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Hugo Boguslawski: Paläontologische Kunst

Zu meiner Entwicklung: Von 1991 bis 2001 studierte ich nicht nur Kunst an der Kunstakademie Münster, sondern auch (allerdings nur bis zum Abschluss des Grundstudiums ca. 1995) Biologie an der Westfälischen Wilhelms Universität. Das Interesse an der Biologie ist jedoch geblieben. Seit 2001 lebe und arbeite ich als freier Künstler in Düsseldorf. Der Titel Paläontologische Kunst zeigt einen Schwerpunkt meiner Arbeit an. 

Biologie: Studium und danach

Zunächst zu den Gründen für meine Entscheidung, Biologie zu studieren. Mein Abitur machte ich auf einem humanistischen Gymnasium, dessen Schwerpunkt neben den alten Sprachen die Naturwissenschaften bildeten. Unser engagierter Biologielehrer hatte für die interessierten Schüler immer ein Angebot an freiwilligen Aufgaben parat, das teilweise bereits Stoff aus dem Studium vorwegnahm. Dieses Angebot nahm ich mit Begeisterung an. Schließlich entschied ich mich für das Fach Biologie als eines meiner Abiturprüfungsfächer. Da lag es nahe, es später auch als Studienfach zu wählen.

Während des Studiums galt mein größtes Interesse der Morphologie zoologischer und pflanzlicher Präparate, d.h. deren innerem und äußerem Aufbau. Seit etwa 2009 hat mich ein Freund dann für die Paläontologie, die sich mit fossilen, d.h. versteinerten Lebewesen beschäftigt, und das Sammeln von Fossilien begeistert. Hier konnte ich auf meinem Fachwissen aufbauen. Durch das Studium aktueller wissenschaftlicher Publikationen stieg ich tief in die Materie ein. Daneben las ich mit großem Interesse klassische (antiquarische) Literatur, die nicht zuletzt wegen der handgezeichneten Abbildungen auch ästhetisch einen großen Reiz hat.

Künstlerischer Rückgriff auf die Paläontologie und andere Wissenschaften

In meiner künstlerischen Arbeit stütze ich mich vor allem auf die Paläontologie als Teilbereich der Biologie und die Geologie. Hier gibt es mehrere Ebenen, die für mich wissenschaftlich und künstlerisch interessant sind. Zunächst zu dem, was ich mir wissenschaftlich erarbeitet habe.

Ich habe mir grundlegendes Wissen über die Sedimentologie (die Wissenschaft von der Ablagerung der Gesteine) angeeignet, um die Vorgänge zu verstehen, die zur Bildung von Meeressedimenten und zur Gesteinsbildung führen. Desweiteren beschäftige ich mich mit der Stratigrafie (Schichtenkunde) und der Geochronologie, in der es um die Art und Weise geht, wie sich die Gesteinsschichten nach Jahrmillionen dauernder ständiger Bewegung schließlich organisieren. Um den Aufbau von Riffen zu verstehen, welche besonders viele Fossilien enthalten, ist außerdem die Kenntnis der Paläoökologie (der Lehre von den fossilen Lebensräumen) nützlich. Außerdem arbeitete ich mich in die Evolutionslehre ein, die sich mit den Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb der Tiergruppen beschäftigt, sowie in die eng mit ihr verbundene Genetik, d.h. die Abstammungs- bzw. Vererbungslehre.

Die paläontologische Literatur beschäftigt sich auch mit großen Massenaussterbeereignissen (Mass Extinctions). Dieses Phänomen tritt mehr oder weniger periodisch auf und führt zum einen zum massenweisen Verschwinden ganzer Tierarten und -gattungen, das auch als Faunenschnitt bezeichnet wird. Dieser führt wiederum zu einem Faunenwechsel, also einer erneuten Auffächerung und Spezialisierung der verbliebenen Arten.

Künstlerische Ziele und Hintergrundüberzeugungen

Nun zu den künstlerischen Zielen, die ich beim Rückgriff auf Forschungsergebnisse und Methoden der genannten Wissenschaften verfolge. Zwei Aspekte spielen eine große Rolle. Erstens fasziniert mich die Morphologie der einzelnen fossilen Fundstücke mit ihrer Formenvielfalt und perfekten Anpassung an die jeweiligen Umweltbedingungen. Das Wissen um die komplexe Zusammensetzung der Tiergemeinschaft damals, sowie die Fundsituation der Fossilien in ihrem Umgebungsgestein heute zeigen einen strukturellen Aufbau, dessen Gesetzmäßigkeiten und Rhythmen ich für meine Malerei übernehme.

Morphologie und Histologie (Gewebekunde) der mikro- und makroskopischen Präparate beeinflussen schon seit dem Biologiestudium meine Malerei. Zweitens relativiert der Blick auf die Jahrmillionen währende Entwicklung des Lebens und die Erdgeschichte die Wichtigkeit von uns Menschen. Daher konzentriere ich mich in der Kunst auf wesentliche Strukturen und Gesetzmäßigkeiten. Die große Verletzlichkeit und Labilität, aber auch Schönheit und Harmonie der perfekt aufeinander abgestimmten Ökosysteme dienen mir als Inspiration. Das gilt nicht nur für die sich explizit mit dem Themenkomplex der Paläontologie befassenden Arbeiten.

Ein Ausgangspunkt meiner strukturellen Malerei ist seit jeher die Landschaft. In meinen Arbeiten erscheint die Landschaft in folgenden Formen: eine sich in der Ferne in Dunst oder Nebel verlierende, das Stück Boden in schräger Aufsicht direkt vor den Füßen, eine aus großer Höhe oder aber im Okular des Mikroskops gesehene landschaftlich anmutende Struktur (die Strukturen von Mikro- und Makrokosmos ähneln sich häufig), Wasseroberflächen oder auch eine horizontlose Unterwasserlandschaft, wie sie dem Taucher begegnet. Die Artefakte und Fundstücke aus dem Bereich der Paläontologie finden seit gut zehn Jahren Eingang in meine abstrahierten, strukturellen Landschaftsbilder. Damals begann ich, zunächst sporadisch, dann mit steigendem Interesse und größerer Intensität Fossilien zu sammeln – mit den nicht zu vernachlässigenden Nebeneffekten: Planung, Recherche, Reisen…

Sammeln und reisen

Die für den Fossiliensammler fundträchtigen Orte sind teils nur umständlich zu erreichen und wollen erwandert, aufgestöbert, erklettert werden. Da sich im Großraum Düsseldorf nur wenige Aufschlüsse – das sind Fundstellen, an denen das fossilhaltige Gestein an die Oberfläche tritt – befinden, sind Reisen notwendig. Die Eifel, das Bergische Land und das Sauerland, die Schwäbische und Fränkische Alb, der Harz, Thüringen, die Ardennen, die Normandie, insbesondere das Calvados, Belgien und der Maastrichter Raum, diverse Küsten Dänemarks sind Gegenden, in die mich die Fossiliensuche geführt hat.

Der Blick des Sammlers verschmilzt mit dem des Malers. „Das unermüdliche, beharrliche lange visuelle Abtasten der Topographie mit den Augen […] ist kontinuierliche Einübung.“ [1] So kommt es, dass nicht primär die isolierten Fossilien, sondern meist die gesamte Fundsituation samt umgebendem Gestein und Landschaft zum Motiv der Bilder werden.

Exemplarische Werke

Paläontologische Kunst bildet nur einen Teil meiner Arbeit, der aber sehr wichtig ist. In diesem Beitrag stelle ich die zugehörigen wissenschaftsbezogenen Arbeiten vor.

Paläontologische Kunst

Links: Hugo Boguslawski: Im Teufelsgraben (2010). Foto: Hugo Boguslawski. Rechts: Zwei Handstücke mit Negativabdrücken von Ammoniten. Foto: Hugo Boguslawski.

Dieses Werk ist inspiriert von Fundsituationen in Bachbetten. Diese wurden bei niedrigem Wasserstand durchwatet. Im tonigen oder schiefrigen Grund finden sich Ammoniten, Belemniten (beides sind ausgestorbene Gruppen der Kopffüßer, die den heutigen Tintenfischen verwandt sind), Muscheln, Schnecken, Terebrateln (eine Ordnung der bis auf wenige Ausnahmen ausgestorbenen Klasse der Armfüßer).

Zufällige Strukturen im Gestein, Blätter und Äste, die Profilabdrücke der eigenen Stiefel sowie die Spiegelungen von Baumstämmen und Blattwerk, Lichtreflexe und Wellenspiel bilden auf mehreren Ebenen ein Gewirk von flüchtigen Strukturen. Der auf Fossile geeichte Blick entdeckt im Stiefelprofil den Rücken eines Ammoniten, in den Nerven eines Buchenblattes die Rippen einer Muschel. Weitere Beispiele: Bach im WaldSpuren im Wasser, Spätnachmittagjurassic spirit.

Paläontologische Kunst

Links: Hugo Boguslawski: miroir aux moules (2011). Foto: Hugo Boguslawski. Rechts: Diverse Austern und Muscheln. Foto: Hugo Boguslawski.

Dieses Bild ist inspiriert von der Fundsituation vieler sich in Ufernähe in einer weichen Tonschicht befindenden jurassischen Austern und Brachiopoden (Armfüßer). Diese bei den Falaises-des-Vaches-noir (Calvados) oder bei Wimereux und Boulogne-sur-Mer (Pas-de-Calais) an der französischen Ärmelkanalküste vorkommende Schicht liegt bei Ebbe nur wenige Zentimeter unter der Wasseroberfläche und enthält neben den genannten auch viele heute noch vorkommende Miesmuscheln und einen typischen violett-braunen Tang. Aus den tonigen Schichten der Steilküste sickert immer eine gewisse Menge Wasser, die auch bei Ebbe den Strand ständig mit einem nassen Film bedeckt und die Algen ablandig in eine Richtung ‚kämmt‘. Weiteres Beispiel: Wimereux (Abend).

Paläontologische Kunst

Links: Hugo Boguslawski: Schneckenfriedhof (2005). Foto: Hugo Boguslawski. Rechts: Steinkern einer Schnecke. Foto: Hugo Boguslawski.

Paläontologische Kunst

Links: Hugo Boguslawski: Karbon (2012). Foto: Hugo Boguslawski. Rechts: Farn- und Schachtelhalmabdrücke. Foto: Hugo Boguslawski.

Das gezeigte Bild stellt eine imaginäre große Schieferplatte dar, in die sich flächig große Farnwedel, Schachtelhalme und andere Pflanzenhäcksel eingeprägt haben. Durch subtile Höhung der Kanten mit helleren Tönen entsteht der Eindruck eines haptischen Halbreliefs. Vorbild sind mehrere kleinere Fundstücke aus dem Karbon des Ruhrgebiets.

Wie oben beschrieben inspirieren die erwanderten Landschaften auch Bilder, in denen die Fossilien nur eine Nebenrolle spielen:

Paläontologische Kunst

Hugo Boguslawski: Restlicht (Halde) I (2013). Foto: Hugo Boguslawski.

Dieses Bild ist inspiriert von der Halde Schöttelheide in Bottrop-Grafenwald. Die Suche nach Farnabdrücken hatte einige Zeit in Anspruch genommen, sodass inzwischen Sonnenuntergang und Dämmerung eingetreten waren. Die Lichtstimmung – verwitterte Gesteinsbrocken im schrägen Abendlicht – änderte sich minütlich. Diese Halde wird von dem letzten aktiven Steinkohle-Bergwerk Prosper-Haniel im Ruhrgebiet beschüttet. Sie ist demnach eine der letzten aktiv beschütteten Halden. Der Titel Restlicht kann also nicht nur auf die abendliche Dämmerung, sondern auch auf den Untergang des Steinkohlebergbaus bezogen werden. Weitere Beispiele: Restlicht (Halde) IIRestlicht (Halde) IIIÜbergang (Restlicht) 2013Übergang (Restlicht) 2014auf der Schöttelheideblaue Stunde.

Paläontologische Kunst

Links: Hugo Boguslawski: Caterpillar (2012). Foto: Hugo Boguslawski. Rechts: In der Tongrube Unterstürmig II bei Buttenheim. Foto: Hugo Boguslawski.

Paläontologische Kunst

Links: Hugo Boguslawski: Étretat (2012). Foto: Hugo Boguslawski. Rechts: Hugo Boguslawski: Pointe aux Oies (2011). Foto: Hugo Boguslawski.

Étretat (Normandie) und Pointe aux Oies (Wimereux, Pas-de-Calais): Diese beiden Bilder sind inspiriert vom Blick aus dem Wasser Richtung Land. Unter der Wasseroberfläche ahnt man die Schatten von Fossilien, aber auch Algen und Tang, während sich die Steilküste spiegelt.

Paläontologische Kunst

Hugo Boguslawski: die Ostsee bei Møns Klint II (2014). Foto: Hugo Boguslawski.

Dieses Bild ist inspiriert von der Steilküste Møns Klint (dt.: Möns-Klippe), der höchsten Steilküste Dänemarks auf der Insel Møn. In den von Bändern aus schwarzem Flint durchzogenen weißen Kreidefelsen finden sich kreidezeitliche Seeigel, Austern und Belemniten. Abgerollte Exemplare der Seeigel findet man unter schwarz-weiß gebänderten Kieseln am Spülsaum. Blick vom Ufer auf das offene Meer. Weiteres Beispiel: die Ostsee bei Møns Klint.

Große Aussterbeereignisse (Mass Extinctions) fanden in der Erdgeschichte zu unterschiedlichen Zeiten statt. Dieses Phänomen beschäftigt mich als Paläontologe, aber auch als Maler. [2] Auf das Massenaussterben an der Kreide-Tertiär-Grenze vor ca. 66 Millionen Jahren bezieht sich das folgende Beispiel:

Paläontologische Kunst

Hugo Boguslawski: großer Extinktionsspiegel (2012). Foto: Hugo Boguslawski.

Das Bild stellt Flächen aus (hypothetisch) zu einem X zusammengenähten, großen Stücken Dinosaurierhaut dar. Als Vorbild für die Saurierhaut diente mir Vogelfußleder (wie es von Modellbauern benutzt wird). Die heutigen Vögel sind die direkten Nachfahren einiger Saurier. Das große X steht für Extinction, also Aussterben.

Die vermeintlich reliefartigen Flächen werden zu den Ober- und Unterrändern hin abschattiert. Das imitiert die Lichtsituation im Raum und suggeriert, dass die Oberfläche leicht spiegelt. In diesem ‚Spiegel‘ mag der Betrachter sein eigenes Bild imaginieren – und die Endlichkeit der ganzen Art Homo sapiens im Spiegel all der anderen, bereits ausgestorbenen Arten reflektieren.

Abschließend ein Bild, das sich allgemein mit dem Themenbereich Korallenriff, Tang, Plankton befasst:

Paläontologische Kunst

Hugo Boguslawski: Riff (2013). Foto: Hugo Boguslawski.

Weitere Beispiele: Korallenschattenplancton.

Beitragsbild über dem Text: Hugo Boguslawski: Karbon (2012). Foto: Hugo Boguslawski. Ausschnitt, im Original 240 x 200 cm, Öl/Nesselleinwand.

[1] Andreas Moersener: Ornamental – Hugo Boguslawski. Lippstadt 2011, S. 1.

[2] Zu den Mass Extinctions siehe z.B. Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Massenaussterben.

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