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Irene Daum: Ryo Kato – Wanderer zwischen den Welten

Mensch und Umwelt

Der 1978 in Japan geborene Berliner Maler Ryo Kato setzt sich in seiner Arbeit mit einer breiten Palette an Themen im Spannungsfeld von Mensch und Umwelt auseinander. Mit einer nur vordergründig plakativen Bildsprache erzählt er Geschichten, zeichnet düstere Endzeitszenarien und prangert Missstände wie den zerstörerischen Umgang des Menschen mit der Natur an. Dieses Anliegen wird auch in der Wahl der Titel seiner Bilder deutlich. Beispiele sind Das Böse in der Tiefe des Menschen, Der vierte Weltkrieg oder Kampf gegen Monster.

Ryo Katos Arbeiten sind eine Aufforderung zum Umdenken und zum bewussteren Umgang mit den begrenzten Ressourcen unseres Planeten. Seine farbgewaltigen Bilder zeichnen sich durch ausdrucksstarke Motive, eine überbordende Fülle an Details und multiple Bezüge und Schichtungen aus. Figürliche Elemente wie Tiere oder Alltagsgegenstände wirken als Blickfang, sie sind Vertrautes und Bekanntes, das sich mit dem Unbekannten, den abstrakten Elementen mischt. So zieht Ryo Kato den Betrachter in seine düstere und geheimnisvolle Welt. Seine Arbeiten lassen den Einfluss seines Lehrers Daniel Richter erkennen, auch dessen Haltung, dass ein Bild „vergesellschaftet“ werden muss, dass ein Künstler es durch die Augen des Betrachters sehen muss. Seinem Vorbild Albert Oehlen folgt er in der Auseinandersetzung mit Natur und Kultur und im Wechselspiel von Figuration und Abstraktion. Der Einfluss Jörg Immendorffs zeigt sich in Anspielungen auf das politische Tagesgeschehen und dessen Verarbeitung im Bild. Zu Ryo Katos Selbstverständnis gehört, dass ein Künstler Stellung beziehen muss und eine gesellschaftliche Verantwortung trägt.

Ryo Katos Arbeit wurde und wird auch aktuell durch seinen persönlichen Werdegang entscheidend geprägt. Wesentliche Einflussfaktoren sind seine japanische Herkunft und die künstlerischer Ausbildung in der multikulturellen Metropole Berlin. Sein Werk reflektiert ein beeindruckendes Zusammenspiel der Folgen einer traditionellen Ausbildung in jungen Jahren und der Freiheit im künstlerischen Ausdruck als Erwachsener. Der Maler verspürt die für Japan typische ausgeprägte Verbindung zur Natur. Die starke Sensibilisierung für das Spannungsfeld von Mensch und Umwelt ist nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit den Katastrophen, die sein Heimatland Japan seit Mitte des letzten Jahrhunderts in besonderem Umfang heimsuchten  Atombombenabwürfe, Naturkatastrophen und Wirtschaftskrisen – zu finden. 

Ryo Kato: Der vierte Weltkrieg (2016). Foto: Ryo Kato.

Ryo Kato: Ein echter Held (2016). Foto: Ryo Kato.

Ryo Kato ist ein Wanderer zwischen den Welten des streng wissenschaftlichen Denkens und der freien Malerei. Schon als Kind ließ er eine mathematische Hochbegabung erkennen und absolvierte eine jahrelange Ausbildung bei einem Go-Meister mit dem Ziel einer professionellen Karriere als Go-Spieler. Der Umgang mit Zahlen und abstrakten Strukturen, deren Eigenschaften und Muster es mit Hilfe der Logik zu untersuchen galt, übten eine nachhaltige Faszination auf ihn aus. Ihn begeisterte nicht nur der abstrakte Zahlensinn, sondern auch das rechnerische Erfassen und das Verständnis räumlicher Beziehungen, die Geometrie von Flächen und Räumen und nicht zuletzt die Strenge der Methoden. Auch als Maler benötigt Ryo Kato klare Strukturen als Fundament seiner Arbeit. Er spielt mit Zahlen und ihrer Verknüpfung in der Arithmetik; ihn interessieren Zahlen als Ausdruck von Proportionen. Übertragen auf seine Kunst sieht er eine Analogie zur Mathematik, wenn die Kombination von Einzelelementen einen Gesamteindruck erzeugt, der die Qualität von etwas Neuem hat.

Das Brettspiel Go gilt als eines der ältesten Strategiespiele der Welt. Es stellt außergewöhnlich hohe Anforderungen an das strategisch-logische Denken und das visuell-räumliche Vorstellungsvermögen. Jeweils abwechselnd legen zwei Kontrahenten schwarze bzw. weiße Steine auf ein Brett mit dem Ziel, möglichst große Teilgebiete durch zweckdienliche räumliche Formationen zu erobern. Sieger ist der, der am Ende eine größere Gesamtfläche auf dem Brett dominiert. Der Spieler muss jederzeit sowohl das Gesamtbild als auch den Stand aller lokalen Teilgebiete im Auge haben, um als Sieger aus der Partie hervorzugehen. Wie beim Go-Spiel ist für den Künstler und Go-Spieler Ryo Kato die Leinwand das Feld, das zahlreiche auf den ersten Blick eigenständige Elemente und räumliche Teilformationen aufweist, die miteinander in Wechselwirkung stehen und in einzigartiger Weise das übergeordnete Gesamtgeschehen prägen.

Die Komplexität des Go-Spiels und seine Affinität zu Algorithmen sind außerordentlich hoch. Die Zahl der spielbaren Varianten übersteigt die des Schachspiels um Größenordnungen. Während Computer-Programme Schach-Großmeistern im direkten Vergleich seit Jahren überlegen sind, gelang es einer Software erst im letzten Jahr, einen international führenden Go-Spieler zu besiegen, was als Meilenstein bei der Entwicklung selbstlernender Maschinen angesehen wird.

Ryo Kato: Die Periode (2016). Foto: Ryo Kato.

Ryo Kato: America First (2017). Foto: Ryo Kato.

Beim Maler Ryo Kato löst das Thema Mensch und Umwelt starke Emotionen aus, die in die Ausgestaltung seiner Bilder einfließen. Bei der Umsetzung seiner Ideen nimmt er neben der Intuition  wissenschaftsorientiertes strategisches Denken und Planen zu Hilfe, mit außergewöhnlichen Ergebnissen. Die zunehmende internationale Aufmerksamkeit, die seinem Werk entgegen gebracht wird, spiegelt sich nicht nur in zahlreichen Ausstellungen und Messeteilnahmen wieder, sondern auch in der Verleihung renommierter Kunstpreise, z.B. der Darmstädter Sezession und des Okayama Präfektur-Museums in Japan.

Aktuell ist seine Ausstellung Ryo Kato – eine endlose Geschichte in der Galerie Bengelsträter in Düsseldorf bis zum 8. Mai 2017 zu sehen. Die Deutsche Umwelthilfe in Berlin zeigt seine Arbeiten zum Thema Bedrohte Umwelt vom 29. März 2017 bis zum 2. April 2018.

Ryo Kato auf der Ausstellung: Eine endlose Geschichte, Galerie Bengelsträter Düsseldorf, 2017. Foto: Moritz Niehues.

Beitragsbild über dem Text: Irene Daum, 2016.

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