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Kunstpreis für Nachwuchskünstler

Kunstpreis für Nachwuchskünstler – ein Spiel mit der menschlichen Wahrnehmung

David Czupryn, Jennifer López Ayala und Andreas Schmitten

Die 2004 gegründete und von Beate Düsterberg und Heinz Eissing geleitete Kunstinitiative Wurzeln und Flügel e.V. hat die Förderung außergewöhnlicher zeitgenössischer Kunst- und Kulturprojekte zum Ziel. Die Kuratorin und Organisatorin des Programms, Beate Düsterberg, ist selbst künstlerisch tätig. Sie ist Goldschmiedemeisterin und lehrt als Gastdozentin für Goldschmiedekunst an der Academy of Fine Arts in Tianjian in China.

Seit 2011 wurden in den Galerieräumen der Initiative, die sich in den Nebengebäuden von Schloss Reuschenberg in Neuss befinden, die Werke von über 100 nationalen und internationalen Künstlern unterschiedlicher Stilrichtungen ausgestellt. Dazu gehörte u.a. eine Schau der ehemaligen Studierenden des Zero-Künstlers Christian Megert anlässlich seines 80. Geburtstags. Auch Dichterlesungen u.a. von Viktor Nono und Konzertveranstaltungen wie z.B. eine von Simon Stockhausen aufgeführte Klangkomposition gehören zum Programm.

Im Oktober 2017 widmete sich die Kunstinitiative einer innovativen Form der Förderung junger vielversprechender Künstler. Sie veranstaltete unter der Schirmherrschaft von Beate Düsterberg den Kunst Ball Art Award, der Nachwuchskünstlern die Gelegenheit zur Vorstellung ihrer Arbeiten vor einem sachkundigen Publikum gab und in dessen Rahmen eine Versteigerung von Werken bekannter Künstler wie Günther Uecker stattfand. Der Erlös der Veranstaltung wurde zur Finanzierung von Stipendien, die drei besonders begabten jungen Künstlern verliehen wurden, eingesetzt.

Alle drei Preisträger – David Czupryn, Jennifer López Ayala und Andreas Schmitten – sind Absolventen der Kunstakademie Düsseldorf und haben bereits eine beeindruckende Anzahl von nationalen und internationalen Ausstellungen vorzuweisen; ihre Arbeiten sind schon jetzt in wichtigen Sammlungen vertreten. Für keinen der drei Künstler ist der Kunst Ball Art Award die erste Auszeichnung. Zu den Preisen, die Jennifer López Ayala in den letzten Jahren verliehen wurden, gehört auch der Kunstförderpreis der Stadt Neuss. Andreas Schmitten erhielt u.a. den Absolventenpreis der Kunstakademie Düsseldorf und David Czupryn den Bergischen Kunstpreis.

Die Werke der Preisträger werden vom 21.10.2017 bis Ende Dezember 2017 in den Galerieräumen von Schloss Reuschenberg gezeigt. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht ein Spiel mit Sehgewohnheiten und Wahrnehmungsprinzipien und mit der psychologischen Wechselwirkung von visuellem Input und gespeichertem Wissen, wie sie u.a. von dem Nobelpreisträger für Medizin, Eric Kandel, für die subjektive Erfahrung von Kunst postuliert wird. Ein weiteres wichtiges Element ist die Vielfalt räumlicher Bezugssysteme, wie sie sich in Unterschieden der neuropsychologischen Verortung des Betrachters im Raum und der Wahrnehmung der räumlichen Position von Objekten zueinander niederschlägt. Viele Arbeiten erzielen ihre Wirkung durch das Wechselspiel von bekannten und überraschenden Elementen, das Spannung erzeugt und den Blick sowie die Aufmerksamkeit des Betrachters festhält.

Der Maler David Czupryn, Meisterschüler von Lucy McKenzie, schafft in seinen Bildern eine surreal anmutende Fantasiewelt, die durch narrative Elemente, kräftige Farben und klare Figur-Grund-Trennungen gekennzeichnet ist. In seinen Motiven und Kompositionen finden sich Anklänge an Themen der Psychoanalyse und die Bildwelt von Salvador Dali und Giorgio di Chirico. Allgemeine Wissenskategorien, die für ein bestimmtes Material eine bestimmte visuelle Form nahelegen, werden aufgebrochen. Vertraute Werkstoffe wie Marmor oder Holz erhalten in David Czupryns Bildern eine ungewohnte Form und nehmen eine unerwartete räumliche Position ein. Fotorealistisch dargestellter Marmor wird nicht hart und scharfkantig präsentiert , sondern weich und biegsam. Holzstücke dienen als Stütze, aber auch als Material für die Darstellung eines Kopfes, Anorganisches verschmilzt mit Organischem.

David Czupryn: Pseudo Twins (2016). Foto: Moritz Niehues.

Die Neusser Künstlerin Jennifer López Ayala ist Meisterschülerin von Katharina Grosse. Ihr wichtigstes Material sind gebrochene Eierschalen, die sie Stück für Stück zu räumlichen Mustern, Kreisen und Halbkreisen sowie komplexeren Gebilden zusammenfügt. So entstehen Objekte und Installationen mit hypnotischer Wirkung, die in der Wahrnehmung des Betrachters visuelle Formen und die Illusion von Bewegungen entstehen lassen. Ihre Fotoarbeiten, die von ihr geschaffene exakt angeordnete, abstrakt anmutende Muster aus Eierschalen darstellen, greifen auf die Wechselwirkung von Nah- und Fernperspektive zurück. Aus der Distanz erscheinen die Arbeiten fast dreidimensional, die Eierschalen als Gegenstand sind erst bei genauer Betrachtung aus der Nähe zu erkennen. Die Auseinandersetzung mit Gegensätzen macht einen wesentlichen Teil der Anziehungskraft der Arbeiten aus. Dazu gehört der Kontrast zwischen der Zerbrechlichkeit und den variablen Formen der Einzelbestandteile und der Strenge der übergeordneten geometrischen Kompositionen der Werke. Auch die Wahl der Farbe schwarz für ein Material, das für die Farbe „Eierschale“ steht, ist ein besonders wirkungsvolles Element einiger Arbeiten.

Jennifer López Ayala: Ego-State (2017). Foto: Moritz Niehues.

Andreas Schmitten ist Meisterschüler von Georg Herold. Sein Werk umfasst raumfüllende Aufbauten, Objekte und Installationen, aber auch ungewöhnliche Zeichnungen, die ebenfalls in der Ausstellung gezeigt werden. Zusätzlich zum Studium an der Kunstakademie Düsseldorf befasste sich Andreas Schmitten in den USA mit computerbasieren Techniken des Filmemachens, die er in seine künstlerische Arbeit einfließen lässt. Der Künstler betrachtet den Raum als Ort der Inszenierung, den er mit seinen Arbeiten verwandeln will. Ein einzelnes Werk ändert seine Wirkung in Abhängigkeit von der räumlichen Position und der egozentrischen Perspektive des Betrachters, damit entsteht der subjektive Raum immer wieder neu. Auch in seinen Arbeiten spielen Kontraste und ungewöhnliche Kombinationen eine Rolle, wie z.B. die Wahl der zarten Farbe rosa für einen wuchtigen Raumeinbau, eine Art Vitrine, in der kleinere schwarze Objekte ausgestellt werden, oder die Darstellung eines technischen Geräts als fast selbstverständlichen Teil einer menschlichen Gestalt in seinen Zeichnungen.

Andreas Schmitten: o.T. (2017). Foto: Moritz Niehues.

Das Spiel mit der Wechselwirkung von Farbe, Form und Raum und mit den Assoziationen des Betrachters fungiert als eine Art Klammer, die die unterschiedlichen Positionen der drei Künstler zusammenführt. Eigenwillige Kombinationen, berührende und zum Teil überraschende Gegenüberstellungen sind wichtiger Bestandteil der Schau. Das Aufeinandertreffen von Erwartungen und Unerwartetem, das Aufbrechen gewohnter Wahrnehmungen und die Auseinandersetzung damit macht die Ausstellung zu einem Erlebnis, das noch lange nachwirkt.

Beitragsbild über dem Text: Jennifer López Ayala: Ego-State (2017). Foto: Moritz Niehues. 240 × 120 × 10 cm. Eierschalen, Lack, Folie auf Acrylglas unter Acrylglashaube.

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