön gestaltete und sinnliche Umgebung hatte einen hohen Stellenwert. Fresken zeigen Darstellungen von verführerisch in durchsichtige, reich gefaltete Gewänder gekleideten Frauen, mit Juwelen geschmückt und kunstvoll frisiert. Zahlreiche Motive bilden ekstatische Rituale ab, sie sind explizit und unmissverständlich – zärtlich sind sie nicht. Damit befasst sich Barbara Herbert – Pompeji Out of the Dark.

Die Düsseldorfer Künstlerin Barbara Herbert arbeitet seit vielen Jahren mit Wissenschaftlern aus den Bereichen Architektur, Psychologie, Pädagogik und Musikwissenschaft zusammen und hat u.a. im Jahr 2014 ein Buch zu interdisziplinären Konzepten zum Thema Raum herausgegeben. [1] In zwei neuen Werkserien widmet sie sich den Themen Sinnlichkeit, Körperlichkeit und Körperbild und setzt sich mit dem Blick der Künstlerin kritisch mit aktuellen Entwicklungen auseinander. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf der Auseinandersetzung mit den Implikationen der durch die Mode und die Medien geprägten Bilder des Weiblich-Seins und den Themen Verhüllung und Enthüllung, Verkleidung und Verfremdung.

Die Künstlerin zeichnet eine gesellschaftliche und künstlerische Entwicklung nach. In der ersten Serie präsentiert sie an die Renaissance angelehnte Arbeiten, in denen weibliche Attribute durch Kleidung und Schmuck betont wurden und für deren detaillierte Darstellung viel Mühe aufgewendet wurde. Die zweite Serie steht im Kontext der Gegenwart, in der ein androgynes Ideal vorherrscht. Weibliche Kurven werden eher verborgen und prägen ein negatives Körperbild. Diese Tendenz steht für einen Verlust der Weiblichkeit, den die Künstlerin den Betrachtern vor Augen führt.

Ihre Arbeit ist ein Plädoyer für die Wiederentdeckung und Wertschätzung der Sinnlichkeit. Barbara Herbert regt in ihrem künstlerischen Werk eine kritische Auseinandersetzung mit der Komplexität der bildlichen Darstellung in den neuen Medien an. Sie beschäftigt sich mit dem Gefühl des Ausgeliefertseins in Zusammenhang mit einer visuellen Reizüberflutung, der kontinuierlichen Neuentstehung von Bildern und deren Auswirkungen auf die menschliche Wahrnehmung aus psychologischer Sicht. Eine Reflektion der Bildlichkeit als aktiver Akt soll dazu beitragen, mit dieser Komplexität umzugehen und durch eigenes Handeln Kontrolle darüber zu erzielen.

Zärtliches Pompeji

In einer ersten Werkserie Zärtliches Pompeji (2016) setzt sich Barbara Herbert mit einer zeitgenössischen Neuinterpretation klassischer Bilder von Weiblichkeit auseinander. Akte oder erotische Darstellungen waren in der Renaissance für Künstlerinnen ein Tabu. Die Konventionen der Zeit schränkten den künstlerischen Ausdruck von Frauen auf „erlaubte“ Themen wie Porträts oder religiöse Sujets ein. Dazu gehörten auch die realitätsnahen Abbildungen von kunstvollen Stoffen, Faltenwurf und Schmuck, von eleganter Garderobe und Frisuren.

Das Verbot wurde erst im 16. und 17. Jahrhundert durch einfallsreiche Künstlerinnen umgangen, etwa durch Darstellung nackter Statuetten oder durch erotische Elemente wie das der entblößten Brust bei Maria Magdalena. Von weiblicher Hand gemalte weibliche Nacktheit spielte mit der Neigung der Betrachter, zwischen Malerin und Sujet eine Beziehung herzustellen und erregte große öffentliche Aufmerksamkeit. Die Frage, ob ein schöner Körper in der künstlerischen Darstellung nur ästhetische oder darüber hinaus gehende sinnliche Gefühle aufkommen lässt, wurde angesichts der Idee einer angeborenen weiblichen Schamhaftigkeit lange kontrovers diskutiert.

Barbara Herbert überzeichnet alte Bilder von Madonnen und anderen klassischen Frauenmotiven auf farbigem, präpariertem Papier, das an Pergament erinnert. Man dreht eine Arbeit um, und auf der Rückseite kommt eine neue Arbeit auf der Grundlage einer alten zum Vorschein, ein Bild hinter dem Bild. Die Wirkung des weiblichen Körpers – wie etwa der Venus von Giorgione – als Schlüsselreiz des Sinnlichen galt als universell und uneingeschränkt. Er war und ist aber auch ein Symbol für Zerbrechlichkeit und für die Vergänglichkeit oberflächlicher Reize.

Barbara Herberts Überarbeitungen und Übertragungen in neue Kompositionen lösen das Gewohnte auf und erzwingen einen neuen zärtlichen Blick. Die Körperlichkeit wird verschoben, es werden neue Elemente hinzugefügt, um weibliche Attribute wie die Brust als Zeichen für Natürlichkeit zu betonen. Mit wenigen entschiedenen Linien zeichnet die Künstlerin den Körper, sie minimiert und reduziert auf das Wesentliche, die Person bleibt gesichtslos. Die tägliche Auseinandersetzung mit Bildern der Medien- und Kunstwelt trifft sie als Frau. Die Folge ist eine intensive Beschäftigung mit der psychologischen Wirkung von Bildern.

Out of the Dark

In Barbara Herberts zweiter Werkserie Out of the Dark (2016) dienen Papierstücke, Ausschnitte aus Modezeitschriften und Katalogen exklusiver Dessousmarken als Werkzeuge und Bildvorlagen für ihre Collagen. Die Hochglanz-Abbildungen stellen hochwertige Unterwäsche für Frauen wie für Männer dar und wirken als starke visuell-erotische Reize. In ihren Kompositionen werden sie übereinandergelegt, geschichtet und neu zusammengefügt. Die Ausschnitte werden verdreht und neu angeordnet, ein Bild kann um 180 Grad gedreht werden und erzeugt so einen neuen Eindruck aus neuer Perspektive. Das in den Medien vorherrschende zeitgenössische Körper- und Rollenbild der Frau gibt eine unidimensionale Form der Weiblichkeit vor, eine Art Schablone, ein Modell der Frau als sexualisiertes androgynes Beiwerk. Die neue Wirklichkeit zeigt ein gender-übergreifendes Wesen, das große Herausforderungen an die Psychologie und verwandte Wissenschaften stellt.

Die Figuren der Collagen sind gesichtslos, die Künstlerin konzentriert sich auf Körperfragmente, die zu neuen Körpern verschmelzen. In einem Akt der Abstraktion wird aus der Silhouette eines Körpers die Form eines Kopfes, der mit Lack überarbeitet wird. Elemente männlicher und weiblicher Motive prallen in einem Schmelztiegel aufeinander und formen eine neue Körperlichkeit. Der Betrachter muss sich auf eine ungewohnte Sicht einlassen. Gerade die Zerstückelung fängt den Blick und eröffnet neue Sinnzusammenhänge. Die glatte Oberfläche zerbricht, der Glamour der Hochglanz-Bilder verblasst, und der Blick geht in die Tiefe.  Man richtet sich nicht mehr in dem Bild ein, das andere sich von einem machen. Zeitgenössische Modelle werden „umgemodelt“, das Starre wird aufgehoben und verfremdet.

Barbara Herbert steht in der Beschäftigung mit Geschlechterrollen und der Betrachtung vorherrschender Schönheitsideale aus kritischer Distanz in der Tradition von Hannah Höch und Hans Bellmer. Auch die aus surrealistischen Strömungen bekannte Faszination des Erotischen und die Betonung des Äußeren als Ausdruck eines urbanen Lebensstils spiegeln sich in ihrem Werk wider. Sie spielt mit feministischen Ansätzen des 20. Jahrhunderts. Sie benutzt Materialien, Stoffe, die auf traditionelle weibliche Fertigkeiten anspielen und löst den weiblichen Körper aus althergebrachten Traditionen. Sie kritisiert die Darstellung von Frauen in den Medien, indem sie sie in eine ungewohnte Umgebung montiert. In ihren Arbeiten folgt der weibliche Körper nicht mehr – wie in der Kunst vergangener Jahrhunderte – männlichen Schönheitsidealen.

Schlüsselreize des weiblichen Körpers haben heute eine andere Wirkung als noch vor wenigen Jahren, da die Wahrnehmung durch permanente Überexposition abgestumpft ist. Der Einfluss visueller Reize bleibt oberflächlicher, eine Schockwirkung kann nur noch in Ausnahmefällen erzielt werden. Die Medien überfluten den Betrachter in schneller Folge mit hochkomplexen Bildern, denen er kaum entrinnen kann. Als Folge kommt es zu einer Verunsicherung über das Erblickte und über die Beziehung zwischen wahrgenommener Darstellung und der aus der Erinnerung abgerufenen Vorstellung.

Der Körper im Auge des Betrachters

Barbara Herberts Arbeiten haben eine einzigartige unmittelbare Wirkung. Sie reißen den Betrachter aus Abstumpfung und Lethargie heraus. Sie konzentrieren sich auf den menschlichen Körper und spielen dabei mit Andeutungen. Die Betrachtung aktiviert nicht nur Wahrnehmungsmechanismen, sondern auch die Vorstellungskraft. In der Vorstellung entstehen Bilder, die anregen, stimulieren, erfreuen; die erotische Darstellung dient als Projektionsfläche für die Fantasie des Betrachters. Der erotische Blick kann somit ein nach innen gewandter sein, die Imagination kann wichtiger werden als die Realität. Es erfolgt eine Verschiebung der Wahrnehmung vom Motiv als Objekt des Anschauens hin zu den in der inneren Welt entstandenen Bildern.

Wahrnehmung bedeutet, die Umwelt mit allen Sinnen zu erfahren, Dinge zu erkennen und zu klassifizieren. Dabei kommt der visuellen Wahrnehmung bei weitem die größte Bedeutung zu, da sie die Aktivität eines großen Teils des menschlichen Gehirns beansprucht. Sehen ist ein aktiver Prozess, es geht nicht nur um das, was wir sehen, sondern auch darum, wie wir etwas sehen, um Erkennen. Diese Mechanismen werden durch implizite Annahmen, Voreinstellungen und individuelle Vorerfahrungen  geprägt. Ein kunsterfahrener Mensch sieht ein Werk „mit anderen Augen“ als ein Laie. Die eigenen Vorstellungen über die Welt  und die eigenen Erfahrungen und Erinnerungen wirken als eine Art Filter für das, was man sieht. Jeder Blick ist individuell.

Im Gehirn werden Einzelelemente, Formen und Farben verarbeitet und zu einem kohärenten Ganzen zusammengefügt. So entsteht ein Perzept, dem durch Abgleich mit gespeichertem Wissen (dem „typischen“ Aussehen eines Gegenstandes oder einer Person) eine Bedeutung zugeordnet wird. Visuelle Kategorien unterliegen einem ständigen Wandel. Barbara Herberts Kunst bricht die gewohnten Kategorien des Bildes der Frau und des Bildes eines attraktiven Körpers in der von Modezeitschriften suggerierten Form auf. Der Abgleich der Sinneseindrücke mit gespeicherten prototypischen Repräsentationen führt zu einer Diskrepanz, einem „Mismatch“, weckt Interesse, vielleicht auch Abwehr, macht auf jeden Fall neugierig. Die Künstlerin eröffnet durch die von ihr gewählte Form der non-naturalistischen Darstellung neue Perspektiven und Zugänge.

Die gewohnte Wahrnehmungsrichtung – Einzelelemente werden zu einem Ganzen integriert – wird umgekehrt. Die Beschäftigung mit Barbara Herberts Kunst erfordert einen Lernprozess, ein Umgehen mit einer vielschichtigen  Darstellung von Körperlichkeit. Eine Verschiebung der Perspektive erfolgt in verschiedener Hinsicht: die Zärtliches Pompeji-Bilder werden umgedreht und von der „Rückseite“ aus betrachtet, die zeitgenössischen Bilder können um 180 Grad gedreht und so neu betrachtet werden. Um Barbara Herberts Kunst nahe zu kommen, muss man in der Lage sein, die Perspektiven anderer oder andere Perspektiven nachzuvollziehen und zu übernehmen – eine der komplexeren Fähigkeiten des menschlichen Gehirns.

Textilien, Materialität und Haptik sind wichtige Elemente der vorgestellten Arbeiten. Stoffe spielen seit jeher als Mittel der Verhüllung und Enthüllung, als Mittel von Präsentation und Verbergen eine bedeutende Rolle. Samt, Seide und Spitze hatten und haben immer noch erotische Konnotationen. Mode und Kleidung dienen zusammen mit dem Haar nicht nur der Inszenierung von Macht und Status, sondern reflektieren auch Emotionen, Befindlichkeiten, einen persönlichen Stil. Die in Barbara Herberts Collagen verwendeten Stoffe haben eine ganz eigene Wirkung – man fühlt praktisch, wie weich, rau, seidig sich ein Stoff anfühlt. In einer synästhesie-ähnlichen Erfahrung lösen die von ihr gestalteten visuellen Reize gleichzeitig haptische Empfindungen aus. Man „empfindet“ die Struktur der Stoffe und Textilien, ähnlich wie es auch beim Betrachten der elaboriert gestalteten Tücher und Kleider auf Renaissance-Gemälden der Fall ist. Kleidung, Haar und Mode sind in der ersten Serie von Arbeiten sehr zurückgenommen gestaltet, dafür erscheinen sie in der zweiten Serie umso dichter und drängender. Man erahnt die weiblichen Formen unter den Stoffen und Schichten, die Verhüllung gibt aber nicht alles preis. Sie weckt die Neugier und wirft Fragen auf.

Am rechten Rand vieler Arbeiten der Zärtliches Pompeji-Serie finden sich Collage-Stücke aus Stoff als eine Art Griff, was die Haptik weiter in den Vordergrund stellt. Die Sinnlichkeit ist nicht nur vordergründig. Die Erfahrung entsteht durch Zusammenschalten mehrerer Kanäle, des visuellen und des taktilen Kanals. Die Erotik in Barbara Herberts Bildern hat deutlich positive Konnotationen. Sie spricht die Emotionen an und ist weder oberflächlich noch vulgär. Sie zeigt eine zärtliche Variante von Pompeji. Im Gegensatz zur ersten Serie spielen in der Out of the Dark-Serie sowohl Frauen als auch Männer eine tragende Rolle. Die Werke sollen beide Geschlechter ansprechen. In der Antike dienten nackte männliche Körper mit ausgeprägten Muskeln dem Ausdruck körperlicher Stärke oder auch harter Arbeit.

Sie repräsentierten nicht zuletzt auch die soziale Bedeutung und Machtposition eines Mannes; ein bekanntes Beispiel sind die Fruchtbarkeitsdarstellungen in Pompeji. Barbara Herberts Männer grenzen sich davon ab. Sie stehen für Erotik und Ästhetik über die Gender-Rolle hinaus. Ein Bild berührt nicht nur durch das, was man sieht, sondern auch durch das, was man beim Sehen fühlt. Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der Inhalt eines Kunstwerkes im Gehirn des Betrachters „gespiegelt“ wird. Die Darstellung von Schmerz aktiviert Schmerzzentren beim Betrachter. Es stellt sich die Frage, ob erotische Motive erregend wirken oder aber einen rein ästhetischen Effekt haben können, d.h. einen Sinn für Schönheit oder Ästhetik ansprechen, und inwiefern sich die Wirkung bei Männern und Frauen in Abhängigkeit vom dargestellten Motiv unterscheidet. Dies liegt im Auge (und Gehirn) des Betrachters.

In den Lifestyle-Magazinen der westlichen Kultur wird eine sehr schlanke Figur mit Schönheit und Gesundheit gleichgesetzt. Dieser Trend zieht häufig eine intensive Beschäftigung mit dem eigenen Gewicht und ein verzerrtes Körperbild nach sich. Die Bedeutung der äußeren Erscheinung ist traditionell bei Frauen größer als bei Männern. Gewicht und Figur bestimmen den eigenen Wert. Barbara Herbert prangert diese Entwicklung mit den Mitteln der Künstlerin an. Sie setzt eine Dekonstruktion des angepriesenen Körperbildes und eine Neuorientierung in Richtung einer weniger oberflächlichen und fremdbestimmten Körperlichkeit dagegen. Die Wirkung ihrer Kunst geht über das Körperliche weit hinaus: sie fordert ein von den Maßstäben und Vorgaben der Gesellschaft unabhängiges Selbstbild von Frauen (und Männern).

Beitragsbild über dem Text: Links: Barbara Herbert: Zärtliches Pompeji VIII (2016). 24 x 19 cm, Collage, Zeichnung mit Öl. Rechts: Barbara Herbert: Zärtliches Pompeji Ia (2016). 24 x 19 cm, Collage, Zeichnung mit Öl. Fotos: Moritz Niehues.

[1] Herbert, B. & Samssuli, J. (Hrsg.): Urban Traces – Wahrnehmung im öffentlichen Raum. Athena Verlag, Oberhausen, 2014.

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