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Hugo Boguslawski: Schwarm (2007).

Irene Daum: Psychologie und Kunst

Einleitung

Die bildende Kunst ist seit langem ein Gebiet, dem sich die Forschung in der Psychologie, der Biologie und verwandten Fächern intensiv widmet. Die im Mittelpunkt stehenden Forschungsfragen beziehen sich u.a. auf die Wahrnehmung von Kunst, den künstlerischen Schaffensprozess, Grundlagen der Kreativität und Anwendungsfelder in der Klinischen Psychologie oder der Werbung[1]. In jüngerer Zeit wurden diese Themen nicht nur im Rahmen von wissenschaftlichen Konferenzen und Publikationen diskutiert, sie weckten auch das Interesse von in der Welt der Kunst angesiedelten Newsletter-Veröffentlichungen (z.B. news.artnet.com).

Charles Darwin zufolge lässt sich „ein Sinn für das Schöne“ auch bei Tieren beobachten. Er zeigt sich u.a. in einer Präferenz für Symmetrie und Harmonie der Formen und dem Gebrauch von Körperschmuck, der einen Selektionsvorteil darstellt. Das Spiel von Tieren als selbstbezogene Aktivität ohne äußeren Zweck wird als Vorläufer der Kunst angesehen, da es die Wahrnehmung und die Handlungskontrolle unabhängig von den Gegebenheiten der realen Welt formt[2]. Die Entstehung hochkomplexer Kulturen in der menschlichen Entwicklung war mit selbstbezogenen Beschäftigungen verbunden, die in keinem Bezug zu grundlegenden biologischen Bedürfnissen standen. Schon früh investierten die Mitglieder von Gemeinschaften ein hohes Maß an Energie, Ressourcen und technischen Fertigkeiten in die Gestaltung von Ornamenten, die das Aussehen von Gegenständen verbesserten. Der wachsende Gebrauch von Werkzeugen ging mit der Anerkennung und Wertschätzung von Geschick und handwerklicher Meisterschaft und verbesserter Ausführung bis zur Perfektion einher. Die enge Verknüpfung motorischer, kognitiver und ästhetischer Fertigkeiten ist vermutlich eine der Grundlagen der wachsenden Wertschätzung von Kunstwerken und des Gefallens an Kunst[3].

Was macht den Künstler aus?

„Der Künstler ist kein Mensch. Er ist ein Künstler, das ist etwas anderes“ (Markus Lüpertz, 2015)[4]

Markus Lüpertz – berühmter Maler, Bildhauer, Musiker und Dichter – zufolge unterscheidet sich der Künstler von anderen Menschen. Sein Talent und seine Berufung zum künstlerischen Schaffen ziehen eine einzigartige Lebensführung nach sich[5]. Das Zusammenwirken von Vererbung, Unterstützung und Ermutigung in jungen Jahren durch Familie und Lehrer und die nachhaltige intensive Beschäftigung mit kreativer Arbeit bilden einen idealen Nährboden für die Entwicklung künstlerischer Fertigkeiten. Weitere wichtige Einflussfaktoren sind die Persönlichkeit des Künstlers, seine Einstellung, seine Haltung und sein Selbstbild[6].

Auffallend viele bekannte Künstler wurden in eine Familie hineingeboren, bei der ein Elternteil als Künstler arbeitete. Beispiele sind die Familien von Albrecht Dürer, Pablo Picasso, Hans Holbein, Giovanni und Gentile Bellini, Paul Klee oder Edvard Munch. Eine Leidenschaft für den visuellen Ausdruck, für das Zeichnen oder Malen, trat bei vielen schon in der Schulzeit zutage, zusammen mit allgemeineren Anzeichen außergewöhnlicher Begabung wie schneller Auffassungsgabe (für Details siehe [7]). Aktuelle Forschungsergebnisse lassen darauf schließen, dass die Entstehung neuronaler Netzwerke in hohem Maß von Erfahrung, d.h. der nachhaltigen und andauernden Beschäftigung mit bestimmten Aktivitäten und Verhaltensweisen, abhängig ist[8]. Die Hingabe an das künstlerische Schaffen in frühen Jahren scheint in diesem Zusammenhang eine wichtige Einflussgröße in Bezug auf die neuropsychologischen Mechanismen zu sein, die den künstlerischen Fertigkeiten zugrunde liegen.

Bei Malern findet sich ein hoher Anteil an Linkshändern; berühmte Beispiele sind Hans Holbein, Leonardo da Vinci, William Blake, Auguste Renoir oder Caspar David Friedrich[9]. Der Anteil an Linkshändern in der Allgemeinbevölkerung liegt bei etwa 10 bis 15 Prozent und wird in Zusammenhang mit einer stärkeren Beteiligung der rechten Hirnhälfte diskutiert. Die rechte Hirnhälfte steht mit visuell-räumlicher Verarbeitung, Intuition und bildlichem Denken in Verbindung, während die linke Hirnhälfte vorrangig mit Sprache und rationalem Denken verknüpft ist[10]. Die stärkere Beanspruchung der rechten Hirnhälfte könnte den Transfer von inneren Bildern in Zeichnungen, Gemälden oder Skulpturen begünstigen und damit für den kreativen Schaffensprozess von Vorteil sein.

Außergewöhnliche Begabung und Kreativität gehen häufig mit einem ungewöhnlichen Lebensstil („Boheme“) einher, begleitet von idosynkratischem Denken und einer obsessiven Hingabe an das künstlerische Schaffen als Grundlage der Selbstverwirklichung. Häufig sind ein niedriges Maß an emotionaler Kontrolle und eine hohe Risikobereitschaft zu beobachten. Daneben zeigen sich oft narzisstische Persönlichkeitszüge wie z.B. eine unrealistisch hohe Einschätzung der eigenen Bedeutung, Mangel an Empathie, an Interesse an anderen und ein hohes Bedürfnis nach Bewunderung durch andere[11][12].

Psychologische Probleme haben das Leben vieler bedeutender Künstler geprägt. Bekannte Beispiele sind Michelangelo, William Blake, Wassily Kandinsky und Edvard Munch, die alle unter Depressionen litten oder die zeitgenössische Künstlerin Isa Genzken, die unter einer bipolaren Störung leidet. Langjähriger Alkoholkonsum beeinflusste Arbeit und Lebensführung von Amedeo Modigliani, Henri Toulouse-Lautrec und Jackson Pollock, um nur einige Beispiele zu nennen. Abhängigkeit von harten Drogen wie Heroin zog nicht nur bei Jean-Michel Basquiat tragische Konsequenzen nach sich. Die Gründe und Auslöser für diese Probleme sind in belastenden Lebensereignissen wie Verlust eines Partners, Mangel an Anerkennung und Erfolg als professioneller Künstler, Selbstzweifel und negativem Feedback durch die Öffentlichkeit und Künstler-Kollegen zu finden, was auf Seiten des Künstlers als Mangel an Respekt empfunden wird[13]. In jüngerer Zeit kommen der schwierige Umgang mit Herausforderungen wie ständige Präsenz in den Medien und ein Leben als öffentliche Person hinzu.

Neurologische Störungen und damit verbundene Veränderungen von Hirnfunktionen haben einen tiefgreifenden Einfluss auf den künstlerischen Ausdruck[14]. So wurden z.B. die Werke von Willem DeKooning im Verlauf seiner Demenzerkrankung zunehmend abstrakter. Innere Bilder entstehen auf der Grundlage der Wahrnehmung, der Erinnerung und des generellen Wissens über die Welt. Ein Zusammenbruch des gespeicherten visuellen Wissens als Symptom einer Demenzerkrankung kann auch eine Befreiung von Einschränkungen im visuellen Ausdruck beinhalten, die unter Umständen einen neuen expressiven Stil nach sich zieht[15].

Einschneidende Lebensereignisse und künstlerischer Ausdruck

Zu den Einflussfaktoren, die das kreative Schaffen mit bestimmen, gehören ein starker innerer Antrieb des Künstlers und eine Leidenschaft für den künstlerischen Ausdruck bis hin zur Obsession. Joan Miro beschrieb eine kontinuierliche starke Wirkung sensorischer Reize, einen ununterbrochenen Fluss von Eindrücken und Assoziationen, der neue wichtige Erkenntnisse nach sich zieht[16]. Miro zufolge ist ein Kunstwerk ein Fenster zur inneren Welt eines Künstlers. Der kreative Prozess beginnt im Gehirn/der Vorstellung und fließt über Arm und Pinsel ohne bedeutsamen Einfluss einer bewussten kognitiven Steuerung auf die Leinwand. In ähnlicher Weise beschreibt Georg Baselitz, wie er sich dem Prozess des Malens in einer Art Neben-Sich-Stehen hingibt[17]. Das Endergebnis kann eine Überraschung sein. Markus Lüpertz zufolge entscheidet man nicht, wann ein Bild fertig ist: man weiß, wann es vollendet ist[18].

Einschneidende persönliche Erlebnisse haben häufig starke Auswirkungen auf die Arbeit eines Künstlers. Kunstwerke reflektieren nicht nur bedeutsame Lebensereignisse und ihre psychologischen Folgen, sondern auch ihre innere Verarbeitung und die daraus resultierenden tiefgreifenden Einsichten und Erkenntnisse. Dem Künstler Hermann-Josef Kuhna zufolge malt ein Maler das Erlebnis, nicht die Realität. Ein legendäres Beispiel ist die Tunesien-Reise der Maler-Kollegen Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet im Jahr 1914, die einen nachhaltigen Einfluss auf ihre zukünftigen Arbeiten hatte; Eindrücke, Landschaft und Architektur fanden ihren Niederschlag in Aquarellen und Zeichnungen, die eine neue Ebene der Abstraktion und die Entdeckung der Farbe als kreatives Werkzeug widerspiegelten[19][20]. Im Verlauf seiner Reisen in den 1950er Jahren hinterließen die archaischen, unverdorbenen Landschaften sowie die weiten Räume der Sahara einen tiefen Eindruck auf den ZERO-Künstler Heinz Mack. Diese Erfahrungen bildeten die Grundlage für seine Experimente mit den Effekten von Licht auf unterschiedliche Materialien wie Spiegel und Silber. Die Platzierung von Objekten in der Wüste wurde zu einem wichtigen ZERO-Projekt mit nachhaltigen Auswirkungen auf die nachfolgenden Arbeiten von Heinz Mack[21].

In Interviews beschrieb der ZERO-Künstler Günther Uecker ein einschneidendes Erlebnis, das er als Jugendlicher gegen Ende des Zweiten Weltkrieges hatte. Um seine Familie vor der anrückenden Roten Armee zu schützen, vernagelte er die Fenster und Türen des Hauses von innen mit Holzstücken. Nägel wurden ein integraler Bestandteil seiner Arbeit und das wichtigste Werkzeug seines künstlerischen Ausdrucks. In seinem umfangreichen Werk ordnet er Nägel zu Mustern und Landschaften an, die ihren Ausdruck in Zeichnungen, Objekten und Installationen finden[22].

Günther Uecker: Nagel (2013).

Foto: Irene Daum

Die hohe Sensibilität von Künstlern, die häufig ihr Privatleben und künstlerisches Schaffen kennzeichnet, lässt sich auch in Bezug auf innovative Strömungen in der Gesellschaft beobachten. Künstler sind oft in außergewöhnlichem Umfang in der Lage, den Zeitgeist vorherzusehen, zu verstehen und umzusetzen. Bekannte Beispiele für das politische Engagement von Künstlern sind umweltbezogene Themen bei Joseph Beuys, H.A. Schult oder die Graffiti-Kunst von Harald Naegeli, der Zeichnungen auf öffentliche Gebäude sprüht, um gegen unmenschliche Wohn- und Lebenssituationen zu protestieren.

Kunst und Wissenschaft

Eine umfassende Beschreibung von Künstlern mit einem wissenschaftlichen Hintergrund und von Wissenschaftlern mit Interesse an Kunst findet sich in Peter Tepes Verbindungen zwischen Wissenschaft und (bildender) Kunst. Die Bestandsaufnahme ist auf sechs Kapitel angelegt. Die w/k-Startrunde enthält das Vorwort.

Traditionell sind Kunst und Architektur/Ingenieurwesen eng miteinander verbunden. Leonardo da Vinci widmete sich intensiv der Erforschung von Proportionen. Die Geometrie übte eine starke Faszination auf ihn aus, und er führte bei der Konstruktion von Maschinen Experimente mit Schmelzprozessen durch. Er strebte danach, durch genaue Beobachtung von der Natur zu lernen. Aus heutiger Sicht geht eine langjährige intensive Beschäftigung mit sowohl experimenteller als auch künstlerischer Arbeit mit einer Steigerung des visuell-räumlichen Vorstellungsvermögens und des dreidimensionalen Denkens aufgrund von Erfahrung einher.

Umfassende wissenschaftliche Kenntnisse können die Wahl der Motive eines Künstlers stark beeinflussen. Ein Beispiel in der zeitgenössischen Kunst sind die Arbeiten von Hugo Boguslawski, der parallel zu Kunst Biologie studierte, bevor er sich ausschließlich der Kunst widmete. In seinen Ölbildern setzt er Elemente aus der Natur – Blätter, Spuren kleiner Tiere etc. – zusammen und ordnet sie zu abstrakten Kompositionen an. Dabei verwendet er häufig kräftige, nicht naturgetreue Farben und schafft damit neue organische Strukturen [23].

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Hugo Boguslawski: Schwarm (2007). Foto: Hugo Boguslawski

Ein weiteres Beispiel für Verbindungen zwischen Kunst und Biologie sind die Arbeiten der italienischen Malerin Silvia Stocchetto. Nach Abschluss ihres Biologie-Studiums führte sie ihre wissenschaftlichen Arbeiten weiter und promovierte im Fach Biologie, bevor sie ihre Universitätskarriere aufgab und sich ganz der freien Kunst und insbesondere der Malerei widmete. In ihren Kompositionen werden hyperrealistisch ausgearbeitete Elemente aus der Natur: Vögel, Gräser, Sträucher zu neuen außergewöhnlichen Tierwelten, Landschaften und modernen Stillleben angeordnet.

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Silvia Stocchetto: La gru coronata (2016). Foto: Silvia Stocchetto

Nach dem Studium technischer Fächer konzentrierte sich Detlev van Ravenswaay zu Anfang seiner Laufbahn auf realitätsgetreue Illustrationen zu Themen der Astronomie, Luft- und Raumfahrttechnik (vgl. den Beitrag Detlev van Ravenswaay: Space Art. Ein Künstlerinterview). Die Arbeiten waren ein präzises Abbild des wissenschaftlichen Kenntnisstandes, was ihm internationalen Ruhm als Space Art-Künstler einbrachte. Später wandte er sich der freien Kunst zu, wobei sein wissenschaftlicher Hintergrund seine Arbeit weiter beeinflusste. Der Einfluss zeigt sich in einer Serie landschaftsähnlicher Bilder mit dem Titel Multihorizonte, in denen er vom Weltraum aus gesehene Ansichten der Erdatmosphäre in farbintensive abstrakte Bilder übersetzt[24].

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Detlev van Ravenswaay: Multihorizonte (2013). Foto: Detlev van Ravenswaay

Die steigende Bedeutung der Rolle der Kunst im Verhältnis zu den Wissenschaften spiegelt sich in der Einführung von „Artist in Residency“-Programmen in international hochrangigen Forschungszentren wieder. Ein bekanntes Beispiel ist die European Organization for Nuclear Research (CERN) in Genf.

Wahrnehmung von Kunst und Kunstgenuss

Die subjektive Wirkung eines Kunstwerks hat viele Facetten und kann Interesse, Freude und Gefallen, aber auch Ärger und Ekel beinhalten. Eine Vielzahl von Faktoren spielt dabei eine Rolle, dazu gehören Inhalt und Motive des Kunstwerks, die Stimmung des Betrachters, seine Erfahrung und Vertrautheit mit Kunst sowie der Bekanntheitsgrad und Marktwert des Künstlers[25].

Mechanismen der visuellen Informationsverarbeitung, wie sie von der psychologischen Forschung beschrieben wurden, kennzeichnen die Präferenzen des Betrachters. Die generelle Vorliebe für Symmetrie und Ausgewogenheit in der Komposition steht in Zusammenhang mit leichter Wahrnehmung, Spannungsreduktion und einem idealen Aktivierungsniveau im Sinne einer „guten Gestalt“. Die richtige Balance zwischen Komplexität/Aktivierung und Ordnung, d.h. die richtige Mischung zwischen Bekanntem und Unbekanntem wird in der Regel durch klare Konturen, Farbkontraste und Überraschungselemente erzielt. Interessanterweise konnten empirische Studien eine Präferenz von Kompositionen, die dem Goldenen Schnitt folgen, nicht durchgängig nachweisen[26].

Im Durchschnitt werden gegenständliche abstrakten Bildern vorgezogen. Die Wertschätzung und die Vorliebe für abstrakte Kunst steigt jedoch mit zunehmender Beschäftigung mit ihr, was die Annahme bestätigt, dass Experten Kunst auf der Basis kognitiver Modelle betrachten, während Nicht-Experten sich von Vertrautheit und intuitivem Gefallen leiten lassen. Dieses Ergebnis steht in Zusammenhang mit den beiden grundlegenden Formen der Informationsverarbeitung: Bottom-up- Verarbeitung spiegelt die Reizverarbeitung des visuellen Systems anhand von Formen, Farben und Mustern wider. Top-down-Verarbeitung visueller Reize wird demgegenüber stark durch gespeicherte visuelle Muster und Gedächtnisinhalte gelenkt[27]. Blickbewegungen und -wechsel sowie eine Aufmerksamkeitszuwendung hin zu wichtigen Details eines Werkes lassen ein kohärentes Bild entstehen. Die Werke alter Meister zeigen in der Regel prototypische Gegenstände und basieren auf einem Abbild der Realität, das den bereits gespeicherten und damit vertrauten Repräsentationen von Formen entspricht. Die zunehmende Erfahrung mit ungewöhnlichem neuem visuellen Input bei der Betrachtung modernerer Kunst lässt das visuelle System feinerer Unterscheidungen und neuer perzeptueller Kategorien entstehen, was wiederum die Wertschätzung von und die Vorliebe für bisher unvertraute Kunst steigert.

Die Wahrnehmungspsychologie hat in der jüngeren Kunst ihre Spuren hinterlassen. Ein prominentes Beispiel sind die optischen Täuschungen in den mathematisch inspirierten Arbeiten des niederländischen Künstlers M.C. Escher. Seine Zeichnungen von Figuren und Strukturen wirken auf den ersten Blick naturalistisch, auf den zweiten Blick aber verstörend, da sie im Widerspruch zu gespeicherten Repräsentationen der visuellen Welt stehen. Seine unmöglichen Dreiecke z.B. sehen an jeder Ecke strukturell der Norm entsprechend aus, sind aber dreidimensional als ganzes Objekt nicht möglich. Dieser Effekt basiert auf den Gegebenheiten des menschlichen visuellen Systems, das die starke Tendenz aufweist, dreidimensionale Objekte aus zweidimensionalem Input zu konstruieren.

Der Maler Josef Albers machte sich die physiologischen Wirkungen und Wechselwirkungen von Farben umfassend zunutze. In seiner berühmten Serie Homage to the Square erzielte er chromatische Interaktionen anhand von Ebenen ineinander verschachtelter farbiger Quadrate, die zusätzlich Eindrücke von Raum und Tiefe erwirken. Setzt man die Farben grau und blau nebeneinander, so verschmelzen sie nach längerer Betrachtung in der subjektiven Wahrnehmung zu einer einzigen Farbe. In Nachbarschaft zur Farbe weiß verliert die Farbe gelb ihre Strahlkraft.

Auf Seiten des Betrachters wird die Vorliebe des Einzelnen für bestimmte Kunstwerke von seinen Persönlichkeitseigenschaften beeinflusst. Extraversion steht in Zusammenhang mit einer Vorliebe für moderne Kunst und Introversion mit einer Vorliebe für eher traditionelle Werke. Neurotizismus ist mit einer hohen Sensitivität für Ästhetik assoziiert[28]. Die nachhaltige Beschäftigung mit großer Kunst kann unter Umständen eine starke emotionale Beteiligung mit sich bringen und in extremer Form zu psychosomatischen Beschwerden wie Wahrnehmungsstörungen, Herzrasen, Panikattacken und Bewusstlosigkeit, dem sog. Stendhal-Syndrom führen[29]. Diese Extremform des Kulturschocks wird allerdings in der wissenschaftlichen Literatur kontrovers diskutiert.

Kunst hat eine unmittelbare präkognitive Wirkung, die einen intuitiven Sinn für Schönheit anspricht. Joan Miro zufolge wirkt große Kunst wie ein Faustschlag, ihre Wirkung bedarf keiner gedanklichen Vermittlung. Auf den zweiten Blick, in einem nachfolgenden Schritt kommt es zu einer bewusst gesteuerten Verarbeitung. Assoziationen mit persönlichen Erlebnissen und Erinnerungen werden geweckt und beeinflussen die Wahrnehmung und Beurteilung eines Kunstwerkes. Zusätzlich kann die Beschäftigung mit Kunst beim Betrachter eigene kreative Ideen, divergentes Denken und einen Zustand des Gedanken-schweifen-Lassens auslösen[30].

Auf psychologischer Ebene wird Kunstgenuss als Akt der Empathie beschrieben. Die Befindlichkeiten und Emotionen des Künstlers schwingen in dem Betrachter wieder – es entsteht eine Art Spiegelung, eine innere Simulation. Dieser Gedanke basiert auf der Annahme, dass innere Prozesse des Künstlers durch ein Kunstwerk mittels der Wahl des Inhalts, der Farbe und der Form ausgedrückt werden. So wird Freude beispielsweise durch helle Farben und symmetrische Formen artikuliert, während negative Emotionen durch dunkle Farben und unregelmäßige Formen zum Ausdruck gebracht werden[31]. Obwohl diese vereinfachende Annahme den komplexen Zusammenhängen nicht gerecht wird, lässt die aktuelle neurowissenschaftliche Forschung darauf schließen, dass die Inhalte eines Bildes beim Betrachter Hirnzentren aktivieren, die mit diesen Inhalten zusammenhängen. So führt z.B. die Darstellung einer bestimmten Bewegung zur Aktivierung von Zentren, die für die Bewegungen des Betrachters zuständig sind, und die Darstellung von Schmerz aktiviert Schmerzzentren im Gehirn des Betrachters. Zusammenfassend stützen diese Ergebnisse die Annahme einer empathie-assoziierten Beziehung zwischen Kunstwerk und Betrachter[32].

Kunst in der Angewandten Psychologie

Die Vorliebe für das Schöne wird in der Werbung, den Medien und vielen Gebieten der Kommunikation extensiv genutzt. Produkte, die zusammen mit Kunstwerken in Werbekampagnen präsentiert werden, erhalten positivere Bewertungen durch den Konsumenten. Kunst lenkt die Aufmerksamkeit auf das Produkt, und der Konsum wird angeregt. Die mit Kunst assoziierten Merkmale Exzellenz und gehobenes Niveau werden auf das Produkt übertragen. Diese art infusion-Effekte werden sogar bei Produkten wirksam, die nicht zum Luxus-Segment gehören[33].

In jüngerer Zeit wurden die Vorzüge der Kunst von der Organisationspsychologie und der Unternehmensberatung entdeckt (für umfassende Analysen siehe [34]). Kunst ist mit Innovation und der Suche nach unkonventionellen Lösungen assoziiert. Die Beschäftigung mit Kunst kann generell eine Offenheit für neue Ideen in Zusammenhang mit den Herausforderungen moderner Unternehmen nach sich ziehen. Das gilt insbesondere in der heutigen Zeit, in der die Arbeitswelt häufig mit rapiden Veränderungen konfrontiert wird. Die Beschäftigung mit Kunst kann lehren, eingetretene Pfade zu verlassen, sich auf ungewöhnliche Sichtweisen einzulassen, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen oder Subtiles besser wahrzunehmen. Die Kunst kann Sehen und Betrachten in vielerlei Hinsicht lehren und die Wertschätzung von Qualität und Meisterschaft steigern. Sie kann die Vorstellungskraft und Kreativität fördern und helfen, mit Mehrdeutigkeit und Multidimensionalität umzugehen. Zusammengefasst können diese Fähigkeiten dabei helfen, den Blick für die Diversität von Handlungsoptionen in Geschäftssituationen zu schärfen. Die Einbeziehung von Kunst in die Arbeitsumgebung hat eine Verbesserung der Kommunikation, der Arbeitsatmosphäre und eine allgemein höhere Arbeitszufriedenheit zur Folge[35].

Der Begriff Kunsttherapie bezieht sich auf den Einsatz von Kunst in einem professionellen therapeutischen Umfeld, in dem Kunst als Werkzeug in der Diagnostik und der Intervention sowie als Mittel der Kommunikation zwischen Klient/Patient und Therapeut eingesetzt wird. Kunstbezogene Ansätze werden in einem breit gefächerten Bereich psychologischer und verhaltensbezogener Probleme genutzt. Dazu gehören u.a. schizophrene Störungen, Depressionen, post-traumatische Belastungsstörungen und Entwicklungsstörungen. Zeichnen und Malen kann als eine Form symbolischer Sprache dienen. Die Arbeiten der Klienten/Patienten sind von großer persönlicher Bedeutung, sie reflektieren Erlebnisse, Emotionen und innere Bilder, die einen wichtigen Beitrag zum therapeutischen Prozess liefern können[36]. Der Nutzen des künstlerischen Ausdrucks im Verlauf des Genesungsprozesses oder bei der Bewältigung chronischer gesundheitlicher Probleme wurde vielfach nachgewiesen. Neben dem Training motorischer Funktionen und der visuellen Vorstellungskraft verbessert die künstlerische Tätigkeit die Stimmung, die kognitiven und sozialen Fertigkeiten sowie den Umgang mit Stress[37].

Jenseits aller praktischer Anwendungen und der Funktion der Kunst als Zeichen von Status und Prestige bleibt zu betonen, dass die Menschen die Kunst lieben. Ihre wichtigste Funktion besteht darin, Menschen zu neuen Einsichten zu verhelfen und sie dabei zu unterstützen, toleranter, offener und großzügiger zu werden[38].


[1] Schuster, M. (2011) Wodurch Bilder wirken – Psychologie der Kunst. Dumont Bildverlag, Köln.
[2] Sarasin, P. & Sommer, M. (2010). Evolution. Ein interdisziplinäres Handbuch. J.B. Metzler, Stuttgart.
[3] Sarasin, P. & Sommer, M. (2010)
[4] Stock, O. & Schreiber, S. (2015) „Der Künstler ist kein Mensch“. Interview mit Markus Lüpertz. www.handelsblatt.com, 4.10.2015
[5] Stock, O. & Schreiber, S. (2015)
[6] Lange-Eichbaum, W. & Kurth, W. (1985). Genie, Irrsinn und Ruhm. Die Maler und Bildhauer. Reinhardt Verlag, München, von W. Ritter überarbeitete 7. Auflage.
[7] Lange-Eichbaum, W. & Kurth, W. (1985)
[8] Bellebaum, C., Thoma, P. & Daum, I. (2012). Neuropsychologie. VS Verlag, Wiesbaden
[9] Lange-Eichbaum, W. & Kurth, W. (1985)
[10] Bellebaum et al. (2012)
[11] Lange-Eichbaum, W. & Kurth, W. (1985)
[12] Viveros-Faune, C. (2015). Why the art world’s raging narcissism epidemic is killing art. News.artnet.com, December 1, 2015
[13] Cascone, S. (2016). New study reveals artists share common traits with psychopaths. News.artnet.com, April 26, 2016
[14] Bogousslavsky, J. & Hennerici, M.G. (2007). Neurological disorders in famous artists. Frontiers in Neurology and Neuroscience, Basel.
[15] Chatterjee, A. (2004) The neuropsychology of visual artistic production. Neuropsychologia, 42, 1568-1583
[16] Erben, W. (1988). Joan Miro. Mensch und Werk. Taschen Verlag, Köln.
[17] Baselitz, G. (2011). Gesammelte Schriften und Interviews. Hrsg. von D. Gretenkort. Hirmer Verlag, München
[18] Stock, O. & Schreiber, S. (2015)
[19] Schuster, M. (2011)
[20] Lange-Eichbaum, W. & Kurth, W. (1985)
[21] Vgl. www.mack-kunst.com
[22] Tittel, C. (2015). Günther Uecker – mit Nägeln gegen die Russen. Interview www.welt.de 28.09.2015
[23] Vgl. www.hugo-boguslawski.com
[24] van Ravenswaay, D. & Daum, I. (2014). Detlev van Ravenswaay – To new horizons. Verlag Till Breckner, Düsseldorf
[25] Schuster, M. (2011)
[26] Schuster, M. (2011)
[27] Bellebaum et al. (2012)
[28] Schuster, M. (2011)
[29] Magherini, G. (1989) La Sindrome di Stendhal. Ponte delle Grazie, Florenz.
[30] Chatterjee, A. (2014). The aesthetic brain: How we evolved to desire beauty and enjoy art. Oxford University Press, Oxford.
[31] Schuster, M. (2011)
[32] Chatterjee, A. (2014)
[33] Hagtvedt, H. & Patrick, V.M. (2008). Art infusion: The influence of visual art on the perception and evaluation of consumer products. Journal of Marketing Research, 45, 379-389.
[34] Bockemühl, M. & Scheffold, T.K. (2007). Das Wie am Was. Beratung und Kunst. Frankfurter Allgemeine Buch.
[35] Bockemühl, M. & Scheffold, T.K. (2007)
[36] Schuster, M. (2011)
[37] Malchiodi, C.A. (2012). Handbook of art therapy. Second Edition. The Guilford Press, New York.
[38] Stock, O. & Schreiber, S. (2015)

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2 Gedanken zu “Irene Daum: Psychologie und Kunst
  1. Lisa Dannenberg sagt:

    Eine sehr interessante analytische Darstellung, die den Menschen hinter dem Künstler verletzlich in den Vordergrund stellt! Sehr spannend und logisch zugleich!

  2. Sehr anregend dieses Thema .es gibt Einblicke und Aspekte um bewusst sich als Künstler zu fühlen….auch um sich objektiver zu betrachten…Bravo!

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