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„Kunst-und-Wissenschaft“ in anderen Medien – Teil VI

Text: Stefan Oehm | Bereich: Beiträge über Künstler

Übersicht: Kunst und Wissenschaft. Das klingt für viele so gegensätzlich wie Feuer und Wasser. Dabei sind sich beide so nahe wie Geschwister. Und das schon seit antiker Zeit. Was damals galt, gilt auch heute: Die Kunst sucht die Nähe der Wissenschaft – und die Wissenschaft die Nähe der Kunst. Und Stefan Oehm begibt sich in der Reihe „Kunst und Wissenschaft“ in anderen Medien auf die Spurensuche: nach Ausstellungen, Aufführungen, Büchern, Symposien und Zeitungsartikeln zum Thema.

Vorbemerkung des Herausgebers

Dies ist der sechste Teil von „Kunst und Wissenschaft“ in anderen Medien. Alle Teile stammen von Stefan Oehm. Er sucht in Zeitungen, im Radio, im Fernsehen, im Internet nach Beiträgen, die sich dem Großthema „Kunst und Wissenschaft“ zuordnen lassen. Die Hinweise sind nach dem folgenden Muster aufgebaut: Autor – Titel – Kurzdarstellung des Beitrags – Link zu weiteren Informationen. Die Zeitungsartikel sind in der Reihenfolge des Erscheinens geordnet, die Hinweise auf Ausstellungen hingegen in der Reihenfolge des Starts der Ausstellungen.

Die w/k-Nutzer werden um Mitwirkung gebeten: Wenn Sie auf weitere „Kunst und Wissenschaft“-Beiträge stoßen, so wenden Sie sich bitte an: stefan.oehm@betriebsbereit.de. Ihr Hinweis wird dann in der nächsten Runde dieser Reihe unter Nennung Ihres Namens veröffentlicht.

1. Sibylle Berg: Wonderland Ave.

Ray Kurzweil, Spiritus Rector der schönen neuen Welt des Silicon Valley, erwartet die technologische Singularität, den Zeitpunkt, an dem die Computer die menschlichen Möglichkeiten so erweitert haben, dass zu unguter Letzt Mensch und Maschine ihre Rollen tauschen werden, bereits für die kommenden Jahrzehnte. Diese dystopische, transhumanistische Vision ist die Folie, auf die Wonderland Ave., das neue Bühnenstück der deutsch-schweizerischen Schriftstellerin Sibylle Berg, rekurriert. Mit diesem so bitterbösen wie komischen Abgesang auf die Welt, wie wir sie kennen, eröffnete das Schauspiel Köln am 11. Mai 2019 die diesjährigen Mülheimer Theatertage Nordrhein Westfalen: In der Wellness-Anlage Wonderland Avenue simulieren die Menschen, sanft von Maschinen gesteuert, den gewohnten Wettbewerb des Arbeitslebens. Noch erinnert man sich „an alte Konkurrenzkämpfe, Selbstoptimierungspläne, gescheiterte Paarungsprojekte oder sinnlose Freizeitprogramme“. Doch alles ist nutzloses Geplänkel, hier haben die Menschen, diese fehlerhaften, langsamen, dysfunktionalen Wesen, längst keine Funktion mehr. Sie sind die Überbleibsel einer fernen Vergangenheit, denen so langsam die Erkenntnis dämmert, dass ohne sie die Welt reibungslos funktionieren würde, weil die perfekten Maschinen ungestört ihren Dienst bis ans Ende aller Tage tun können.
(Gastspiel des Schauspiels Köln: Samstag, den 11. Mai, um 19.30 Uhr)

Info: Schauspiel Köln, Mülheimer Theatertage NRW 

2. Geschwister Wertheim: Hyperbolic Crochet Coral Reef

Was uns heute als Wissenschaft und Kunst so gegensätzlich erscheint, war, gerade in der bildenden Kunst, bis weit in die Spätrenaissance eng miteinander verflochten. Seit der Antike war das Schöne Ausweis des Höchsten, Göttlichen. In Gestalt der Venus erhob sich die Trias von Schönheit, Wahrhaftigkeit und Güte, in Stein gemeißelt thronte in den Mauern des Apollon-Tempels in Delphi der Satz: Das Richtigste ist das Schönste. Die Schönheit der Welt, von der die Kunst ein Abbild bot, war Zeichen jener göttlichen Ordnung, die einst aus dem Chaos entstand. Aber diese Zeiten sind, spätestens seit der Aufklärung, vorbei. Wissenschaft und Kunst gingen getrennte Wege. Schönheit wurde profaniert, als ästhetische Dimension der Kunst zugesprochen, während die Wissenschaft ihrer zunehmend entbehrte: Im positivistischen Geist konstituierte sie sich eine nüchterne Welt der Berechenbarkeit. Diesem Geist setzen die Zwillingsschwestern Margaret und Christine Wertheim voller Inbrunst das Institute For Figuring entgegen, das sie 2003 in Los Angeles gründeten: Ihr Ziel ist die Förderung eines besseren Verständnisses für die poetischen und ästhetischen Dimensionen der Wissenschaft und speziell der Mathematik. Ein Projekt, das diesem Konzept entspringt, ist auf der diesjährigen Biennale in Venedig zu sehen: das Hyperbolic Crochet Coral Reef. 5000 Freiwillige aus aller Welt, von New York, London, Riga, Kapstadt bis zur Insel Föhr, beteiligten sich an dem hyperbolisch gehäkelten Korallenriff, einer Schnittmenge aus Mathematik, Wissenschaft, Handarbeit und Umweltschutz.
(Geschwister Margaret und Christine Wertheim: Biennale Venedig 2019)

Info: Venedig/Biennale, w/k-Beitrag zur Biennale 

3. Technische Universität Dortmund: Engineering meets Art

Was zu Zeiten Leonardo da Vincis noch gang und gäbe war, stellt in heutiger Zeit ein besonderes Ereignis dar: die Arbeit an der Schnitt­stelle von Kunst und Ingenieurwesen. Diesem heute selten gewordenen Dialog war eine Ausstellung gewidmet, die vom 07. Mai – 23. Juni 2019 auf der Hochschuletage des Dortmunder U zu sehen war: Engineering meets Art. Sie zeigte die Ergebnisse des gleichnamigen Projekts, das aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums der Fakultät Bio- und Chemie­ingenieur­wesen als interdisziplinäre Kooperation mit der Fakultät Kunst- und Sportwissenschaften ins Leben gerufen wurde. Eingebettet in die Diversitätsdialoge der Technischen Universität Dortmund (TU), einer interdisziplinären fachlichen Begegnung unterschiedlicher Fachkulturen, traten über zwei Semester lang Stu­die­ren­de des Bio- und Chemieingenieurwesens, der Musik und der Fotografie in einen Dialog und entwickelten gemeinsam disziplinenübergreifende Kunstwerke.
(Hochschuletage des Dortmunder U: Engineering meets Art, Ausstellung vom 07. Mai – 23. Juni 2019)

Info: Hochschuletage des Dortmunder U, WDR-Mediathek 

4. Hybrid Encounters: Kunst trifft Wissenschaft – Denken in Bildern

Die Berliner Hybrid Plattform, eine Initiative der Technischen Universität Berlin (TU) und der Universität der Künste Berlin (UdK), hat gemeinsam mit der Schering Stiftung ein Format entwickelt, das den Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft fördern soll: Hybrid Encounters. Dabei treffen in Podiumsdiskussionen hochkarätige Gäste aus Kunst und Wissenschaft aufeinander, die sich der jeweils anderen Disziplin aufgeschlossen zeigen und komplementär zum eigenen Hintergrund forschen oder künstlerisch tätig sind. So am 12. Juni 2019 im Lichthof der TU Berlin Kunst trifft Wissenschaft – Denken in Bildern. Hier setzte sich die namhafte Neurobiologin Hannah Monyer, die sich seit über 30 Jahren der Erforschung der Funktionsweise des menschlichen Gedächtnisses widmet, mit dem vielfach ausgezeichneten Comiczeichner Jens Harder auseinander. Dabei ging es um zentrale Fragen an der Schnittstelle beider Bereiche – der Visualität, dem Denken in Bildern: Besteht ein Unterschied in der Wissensaneignung durch das Lesen von Texten oder dem Betrachten von Bildergeschichten? Stoßen Bilder auf andere Weise Assoziationsketten an als Texte? Welchen Einfluss hat die Abstraktion auf die Gedächtnisbildung? (Hybrid Plattform, Berlin: Hybrid Encounters: Kunst trifft Wissenschaft – Denken in Bildern, Veranstaltung am 12. Juni 2019)

Info: Hybrid Plattform

5. Erik Andersen/Amit Goffer: God’s Biometric Data

Einer der derzeit wohl spannendsten Orte der Berliner Kunstszene ist der von der deutsch-koreanischen Kuratorin Jung Me Chai 2016 gegründete Projektraum Diskurs Berlin. Der Name ist hier in der Tat Programm: Die Ausstellungen changieren an der Schnittstelle von Philosophie und Kunst und inspirieren die Besucher zur intensiven diskursiven Reflektion. So auch die aktuelle Show God’s Biometric Data von Erik Andersen und Amit Goffer, die sich mit philosophischen Fragen der Existenz, besonders mit der einzigartigen Biometrie jedes Menschen befassen – und die den virtuosen Philosophen und Künstler Marcus Steinweg zu einem fulminanten Essay über eine der Grundfragen der Philosophie, der Kunst und der Wissenschaft angeregt haben: Was ist Realität? Vermischen sich in Erik Andersens Arbeit Dystopie und Alltäglichkeit, so sucht Amit Goffer fiktionale, virtuelle und physische Räume zu verbinden. Ein Unterfangen, das er im gleichen Akt subversiv hintertreibt, um dessen Sinnlosigkeit zu erweisen. (Diskurs Berlin: Erik Andersen/Amit Goffer, God’s Biometric Data, Ausstellung vom 22. August – 19. Oktober 2019)

Info: Diskurs Berlin, TIP-Berlin

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Beitragsbild über dem Text: Unbekannter Autor (2016). Urheberrecht: Creative Commons CC0.

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