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Die Hybrid Plattform

Text: Nina Horstmann | Bereich: Kunstbezogene Wissenschaft

Übersicht: Die Hybrid Plattform ist eine für Berlin einzigartige universitäre Einrichtung an den Schnittstellen von Kunst, Wissenschaft und Technik. Projekte und Aktivitäten aus zehn Jahren Arbeit beim disziplinen- und institutionenübergreifenden Austausch zwischen der Technischen Universität Berlin und der Universität der Künste Berlin werden vorgestellt, und über Gelerntes wird reflektiert. Primäre Themen sind die disziplinenübergreifende Lehre, Forschungsprojekte, Veranstaltungen und die Einrichtung von Labs als Orte der Zusammenarbeit.

Im Jahr 2011 haben die Universität der Künste Berlin (UdK Berlin) und die Technische Universität Berlin (TU Berlin) eine gemeinsame Einrichtung ins Leben gerufen, die Künste, Wissenschaft und Technik verbindet. Sie gründeten die Hybrid Plattform, die – wie Martin Rennert (Präsident der UdK 2006–2009) formuliert – „für die Künste wie für die Wissenschaften Perspektivwechsel anregt, die neue Gedanken ermöglichen und zukunftsträchtige Arbeitsweisen, Forschungsfelder, Lehrformate und Produkte hervorbringen“[1]. Im Folgenden soll jenen, die sich für das Thema „Kunst und Wissenschaft“ interessieren, ein Einblick geboten werden, wie das Projekt bislang realisiert worden ist. Vor der Hybrid Plattform gab es international und national bereits mehrere Versuche, Kunst und Wissenschaft zu verbinden, doch unterscheiden sich jeweils die Strukturen, Ansätze und Ansprüche. Ziel ist es nicht, einen Vergleich vorzunehmen, sondern die Umsetzung auf dem Campus Charlottenburg vorzustellen. Der Ansatz, disziplinenübergreifend zu arbeiten, wird an einer wachsenden Anzahl von Universitäten verfolgt und unmittelbar kommen einem das MIT Center for Art, Science & Technology (CAST / Massachusetts Institute of Technology) oder UCLA Art|Sci Center (University of California) in den Sinn. Zunehmend finden sich Forschungsprojekte, die zur weiteren Verbreitung ihrer Ergebnisse mit kreativen Geistern zusammenarbeiten; es gibt z.B. Künstlerresidenzen, die Künstler*innen einen Einblick in die meist naturwissenschaftliche Forschung geben; die Einladung von Gästen aus Kunst und Wissenschaft zu einem gemeinsamen Podiumsgespräch wird geradezu Normalität.

Zum Profil der Hybrid Plattform gehört, dass sie zwei Universitäten zu gleichen Teilen untersteht, welche die Grenzüberschreitung durch eine gemeinsame Initiative langfristig fördern wollen. Sie konzentriert sich sowohl auf ein Verbinden der jeweiligen Aktivitäten als auch auf ein Entwickeln von gemeinsamen Infrastrukturen bzw. Systemen,  ohne eine strategische Ausrichtung oder Zielvorgaben zu diktieren. Es geht um die (systemische) Ermöglichung der Zusammenarbeit, ohne dass diese in etablierte theoretische Kategorien der Kunst-Wissenschaftspraxis wie z.B. künstlerische Forschung[2] oder Innovation[3] fällt. Um beiden Einrichtungen und den jeweils spezifischen Wissenschaftssystemen gerecht zu werden, ist der Ansatz des disziplinenübergreifenden Austauschs vielmehr weit gefasst und die Hybrid Plattform neutral in ihrer Ausrichtung. Dies ermöglicht ihr, alle Anliegen und Ansinnen zu unterstützen, auch wenn diese in ihrem jeweiligen Anspruch manchmal gegensätzlich sind. Diese Herangehensweise bietet Freiraum, erlaubt ein flexibles Reagieren auf Ideen und bietet die Möglichkeit, mit Neugier und Freude am Austausch diesen zu fördern.

Auf verschiedenen Ebenen hat die Hybrid Plattform auf dem Campus Charlottenburg einen Wandel angestoßen, der – wie man mittlerweile sieht – langfristiges Umdenken und innovative Unterfangen in Gang gesetzt hat. Events, bei denen sich Kunst und Wissenschaft treffen, wie die Hybrid Encounters oder die Hybrid Talks, locken bis zu 600 Besucher*innen an; ein erster Forschungszusammenschluss hat es gar bis in die zweite Runde der Exzellenzcluster-Anträge bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geschafft; der gemeinsame Studiengang wurde ins Leben gerufen. Dies sind nur einige Aktivitäten, die durch die Hybrid Plattform angestoßen bzw. ermöglicht wurden.

Im Folgenden wird der Kontext, in dem die Hybrid Plattform agiert, vorgestellt und über Gelerntes reflektiert[4]. Der Vielfalt der Disziplinen an beiden Universitäten entsprechend, ist die Hybrid Plattform selbst thematisch offen gehalten und kann agil Inhalte und Formate entwickeln. Sie ist für Lehrende, Studierende, Mitarbeitende der Verwaltung, für Partner und externe Interessierte eine erste Anlaufstelle für Ideen zu institutsübergreifenden Projekten, bei der Suche nach spezifischer Expertise und bei Fragen zu Belangen jenseits der eigenen Institution. Die Hybrid Plattform ist akademischer Inkubator für neue Ideen im vernetzten Forschen und in der Lehre, wie auch für die Erarbeitung größerer Programme zur gemeinsamen Forschung. Darüber hinaus ist sie kommunikative Schnittstelle zwischen den beiden Universitäten, dem Campus Charlottenburg, der Kultur- und Wissenschaftslandschaft und der Öffentlichkeit sowie organisatorischer Adapter zwischen den beiden Hochschulen und anderen Kooperationspartnern.

Örtliche Verknüpfungen als treibende Kraft

Ein begünstigender Faktor für diese gemeinsame Initiative der UdK Berlin und der TU Berlin ist die geographische Nähe der beiden Hochschulen, die beide einen Großteil ihrer Häuser inmitten Berlins auf dem Campus Charlottenburg haben. „Mit der Hybrid Plattform haben wir […] eine Möglichkeit, die örtliche Nähe zwischen einer technischen und einer künstlerischen Universität – die ein großer Glücksfall ist – innovativ zu nutzen“[5], so Christian Thomsen, Präsident der TU Berlin seit 2014, in einem 2017 veröffentlichten Infoflyer. Auf dem Campus besitzt die Hybrid Plattform auch einen eigenen Ort des Austauschs: das Hybrid Lab.

Hybrid Lab (2017). Foto: Hybrid Plattform.
Hybrid Lab (2017). Foto: Hybrid Plattform.

Es ist ein Arbeits-, Veranstaltungs- und Experimentierraum; dieser kann temporär, flexibel und projektbasiert genutzt werden. Als neutraler dritter Ort auf dem Campus Charlottenburg bietet das Hybrid Lab die Möglichkeit, sich hochschul- und fächerübergreifend auszutauschen. Einzige Nutzungsvoraussetzung ist, dass es sich um künstlerisch-wissenschaftliche Kollaborationen zwischen der UdK Berlin und der TU Berlin handelt, die ein Experimentierfeld für disziplinenübergreifende oder inter- bzw. transdisziplinäre Forschung schaffen. Die Gestaltung von geschützten „hybriden Räumen“[6], die eine Loslösung aus den disziplinären und institutionellen Kontexten (und damit von den gewohnten Ritualen, Instrumenten etc.) bieten, lassen „entschleunigte Orte und Zeiten der gemeinsamen Verständigung“[7] und Erkenntnisgewinnung entstehen [8]. Seit 2019 betreut die Hybrid Plattform auch das Berlin Open Lab[9].

Berlin Open Lab (2019). Foto: Felix Noack.
Berlin Open Lab (2019). Foto: Felix Noack.

Hier wird der Raumgedanke noch einen Schritt weitergetragen und für Gestalter*innen, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen auf fast 1.000 m2 ein gemeinsamer Ort der Forschung und der Prototyping-Werkstätte, d.h. der Arbeitsräume zum praktischen Werkeln, geboten. Schon in der kurzen Zeit seines Bestehens konnte das Berlin Open Lab mehrere Forscher zu innovativen Kollaborationen zusammenbringen. Aktuell werden Smart Materials, d.h. Materialien mit erweiterten Eigenschaften, sowohl im Textil- als auch im Designbereich erforscht, neuartige Methoden und Materialien für Baustoffe werden erprobt, andere beschäftigen sich mit Themen rund um Digitalisierung und Gesellschaft.

Kollaboration in Forschung und Lehre

Die gemeinsame Gewinnung von Erkenntnissen soll jedoch auch jenseits spezieller Räume, d.h. jenseits der für die Kollaboration ausgestatteten und ausgewiesenen Labs, geschehen, und ein Anliegen der Hybrid Plattform ist es, den disziplinenübergreifenden Austausch in die Lehre zu tragen. Es gibt eine wachsende Anzahl von Lehrveranstaltungen, die explizit für Studierende der UdK Berlin und der TU Berlin zusammen angeboten werden. Hierbei begeben sich Lehrende, Studierende, künstlerische und wissenschaftliche Mitarbeiter*innen beider Hochschulen zusammen in den Diskurs und ins Experiment, ihre jeweiligen Expertisen zu verbinden.

Workshop Augmented-Reality (2018). Foto: Hybrid Plattform.
Workshop Augmented-Reality (2018). Foto: Hybrid Plattform.

So lief ein Kurs für Mitarbeiter*innen im dritten Zyklus zu Augmented-Reality (AR) – der Erweiterung von optischen Wahrnehmungen durch digitale Einblendung z.B. von Bildern oder Zusatzinformationen –, bei dem die Teilnehmer*innen aus Kreativbereichen (Produktdesigner, Architekten, Grafiker usw.) und Ingenieurswissenschaften mit den gleichen Tools an unterschiedlichen Problemstellungen arbeiteten. Der gemeinsame Master-Studiengang Design & Computation wird noch im Jahr 2020 starten; er wird Wissenschaftler*innen und Gestalter*innen unterschiedlichster Hintergründe mit dem Ziel zusammenbringen, den kritisch-kreativen Umgang mit neuen Technologien zu erlernen[10]. Doch auch grundlegende Fähigkeiten und Wissen darüber, wie man im Wissenschaftskontext erfolgreich die Zusammenarbeit über Institutionen und Grenzen der Wissenschaft und der eigenen Disziplin hinweg angehen kann, werden vermittelt. In einem jährlichen Workshop für Lehrende sowie wissenschaftliche und künstlerische Mitarbeiter*innen bietet die Hybrid Plattform zusammen mit dem Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin den Workshop Inter- und Transdisziplinarität – Forschung gestalten zwischen Wissenschaft, Technik, Kunst und Gesellschaft an. Ziel ist eine systematische Auseinandersetzung, Reflexion und Sensibilisierung anhand von Aufgaben und Herausforderungen, die sich bei der Gestaltung von Prozessen über die Bereiche Wissenschaft, Technik, Kunst und Gesellschaft hinweg ergeben. Der Workshop liefert theoretische Grundlagen zum besseren Verständnis dieser Forschungsart und erprobt methodische Ansätze zur erfolgreichen Realisierung inter- und transdisziplinärer Projekte, auch mit dem Einbezug künstlerischer oder kreativer Positionen. In diesem Workshop wird deutlich, was sich an vielen Ecken und Enden widerspiegelt: Das Interesse am disziplinenübergreifenden Arbeiten und an einem Austausch zwischen Kunst und Wissenschaft wächst, doch es bleibt eine große Unsicherheit, wie man vorgehen soll und auch, was das Ergebnis und das Ziel sein kann.

Publikation Hybrid Encounters in the arts and sciences (2020). Foto: Hybrid Plattform.
Publikation Hybrid Encounters in the arts and sciences (2020). Foto: Hybrid Plattform.

Austausch als Quelle der Inspiration

Diese Fragestellung aufnehmend, hat die Hybrid Plattform gemeinsam mit der Schering Stiftung im Jahre 2019 das Heft Hybrid Encounters in the arts and sciences. A dialogue[11] publiziert: Es basiert auf einem Expertengespräch zwischen vier Kurator*innen und Grenzgänger*innen, die teilweise seit Jahrzehnten in Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen darüber arbeiten. Alle sind sich einig, dass die Arbeit an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft wertvoll, doch je nach Projekt und Kontext sehr unterschiedlich ist. Mal führt das Lernen von anderen Methoden und Herangehensweisen zu einem Mehrwert, mal liegt der Gewinn in der Reibung, es werden akademische oder wissenschaftliche Herangehensweisen infrage gestellt und womöglich dadurch Innovationen auf den Weg gebracht – und manchmal macht es einfach Spaß und bringt neue Energie. Weniger Einigkeit besteht jedoch (auch) bei den Expert*innen darüber, wie dieser Wert erzeugt, festgehalten und relevant wird. Als ein wichtiger Nenner für einen erfolgreichen Austausch wurde die Rolle der Kuratoren genannt, d.h. jener Personen, die den Dialog zwischen den Disziplinen anregen, führen und weiterbringen. Gerade auf einer institutionellen Ebene ist diese Rolle für einen langfristigen Wandel bzw. für die Normalisierung der Zusammenarbeit entscheidend. Die Erfahrungswerte der Hybrid Plattform zeigen, dass ihrer Scharnierfunktion auf dem Campus und bei den zahlreichen Angeboten in der Anbahnung von Kooperationen eine bedeutende Rolle zukommt. Durch ihre Vernetzung mit den einzelnen Fakultäten und Servicebereichen der Universitäten kann sie disziplinären und institutionellen Restriktionen entgegenwirken, wichtige Informationen kommunizieren und helfen, Strukturen für die Projektrealisierung aufzubauen. Zudem braucht es gerade in der Anfangsphase von Projekten eine treibende Kraft, um die Gespräche zwischen potentiellen Partner*innen anzustoßen und weiterzubringen. Die Hybrid Plattform versteht sich als Ermöglicherin und Vermittlerin von Disziplinengrenzen überschreitenden Vorhaben und beschreibt ihre Aktivitäten als „unterstützen“, „anregen“, „aufspüren“, „matchen“, „bündeln“, „katalysieren“ oder „ins Gespräch kommen lassen“. Dahinter wird ein Verständnis von Austausch erkennbar, das erfolgreiches gemeinsames Handeln über Disziplinengrenzen hinweg als emergent, d.h. durch Zusammenwirken mehrerer Faktoren unerwartet neu auftretend, betrachtet. Dies kann zwar nicht im Einzelnen geplant oder gar vorhergesagt werden, aber die Bedingungen für die Herausbildung lassen sich beeinflussen, indem hybride Arbeitsweisen unterstützt und „klug und effizient koordiniert“[12] werden. Das Vorgehen ist (noch) ein meist intuitives und speist sich aus den langjährigen Erfahrungen der Mitarbeiterinnen in der Arbeit an solchen Schnittstellen. Die Frage, wie man jedoch stärker auch methodisches Wissen aufbauen kann, ist bisher ungelöst, wenngleich hierzu schon viele Gespräche mit (inter-)national ähnlich aufgestellten Akteurinnen geführt wurden.

PushPull (2016). Foto: 3DMIN.
PushPull (2016). Foto: 3DMIN.
PushPull (2016). Foto: 3DMIN.
PushPull (2016). Foto: 3DMIN.

Zwischen Koordination und Kuration

Auch in Forschungsprojekten, die von der Hybrid Plattform betreut wurden, hat sich herausgestellt, dass sie als Begleiterin die Rolle der Vermittlerin bzw. Kuratorin einnehmen muss, um neue Initiativen entstehen zu lassen. Dies war eine der Lehren aus dem mit einer Million Euro geförderten Forschungsprojekt Rethinking Prototyping, bei dem Architekt*innen, Produktdesigner*innen, Informatiker*innen, Industrielle Informationstechniker*innen und andere gemeinsam versuchten, die Methode des Prototyping und die jeweiligen Ansätze der unterschiedlichen Disziplinen miteinander zu verschränken.[13] Ein Ergebnis der Prozessevaluation des Projektes war, dass ein Bedarf an fortgesetzter Begleitung und Moderation der Projekte in Form einer dialogisch orientierten Begleitforschung durch die Hybrid Plattform besteht.[14] Ebenso müssen Beiträge kuratiert werden; nicht alles, was in einem Projekt erarbeitet wird, hat wirkliche Relevanz für die Kooperation, anderes ist von Interesse, doch es geht aufgrund bestehender disziplinärer Blickweisen unter. Ähnliche Erfahrungen wurden bei dem Forschungsprojekt Design, Development and Dissemination of New Musical Instruments (3DMIN) gemacht, einem interdisziplinären Verbund aus Musikwissenschaft, musikalischer Akustik und Musiktechnologie, Komposition, Computational Art und Designwissenschaften. Gemeinsam entwickelte der Verbund neue elektronische Musikinstrumente für zeitgenössische Musik (wovon ein Instrument in dem Guthman Instrumente-Wettbewerb den dritten Platz belegte) und präsentierte seine Ergebnisse in einer Ausstellung und mit Live-Konzertaufführungen von neukomponierten Stücken. Die Hybrid Plattform hat die Projekte bei der Initiierung und der Förderantragsstellung aktiv unterstützt, an der Projektdurchführung jedoch nur punktuell teilgenommen. Aber auch hier wiederholte sich die Erfahrung, dass sie oder eine vergleichbare Instanz als prozessbegleitende Einheit die Zusammenführung der einzelnen Inhalte während des Projektes hätte verbessern können.[15] Als Anregung gilt es, ähnlich wie im Diskurs der transdisziplinären Forschung erkannt, bei der Planung von großen, Disziplinengrenzen übergreifenden Forschungsprojekten neben der Rolle der Koordination des Projektes eine weitere Person für die Wissensintegration einzuplanen[16], so dass „aus unsicherem Wissen konsolidiertes Wissen“[17] wird. Entscheidend ist auch das Akzeptieren eines teilweise zirkulären Projektverlaufs, bei dem Spannungsfelder entstehen, iterative Schleifen gedreht werden und letztendlich der „kooperative Gewinn nicht im Kompromiss, sondern in der Koordination heterogener Komponenten“[18] besteht.

Trotz ihrer Wichtigkeit wird in der Literatur die Arbeit der Grenzgänger*innen wenig beachtet[19], gerade auch in ihrer Rolle als Kommunikator*innen nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. So gewinnt z.B. die Hybrid Plattform in dieser Funktion an Bedeutung, insbesondere angesichts einer Förderlandschaft, in der der Begriff „Outreach“, d.h. Öffentlichkeitsarbeit und Wissenschaftskommunikation, zunehmend an Relevanz gewinnt. Hier konnte die Hybrid Plattform bei den genannten Forschungsprojekten einen wichtigen Beitrag leisten und die Ergebnisse in die Öffentlichkeit tragen. Mit einer Webseite, auf der alle grenzübergreifenden Lehrangebote und Projekte vorgestellt, Veranstaltungen angekündigt und wöchentliche Artikel zum Thema „Kunst und Wissenschaft“ (mit einem Fokus auf Projekte der TU Berlin und der UdK Berlin) publiziert werden, hat die Hybrid Plattform über die Jahre eine große, interessierte Community aufgebaut. Auch über Social Media werden die Informationen weitergetragen und Printprodukte – von Plakaten bis hin zu Flyern – lassen weitere Personen auf die Hybrid Plattform neugierig werden. Es geht bei ihr weniger um ein bloßes Kommunizieren von Ergebnissen, als um die Anregung zum Austausch zwischen Kunst und Wissenschaft und den Abbau von (geistigen und systemischen) Barrieren. Hier setzt z.B. die erfolgreiche Veranstaltungsreihe Hybrid Talks an, die in den letzten sechs Jahren bereits vierzig Mal stattgefunden hat. Das Format ist simpel: Fünf Sprecher*innen aus dem Lehrendenpool der UdK und der TU sowie eine externe Person haben je zehn Minuten Zeit, um einen Einblick in ihre Forschung, kreative Arbeit oder Kunst zu geben. Dadurch, dass die Vorträge unter einem Oberthema stehen, wie z.B. Zeit, Transparenz, Vergänglichkeit und Intelligenz, werden in den Beiträgen immer wieder auch unerwartete inhaltliche oder methodische Überschneidungen oder aber ergänzende Herangehensweisen oder Wissensbereiche entdeckt. Entscheidend ist jedoch, dass im Anschluss an die Veranstaltung alle Sprecher*innen und Besucher*innen zum informellen Austausch bei Drinks eingeladen sind, was zu angeregten Diskussionen und einem lebhaften Austausch zwischen Vertreter*innen unterschiedlichster Themenfelder führt. Diese Veranstaltungsreihe erfreut sich großer Beliebtheit bei Studierenden, Lehrenden und Interessierten. Durchschnittlich finden sich um die 70 Personen pro Veranstaltung ein – und das trotz eines reichhaltigen Veranstaltungsprogramms in Berlin. Auch andere Veranstaltungsformate wurden in Kooperation mit externen Partnern wie der Schering Stiftung und dem Futurium ins Leben gerufen, um Beiträge rund um das Thema „Künste, Wissenschaft und Technik“ auch in die Gesellschaft zu tragen.

Hybrid Futures Event mit Hito Steyerl (2019). Foto: René Anrold.
Hybrid Futures: Event mit Hito Steyerl (2019). Foto: René Arnold.

Die Hybrid Plattform hat in ihren zehn Jahren Existenz einen Kulturwandel innerhalb der TU und der UdK beobachten können. Zunehmendes Interesse besteht an dem aktiven Austausch miteinander, hybride Themen und Projekte gewinnen an Normalität, und es wird auch auf der systemischen Ebene eine engere Verquickung von Kunst, Wissenschaft und Technik sowie der beiden Hochschulen realisiert. Die Hybrid Plattform ist bestimmt nicht die alleinige Ursache für diesen Kulturwandel in Berlin, doch hat sie ihn entscheidend vorangetrieben. Das Feedback läuft stets darauf hinaus, dass es wertvoll ist, eine Serviceeinheit zu haben, die diese Projekte mitinitiiert, unterstützt, vorantreibt und auch die individuellen, strukturellen und administrativen Hindernisse zu umschiffen weiß. Jedoch selbst mit dieser Expertise zur disziplinenübergreifenden Praxis benötigt die nicht mono-disziplinäre Forschung und Lehre mehr Ressourcen: Inter- und transdisziplinäre Integrationsprozesse bedürfen eines höheren Aufwands (zeitlicher, personeller, finanzieller, räumlicher Art), neue Qualitäts- und Evaluationskriterien sind vonnöten (und auch nicht abschließend festgelegt, sondern noch sehr in ihrer Entwicklung), und es braucht angesichts der Knappheit der finanziellen Mittel „kluge Verteilungsentscheidungen“[20]. Die Hybrid Plattform hat das große Glück, diese Unterstützung von den Hochschulleitungen zu erfahren. Diese sehen, wie Herausforderungen einer immer komplexer werdenden Welt nur durch mehrdimensionale Perspektiven und Forschungsansätze produktiv angegangen werden können. Die Hochschulleitungen schätzen den Mehrwert einer hybriden Kultur, das Ausbilden in kooperativen Kompetenzen und die Forschung jenseits der Disziplinen als Teil des Bildungsauftrags der Universitäten. Es ist für sie eine Investition in die Zukunft, in der neuen Ideen und kreativ-innovative Lösungsansätze gefragt und gebraucht werden.

▷ Hier finden sich weitere w/k-Beiträge, die sich auf das 12. Forum Wissenschaftskommunikation beziehen

Beitragsbild über dem Text: Hybrid Plattform Wegweiser (2016). Foto: Hybrid Plattform.


[1] URL: https://www.hybrid-plattform.org/services/publikationen (abgerufen am 09.03.2020).
[2] Siehe z.B. Jens Badura, Selma Dubach, Anke Haarmann, Dieter Mersch, Anton Rey, Christoph Schenker und Germán Toro Pérez (Hrsg): Künstlerische Forschung. Ein Handbuch. Berlin, Zürich 2015.
[3] Siehe z.B. Claudia Schnugg: Creating Artscience Collaboration. Bringing Value to Organziations. Basingstoke 2019.
[4] Für weitergehende Lektüre sei auf die Webseite der Hybrid Plattform verwiesen, wo alle Projekte und Veranstaltungen vorgestellt werden (URL https://www.hybrid-plattform.org/).
[5] URL: https://www.hybrid-plattform.org/services/publikationen (abgerufen am 09.03.2020).
[6] Ulli Weisz, Sandra Karner, Ralph Grossmann, Peter Heintel: Zwischen Welten. Transdisziplinäre Forschungsprozesse realisieren. In: Gert Dressel, Wilhelm Berger u.a. (Hrsg.): Interdisziplinär und transdisziplinär forschen. Praktiken und Methoden. Bielefeld 2014, S. 121–134 (bes. S. 130).
[7] Katherina Heimerl, Gert Dressel, Verena Winiwater, Wilhelm Berger: Doing Inter- und Transdisziplinärität. In: Dressel, Berger u.a. (Hrsg.): Interdisziplinär und transdisziplinär forschen (wie Anm. 6), S. 297–312, (bes. S. 305).
[8] Vgl. Julia Warmers, Christoph Gengnagel: Neue Dynamiken durch Kooperation – die Hybrid Plattform als inter- und transdisziplinärer Denk- und Forschungsraum. In: Günther Abel, Martina Plümacher (Hrsg.). The Power of Distributed Perspectives. Berlin 2017, S. 137–172.
[9] Siehe URL: https://berlin-open-lab.org/ (abgerufen am 09.03.2020).
[10] Studiengänge mit ähnlichen Inhalten und Ansätzen existieren u.a. mit Digital Media in Bremen und Digital Humanities in Stuttgart.
[11] Nina Horstmann, Christina Landbrecht (Hrsg.): Hybrid Encounters in the arts and sciences. A dialogue. Hybrid Stiftung / Schering Stiftung. Berlin 2019. URL: hhttps://www.hybrid-plattform.org/services/publikationen (abgerufen am 09.03.2020).
[12] Jürgen Mittelstraß: Methodische Transdisziplinarität. In: TATuP – Zeitschrift des ITAS zur Technikfolgenabschätzung, 14/2 (2005), S. 18–23. URL: http://www.tatup-journal.de/tatup052_mitt05a.php (abgerufen am 09.03.2020).
[13] Erfahrungen aus der koordinierenden Begleitung des Projektes werden in der Publikation zum Projekt beschrieben. Siehe: Christoph Gengnagel, Emilia Nagy, Rainer Stark (Hrsg.): Rethink! Prototyping. Transdisciplinary Concepts of Prototyping. Berlin 2016.
[14] Vgl. Maria Oppen, Claudia Müller: Von der Kollision zur Kooperation. Zusammenarbeit zwischen künstlerisch-gestaltenden und technisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen. Berlin 2014. URL: https://www.hybrid-plattform.org/services/publikationen (abgerufen am 09.03.2020).
[15] Vgl. Johanna Schindler: Subjectivity and Synchrony in Artistic Research – Ethnographic Insights. Bielefeld 2018.
[16] Vgl. Marcel Hunecke, Ines Heinen: Methodologische GrenzgängerInnen – Transdisziplinäre Wissensintegration durch UmweltpsychologInnen in der Nachhaltigkeitsforschung. In: Umweltpsychologie 16(1) (2012), S. 88–111.
[17] Arno Bammé, Armin Spök: Probleme wahrnehmen und strukturieren. In: Dressel, Berger u.a. (Hrsg.): Interdisziplinär und transdisziplinär forschen (wie Anm. 6), S. 37–49 (bes. S. 39).
[18] Wolfgang Krohn: Künstlerische und wissenschaftliche Forschung in transdisziplinären Projekten. In: Martin Tröndle, Julia Warmers (Hrsg.): Kunstforschung als ästhetische Wissenschaft. Beiträge zur transdisziplinären Hybridisierung von Wissenschaft und Kunst. Bielefeld 2012, S. 1–19 (bes. S. 16).
[19] Ein interessanter Artikel zu den Herausforderungen und Anforderungen, u.a. mit Bezug auf die Fachkompetenzen, Methoden- und Feldkompetenzen, sozialen Kompetenzen, personalen / intuitiven Kompetenzen, sowie die Steuerungs- und Leitungskompetenzen in Forschungsteams, Praxisfeld / Praxissystem und Wissenschaftssystem, ist der Artikel Larissa Krainer, Ruth Lerchster: Management von transdisziplinären Forschungsprojekten im Spannungsfeld von Rollenflexibilität, Aufgabenvielfalt und mehrdimensionalen Kompetenzanforderungen. In: Forschung, 2015/08/20, S. 89 – 99.
[20] Katherina Heimerl, Gert Dressel, Verena Winiwater, Wilhelm Berger: Doing Inter- und Transdisziplinärität. In: Dressel, Berger u.a. (Hrsg.): Interdisziplinär und transdisziplinär forschen (wie Anm. 6), S. 297–312 (bes. S. 308).

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