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Peter Tepe: Nachruf auf einen Kunstlehrer

Veit Lindenmeyer, der während meiner bis 1968 dauernden Oberstufenzeit am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium in Osnabrück mein Kunstlehrer war, ist am 1. November 2019 im Alter von 86 Jahren verstorben. Diese Nachricht hat mich sehr berührt und Erinnerungen geweckt, die mitzuteilen ich mich gedrängt fühle.

Lindenmeyer war am EMA – so die gebräuchliche Abkürzung – von 1962 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1996 tätig. Ihm gelang es, den nicht unschwierigen und insgesamt nur mäßigen Schüler durch seinen engagierten und kompetenten Kunstunterricht für die bildende Kunst sowie die Auseinandersetzung mit Problemen der Ästhetik und der Kunsttheorie zu begeistern. Eine wichtige Rolle spielte dabei der von Lindenmeyer zusätzlich angebotene Arbeitskreis, in dem er hauptsächlich Vorträge über die Entwicklung der bildenden Kunst im 20. Jahrhundert und über neuere Kunsttheorien hielt, die mich in ihren Bann zogen. Die Teilnehmer des Arbeitskreises, die auch untereinander Kontakt hatten, besuchten zusammen mit anderen interessierten Schülern mehrere Ausstellungen moderner bildender Kunst in anderen Städten.

In der Unter- und Mittelstufe war ich nebenher musikalisch aktiv: Ich lernte Sopran-, Alt-, Tenor- und Bass-Blockflöte, was zu diversen Auftritten führte, und wechselte dann zur Querflöte über. In der Mittelstufe ließ das Interesse am Musikmachen allmählich nach. Durch Veit Lindenmeyer wurde die in der produktiv-kreativen Dimension entstandene Lücke dann durch den Komplex bildende Kunst/Kunsttheorie gefüllt. Er setzte etwas bei mir in Bewegung. Einerseits malte ich nun sehr viel, und andererseits las ich etliche kunsttheoretische Texte, darunter Bücher und Aufsätze, die Lindenmeyer mir auslieh und über deren Thesen wir auch privat diskutierten.

In einem kleinen Keller des Elternhauses durfte ich eine billig erstandene Werkbank platzieren; hier war ich jeden Tag mehrere Stunden mit meinen künstlerischen Experimenten beschäftigt. Das dafür benötigte Papier stellte mir Lindenmeyer zur Verfügung, und ich zeigte ihm regelmäßig, was ich produziert hatte. Seine Kommentare waren unterstützend-motivierend, aber auch kritisch-fordernd: Er wies mich auf gestalterische Unebenheiten hin, machte auf alternative Möglichkeiten aufmerksam, gab mir Bücher über Künstler, die für meine weitere Entwicklung wichtig sein könnten …

Irgendwann traf ich dann die Entscheidung, ein Kunststudium aufnehmen zu wollen. Obwohl ich von meinem Vater, der Volksschullehrer war, gewisse pädagogische Fähigkeiten vermittelt bekommen habe, die ich unter anderem im Sportverein zur Geltung brachte, wollte ich in jugendlichem Leichtsinn alles auf eine Karte setzen und freie Kunst studieren, nicht Kunstlehrer werden. Veit Lindenmeyer befürwortete dieses Vorhaben, und es gelang ihm auch, meine skeptischen Eltern davon zu überzeugen, dass zumindest eine Bewerbung versucht werden sollte.

Nach Beratung durch Lindenmeyer entschied ich mich, es bei der Kunstakademie Düsseldorf zu versuchen – nicht zuletzt, weil der von mir bewunderte Karl Otto Götz dort tätig war. Ich hatte großes Glück: Götz wählte mich aufgrund meiner Mappe im Sommer 1968 als einzigen Bewerber für seine Klasse aus. Etwas Besseres konnte mir nicht passieren, und Lindenmeyer freute sich darüber, dass er auf nicht unerhebliche Weise dazu beigetragen hatte.

In den ersten vier Semestern war ich künstlerisch und kunsttheoretisch sehr aktiv; in dieser Zeit machte ich bei meinen Besuchen in der Heimatstadt häufiger einen Abstecher bei ihm, um ihm von meinen Projekten und Erfahrungen sowie von der Düsseldorfer Kunstszene zu berichten. Nach meinem Wechsel zur Universität – die Gründe dafür werden in Kontaktstellen dargelegt – verloren wir uns dann für Jahrzehnte aus den Augen.

Nach dem Ende meiner Dienstzeit und im Zuge der Planung von w/k – das Online-Journal ging dann Ende 2016 an den Start – steigerte sich das Bedürfnis, Lindenmeyer wiederzusehen. Auf eine Mail aus dem Jahr 2015, die ich nicht mehr finde, antwortete er:

„Überraschung! Ich sehe Ihre Abitursarbeit, Comic aus gerissenem Schwarz-Papier, vor mir, da wirft der Oldie-Computer etliche Erinnerungen aus. ‚Damals war’s‘. Nun, heute ist alles anders, wenn nicht in der Welt, dann im Individuum, das, wie in meinem Fall, altert und vergisst und sich irrt, aber dennoch am Leben ist. Das ist so lustig wie lästig, nun, das wäre letztlich auch kein anderer Status als früher, oder sonst. Merkmal Alter: man fängt an zu schwatzen. Falls Sie mal Lust auf einen Schwatz mit dem Alten haben, kommen Sie.“

Der Besuch fand am 15. August 2015 statt: Ich informierte ihn über meine wissenschaftliche und künstlerische Entwicklung, speziell über das geplante Online-Journal, brachte Fotos älterer und neuerer künstlerischer Arbeiten mit, schenkte ihm eine neueres Buch von mir. Lindenmeyer zeigte mir eigene Bilder und erklärte, er habe die künstlerische Arbeit vor sechs Jahren beendet, da mittlerweile auch der Keller seines Hauses mit beidseitig bemalten Leinwänden vollgestellt sei – er konzentriere sich jetzt auf das Schreiben poetischer und anderer Texte. Es war ein intensives und schönes Gespräch. Zu einer überfälligen Ausstellung von Arbeiten des Malers Lindenmeyer würde ich gern nach Osnabrück kommen. Versprochen.

Wenn ich über die Personen nachdenke, die meine Entwicklung maßgeblich beeinflusst haben, so komme ich auf drei: Veit Lindenmeyer, Karl Otto Götz und Herbert Anton (meinen hauptsächlichen Förderer an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf).

Weitere Informationen über Lindenmeyer finden sich auf seiner Website und im Internetauftritt des EMA:

http://veit-lindenmeyer.de/
http://ema-os.de/31-ehemalige/ehemalige-lehrkraefte/617-lindenmeyer-veit

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