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„Kunst-und-Wissenschaft“ in anderen Medien – Teil VII

Text: Stefan Oehm | Bereich: Beiträge über Künstler

Übersicht: Kunst und Wissenschaft. Das klingt für viele so gegensätzlich wie Feuer und Wasser. Dabei sind sich beide so nahe wie Geschwister. Und das schon seit antiker Zeit. Was damals galt, gilt auch heute: Die Kunst sucht die Nähe der Wissenschaft – und die Wissenschaft die Nähe der Kunst. Und Stefan Oehm begibt sich in der Reihe „Kunst und Wissenschaft“ in anderen Medien auf die Spurensuche: nach Ausstellungen, Aufführungen, Büchern, Symposien und Zeitungsartikeln zum Thema.

Vorbemerkung des Herausgebers

Dies ist der siebte Teil von „Kunst und Wissenschaft“ in anderen Medien. Alle Teile stammen von Stefan Oehm. Er sucht in Zeitungen, im Radio, im Fernsehen, im Internet nach Beiträgen, die sich dem Großthema „Kunst und Wissenschaft“ zuordnen lassen. Die Hinweise sind nach dem folgenden Muster aufgebaut: Autor – Titel – Kurzdarstellung des Beitrags – Link zu weiteren Informationen. Die Zeitungsartikel sind in der Reihenfolge des Erscheinens geordnet, die Hinweise auf Ausstellungen hingegen in der Reihenfolge des Starts der Ausstellungen.

Die w/k-Nutzer werden um Mitwirkung gebeten: Wenn Sie auf weitere „Kunst und Wissenschaft“-Beiträge stoßen, so wenden Sie sich bitte an: stefan.oehm@betriebsbereit.de. Ihr Hinweis wird dann in der nächsten Runde dieser Reihe unter Nennung Ihres Namens veröffentlicht.

1. Moon Ribas: Cyborg Art

Die Vorstellung von einem Cyborg, Mischwesen von Mensch und Maschine, gemahnt die meisten Menschen an posthumanistische Dystopien von apokalyptischem Ausmaß. Nicht so die katalanische Tänzerin und Performance-Künstlerin Moon Ribas. Sie hat für ihre Kunst einen ganz spezifischen Sinn entdeckt: den seismischen. Durch einen speziellen Sensor, implantiert in ihrem Fuß, ist sie über WLAN mit Online-Seismographen verbunden, die jedes Erdbeben ab Stärke 1 auf der Richter-Skala erfassen. So mutiert sie durch diese unmittelbare Verbindung zu den Erdkräften zu einem Kunstwerk, in dem sie, wie in ihrer Tanzperformance Waiting for Earthquakes, die Amplituden in Percussion und Tanz übersetzt. In dieser „Cyborg Art verschmelzen Publikum, Kunst und Künstler zu einer Person“, so Moon Ribas in einem Interview. Ziel ist es, die Sinne künstlich zu erweitern, um „die Realität besser und tiefer erfahren [zu] können“, um „uns selbst statt unsere Umgebung zu verändern [und] im Einklang mit der Natur und anderen Lebewesen zu leben“.

Info: Cyborg Art, Lead-Digital, Die Presse, Süddeutsche

2. Anna Lena Grau: Normative Samples

Das Werk Anna Lena Graus lässt sich als künstlerisches Extrakt einer steten Beschäftigung insbesondere mit Modellen der Naturwissenschaften, mit der Biologie, Zoologie und Botanik ebenso wie mit der Mathematik, Physik und Chemie lesen. Ihre Erkenntnisse sind, so die renommierte Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Hanne Loreck, „auf das gesellschaftliche Feld übertragbar […] genau im Modus des Poetischen der künstlerischen Transformation.“
Anlässlich des Endes ihres Kunststipendiums in der Trittauer Wassermühle präsentierte das Städtische Museum Engen vom 08. Juni bis 11. August 2019 in der Abschlussausstellung Normative Samples Werke der Künstlerin, die während des Stipendiums vor Ort entstanden sind. Eine Ausstellung, die in einem formidablen Katalog mündete, zu dem elf Kunstkritiker*innen begleitende Beiträge beigesteuert haben, die in summa eher wie ein konsistenter literarischer Reflex anmuten denn wie singuläre kunstwissenschaftliche Momentaufnahmen: Positionsbestimmungen und andere Erzählungen.
(Städtische Museum Engen: Normative Samples, Ausstellung vom 08. Juni bis 11. August 2019)

3. Tagung K21, Düsseldorf: Pre_Invent: Beyond The Visible

In einem Zeitalter ständiger Verfügbarkeit und permanenter Präsenz, einem Zeitalter, in dem wir kontinuierlich eine schier unfassbare Menge von Daten preisgeben und irreversible digitale Spuren hinterlassen, durch die wir bis zu unserer völligen Durchschaubarkeit gerade für die sichtbar werden, die für uns unsichtbar bleiben, ist es an der Zeit, bestehende digitale und politische Konzepte zu analysieren und zu reformulieren. Dieser aktuellen Problemlage stellt sich die von der Düsseldorfer Fotografie-Professorin Mareike Foecking initiierte Konferenz-Reihe Pre_Invent, die im Juli im K21 Ständehaus in Düsseldorf unter dem Titel Pre_Invent: Beyond the Visible getagt hat. Dort wurden neue Ansätze der (Un)Sichtbarkeit und Visualisierung auf Basis gegenwärtiger gesellschaftlicher, künstlerischer und technologischer Entwicklungen diskutiert sowie künstlerische wie wissenschaftliche Positionen miteinander konfrontiert. Ein Thema, das auch Angela Krewani, Professorin für Medienwissenschaft und w/k-Redakteurin, im Rahmen ihres viel beachteten Vortrags Artists in Labs – Working at the Edge of Innovation Anlass zur Reflektion gab.
(Tagung K21, Düsseldorf: Pre-Invent: Beyond The Visible, am 03. und 04. Juli 2019)

Info: Pre-Invent: Beyond The Visible

4. Anna Virnich: Hyperdrüse

Die künstlerische Aneignung der Welt ist seit jeher ganz wesentlich eine sinnlich konstituierte Aneignung. Taktile, visuelle, auditive Reize, ja selbst gustatorische Reize finden in den verschiedensten Gattungen der Kunst ihren Widerhall. Doch ein evolutionsgeschichtlich bedeutsamer Sinn ist in den künstlerischen Ausprägungen abendländischer Couleur befremdlich unterrepräsentiert: der olfaktorische. Dieser Vakanz setzt die Künstlerin Anna Virnich in ihrer famosen Ausstellung Hyperdrüse im Berliner Projektraum der Schering Stiftung eine komplexe Geruchschoreographie entgegen, die in Zusammenarbeit mit dem Scent Club Berlin entstanden ist. Eben jene sorgsam komponierten Düfte verwandeln den Space in einen multisensorischen Erfahrungsraum, der dem subjektiven Empfinden Tür und Tor öffnet, lösen doch selbst gleiche Gerüche bei jedem Menschen andere Impulse aus – was den einen stimuliert oder betört, verstört oder provoziert den anderen. Umrahmt wird die Ausstellung von olfaktorischen Führungen wie auch von einem wissenschaftlichen Begleitprogramm, das Eingang in das Künstlerheft findet: Die Geruchsforscherin und Professorin für biologische Psychologie, Bettina Pause, widmet sich dem impliziten Einfluss des Riechens auf das menschliche Verhalten.
(Projektraum der Schering Stiftung, Berlin: Hyperdrüse, Ausstellung vom 14. September – 25. November 2019)

Info: Schering Stiftung

5. Carsten Nicolai: Parallax Symmetry

Bereits der Titel der Ausstellung des unter dem Pseudonym Alva Noto auch den Fans zeitgenössischer elektronischer Musik bestens bekannten Künstlers Carsten Nicolai im Untergeschoss des K21, dem Ausstellungsort der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im Ständehaus, verweist auf die von Nicolai seit den frühen 1990er Jahren bespielte Schnittstelle von bildender Kunst und Naturwissenschaft: Parallax Symmetry. Das physikalisches Phänomen der Parallaxe bezeichnet, so definiert es Wikipedia, „die scheinbare Änderung der Position eines Objektes, wenn der Beobachter seine eigene Position verschiebt“. Mit dieser beharrlich zwischen der Polarität der Positionen changierenden Irritation spielt Nicolai in seinen oftmals auf Interaktion angelegten Arbeiten, seinen minimalistischen Installationen, Sound Performances oder auch den in eleganter Ästhetik realisierten Visualisierungen physikalischer Phänomene. Mit ihnen reflektiert er, wie es im Ausstellungsbrevier heißt, „die Systeme und Strukturen der Medienwelt“.
(K21 Ständehaus, Düsseldorf: Parallax Symmetry, Ausstellung vom 28. September 2019 bis 19. Januar 2020)

Info: K21 Ständehaus/Düsseldorf

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Beitragsbild über dem Text: Unbekannter Autor (2016). Urheberrecht: Creative Commons CC0.

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