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Silvia Stocchetto: Formen der Natur

Ein Gespräch mit Irene Daum | Bereich: Interviews

Übersicht: Silvia Stocchetto ist eine Grenzgängerin zwischen Wissenschaft und bildender Kunst. Nach der Promotion in Biochemie/Biophysik und einer mehrjährigen Forschungstätigkeit in Padua erwarb sie das Diplom in Malerei an der Accademia di Belle Arti in Venedig und arbeitet seitdem als freie Künstlerin. In ihren Bildern kombiniert sie Elemente aus der Botanik und der Tierwelt mit phantastischen Elementen.

Frau Dr. Stocchetto, bevor Sie sich im Jahr 2004 der Malerei zuwandten, waren Sie sehr erfolgreich als Wissenschaftlerin an der Fakultät für Biologie der Universität Padua tätig. Nach dem Diplom in Biologie promovierten Sie im Fach Biochemie/Biophysik und arbeiteten anschließend in der Forschung. Können Sie uns bitte in aller Kürze eine Zusammenfassung der wissenschaftlichen Fragen geben, mit denen Sie sich beschäftigt haben.
Mein Spezialgebiet war die Molekularbiologie. Während des Studiums erforschte ich den einzelligen Organismus Dictyostelium discoideum am Institut für Allgemeine Pathologie in Padua. Das Projekt, auf dem meine Doktorarbeit basiert, widmete sich der Entschlüsselung des Genoms des Hefepilzes Saccharomyces cerevisiae. Unser Labor war international führend auf dem Gebiet der Sequenzierung des Genoms und der funktionellen Analyse der Gene einfacher Organismen. Nach der Promotion lehrte ich naturwissenschaftliche Fächer.

Bei w/k beschäftigen wir uns unter anderem mit Grenzgängern zwischen Wissenschaft und Kunst. Wir interessieren uns für die Beweggründe, warum Sie eine erfolgreiche Karriere an einer renommierten Universität aufgaben, um Kunst zu studieren.
Schon als Kind und in der Schule galt meine große Leidenschaft dem Zeichnen und Malen. Schweren Herzens entschied ich mich bei der Wahl des Studiums für ein Fach, das mir mit höherer Wahrscheinlichkeit später den Broterwerb sichern würde. Nach der Promotion musste ich zu meiner alten Leidenschaft zurückkehren: Es ist schwer zu erklären, ich konnte einfach nicht anders. Hinzu kam, dass die Möglichkeiten einer langfristigen universitären Karriere in Italien sehr begrenzt waren.

Nach dem Verlassen der Universität nahmen Sie ein Studium der Freien Kunst in Venedig auf und legten im Jahr 2013 das Diplom in Malerei an der Accademia di Belle Arti ab. Seitdem arbeiten Sie als Freie Künstlerin. Ihre ersten Arbeiten waren Stillleben in Grautönen. Können Sie sie etwas näher beschreiben und hatten sie einen Bezug zu Inhalten Ihrer früheren Forschung?
Ich habe schon an der Akademie mit den Arbeiten in Grau angefangen. In einer ersten Phase beschäftigte ich mich mit Porträt-Malerei. Danach widmete ich mich einer modernen Interpretation klassischer Stillleben, in denen ich Gegenstände, die mir im Alltag begegneten – wie z.B. Küchenutensilien –, zu neuen Objekten in ungewöhnlichen Gruppierungen zusammenfügte. Ich setzte mich mit den visuellen Formen alltäglicher Gegenstände auf eine wissenschaftlich-analytische Weise auseinander und erzielte das Ergebnis mit Hilfe einer sehr detaillierten Maltechnik. Die Farbe Grau hat mich als neutrale Farbe mit vielen Möglichkeiten schon immer angesprochen. Ich begann ein Bild mit einem Grauton und habe dann graduell andere Pigmente hinzugefügt. Der Hintergrund blieb immer grau. Wie beim wissenschaftlichen Arbeiten ging ich sequenziell und analytisch vor und überprüfte das Zwischenergebnis immer wieder. Für mich entstand so eine besondere Form des Realismus mit einer metaphysischen Note, eine Transformation der Realität mit realen Gegenständen.

Silvia Stocchetto: Stillleben (2014). Foto: Filippo Giacometti.

Später wandten Sie sich einem Thema zu, das Sie bis heute intensiv beschäftigt: der Natur. Sie kombinieren in Ihren Bildern Elemente aus der Botanik und der Tierwelt, verbinden naturgetreue Darstellung und Fantasiewelt. Hat Ihre Arbeit als Biologin die Wahl Ihrer Motive und deren künstlerische Ausgestaltung beeinflusst?
Nach den grauen Bildern habe ich angefangen, Schritt für Schritt mehr Farbe in die Stillleben einzufügen. Bei den neuen Bildern wurde auch der Hintergrund farbiger. Ich habe nun Vegetation, Blätter, Früchte etc. eingearbeitet. Schon an der Akademie konzentrierte ich mich beim Zeichnen auf botanische Motive. Alles, was ich draußen im Garten oder im Wald sehe und was mich anspricht, hinterlässt bei mir eine Art Abdruck. Vor meinem geistigen Auge entwickelt sich dann ein neues Bild; einzelne Bilder fließen zusammen zu einer neuen Szene, die einzelnen Eindrücke verdichten sich zu einem Gesamtbild. Wie beim wissenschaftlichen Arbeiten analysiere ich das, was ich sehe, sehr genau. Ich kopiere sozusagen die Formen der Natur, aber ich transformiere sie durch meine Emotionen und meine Leidenschaft für alles Natürliche. Biologie habe ich studiert, weil ich die Natur liebe. Genaue wissenschaftliche Beobachtung ist eine Sache, aber ein Maler hat genau wie ein Wissenschaftler gegensätzliche Gefühle, wenn es um die Natur geht – da sind einmal Ehrfurcht und Bewunderung, aber da sind auch Zweifel und Unsicherheit, ob man mit einer Arbeit etwas Unbekanntes, Rätselhaftes ans Licht bringen wird – und ans Licht bringen sollte.

Sie beschäftigen sich mit der Spannung zwischen dem, was wir in der Natur zu einem bestimmten Zeitpunkt wahrnehmen, und einer Welt, die dahinter liegt und nicht einfach zu fassen ist. Ist das für Sie eine psychologische Frage oder beziehen Sie sich auf Aspekte der Evolutionsbiologie?
Das Undurchdringliche der Welt – als Wissenschaftlerin ist mir oft aufgefallen, wie wenig wir uns damit befassen. In meiner Kunst gehe ich dem nach. Die Kunst stellt Fragen nach dem Sinn der Existenz. Die Evolutionsbiologie befasst sich mit dieser Frage aus naturwissenschaftlicher Sicht. Die Evolution steht für eine nicht endende Transformation in der Natur. Die sichtbare Welt ist das Ergebnis kontinuierlichen Wandels und Wachstums, des Kampfes ums Überleben und der ständigen Weiterentwicklung der Lebewesen. Für einen Künstler ist es ungewöhnlich, sich damit auseinanderzusetzen.

Die Evolution ist aktuell Schwerpunkt zahlreicher künstlerischer Auseinandersetzungen. Ein Beispiel ist die Ausstellung Design after Darwin im Rahmen der Architektur-Biennale in Venedig. Auch Ihre Bilder mit den Titeln Evolution und Metamorfosis lassen an Transformation im Sinne der Evolution denken.
Entstehung, Wachstum, Kampf – das sind wichtige Themen der Evolution, mit denen ich mich im Studium befasst habe. Mich beschäftigt die Frage, wie die Farben und Formen, die ich in der Natur wahrnehme, entstehen. Die Formen, die ich male, verschlingen sich ineinander, sie verändern sich und verschmelzen in einem kontinuierlichen Prozess, sie verbinden sich in einem Lebenszyklus. In meinen Bildern entstehen Hybride mit organischen und anorganischen Elementen, zwischen Tieren und Pflanzen, zum Teil wirklichkeitsnah, zum Teil Produkt der Fantasie.

Silvia Stocchetto: Evolution (2017). Foto: Filippo Giacometti.

Nach den ersten Grauen Bildern – Sie hatten vor einigen Jahren eine sehr erfolgreiche Ausstellung mit dem Titel GRIGIO (grau) in Triest – sind Ihre Arbeiten mittlerweile sehr farbenfroh, mit Schwerpunkt auf Grün- und Brauntönen. Wie kam es zu dieser Entwicklung?
Mich sprechen vor allem die Farben der Natur an, wie Erd- und Grüntöne. Bei den älteren Bildern schaffen die Grautöne einen nicht näher definierten Raum, von dem sich klar konturierte Gegenstände absetzen. In den neuen Bildern dienen die Farben dazu, eine Art elementaren, ursprünglichen Raum zu schaffen, der eine Einheit mit den gegenständlichen Elementen bildet. Die Erdtöne und das Grün verankern die Realität. Sie sind Farben unseres eigenen Ursprungs, auch wenn sie zumindest im Ansatz auch an das Unbekannte, Undurchdringliche der Natur denken lassen.

Silvia Stocchetto: La gru coronata (2016). Foto: Filippo Giacometti.

In Ihrem Bild Giungla (Dschungel) beschäftigen Sie sich mit dem Wald als einem Ort, der für die immerwährende Wandlung der Natur steht.
Der Wald ist noch viel mehr. Für mich ist er ein Labor für die Kreativität des Künstlers. Im Wald verändern sich Konturen im Wechselspiel von Licht und Schatten, Grenzen lösen sich auf. Tiere, Pflanzen, Mineralien verschmelzen zu einer Einheit, auch wenn ich es als Künstlerin der Fantasie überlasse, festzulegen, wozu ein abgrenzbares Einzelelement nun gehört.

Silvia Stocchetto: Giungla (2016). Foto: Filippo Giacometti.

Sie erwähnten, dass Sie sich als Biologin und als Malerin mit dem Geheimnis des Werdens und Vergehens in der Natur befassen. Ihre Bilder zeigen häufig Vögel, die aber nicht nur für die Welt des Organischen, sondern als Hybride auch für abstrakte Ideen stehen sollen. Warum wählen Sie Vögel?
Ich war schon immer von ihrer starken Ausdruckskraft fasziniert, den Augen, den Schnäbeln, der großen Variabiltät der Formen, in denen ich bei Vögeln etwas Menschenähnliches erkenne. Für mich ist das Anthropomorphe deutlich spürbar. Mein Bild Totem zeigt eine Hybrid-Kreatur, die sich aus menschlichen, tierischen und pflanzlichen Anteilen zusammensetzt, eine metamorphe Form, die für das universelle Leben an sich steht, ein Bestiarium von enormer Vitalität. Die Teile verschmelzen zu einer Hybrid-Figur in einem Raum ohne Konnotationen, ohne Bezug zur realen Welt. Eine Fokussierung auf Details lässt die Figur dann wieder real, als Teil der Natur erscheinen.

Silvia Stocchetto: Totem (2016). Foto: Filippo Giacometti.

Sie möchten mit Ihren Bildern erreichen, dass sich der Betrachter intensiver damit auseinandersetzt, dass auch er Teil der Natur ist und ihren Gesetzen unterliegt. Wie drückt sich das in Ihren Arbeiten aus?
Der Mensch ist Teil der Natur, steht sozusagen im Bund mit allen anderen Elementen der Natur. Es geht mir um einen spirituellen Akt der Reflektion über Einheit, über das Dazugehören. Die wirklichkeitsnahen Elemente können das auslösen, der Betrachter findet etwas Vertrautes im Bild, sie sprechen die ihm bekannte Bilderwelt an. Aber die Kombination mit den Fantasie-Elementen regt auch das weniger Bewusste an, seine Gefühle und die ihm eigene innere Welt.

Mit Ihrer Arbeit Rêverie haben Sie letztes Jahr den Kunstpreis der Associazione Culturale 42 gewonnen. Sie zeigt eine Naturszene und hat einen psychologie-bezogenen Titel. Das gilt auch für Ihr Bild Il Giardino di Psiche (Der Garten der Psyche). Wie entstehen solche Verbindungen?
Wenn ich auf Reisen bin, beeindrucken mich vor allem das Wilde, die Vielfalt der Formen, die Schönheit von Landschaften und Natur. Die Arbeit Rêverie spiegelt meine Erfahrung bei der Entstehung eines Bildes wider. Es reflektiert, wie ich einen Garten der Imagination schaffe. Pflanzen, die ich auf dem Land sehe, verlieren ihre typischen Merkmale und verändern sich im Garten meiner Vorstellungkraft – ein weiterer Schritt in einem Transformationsprozess.

Silvia Stocchetto: Rêverie (2017). Foto: Filippo Giacometti.

Es geht mir um eine innere Erfahrung von Schönheit, die sich auch in der Arbeit Garten der Psyche ausdrückt. Das Bild zeigt schlangenförmige Blätter, die nur scheinbar regungslos, aber doch kraftvoll und lebendig wirken. Sie legen ungewöhnliche, versteckte Formen offen. Für mich lösen sie innere Bilder und uralte Erinnerungen an das Leben vor der Geburt aus, wenn Formen gefühlt und nicht gesehen werden. Durch die Reflektion über die Natur entsteht ein imaginärer Garten, in dem die Emotionen die Formen transformieren. Er steht für uralte Erinnerungen an ein Leben in der Natur vor unserer Zeit.

Silvia Stocchetto: Il giardino di Psiche (2016). Foto: Filippo Giacometti.

Sie sprachen davon, dass die Naturwissenschaften und die Kunst viele Gemeinsamkeiten haben und dass beide ihre Inspiration aus der Suche nach dem Unergründlichen schöpfen. Können Sie diese Idee näher erläutern?
Sowohl die Naturwissenschaften als auch die Kunst streben danach, etwas sichtbar zu machen, was noch unbekannt, unsichtbar ist. Das ist mit einem hohen Maß an Unsicherheit und Zweifel, auch mit Angst vor dem Scheitern, vor einer Art Leere verknüpft. Das gilt für die leere Leinwand genauso wie für die Arbeit im Labor. Erfahrungen mit exakter Beobachtung sind für mich die Grundlage für die analytische Malerei, die ich verfolge. Wissenschaftlichen Erkenntnissen sind Grenzen gesetzt, als Künstlerin stelle ich mir existenzielle Fragen. Die Unruhe, die Suche erfährt durch die Kraft des Vorstellungsvermögens eine Art Kompensation, einen Trost – eine weitere Gemeinsamkeit von Wissenschaft und Malerei.

Gibt es auch Aspekte Ihrer früheren wissenschaftlichen Arbeit als Biologin, die Ihre Arbeit als Künstlerin eher behindern?
Am Anfang war mein Ansatz als Künstlerin zu analytisch, was den Zugang zur Vorstellungskraft und zu meinen inneren Bildern blockierte. Meine Bildsprache entwickelte sich graduell, meine Vorstellungskraft wurde zunehmend freier und reicher. Die Phase der Beobachtung und Reproduktion hat trotzdem Früchte getragen, ich konnte meinen Stil einer präzisen Malerei mit realitätsnahen Elementen weiterentwickeln. So entstand eine neue Sicht auf die Natur, die wiederum Rückwirkungen auf meine inneren Bilder und deren künstlerische Umsetzung hatte. Ich denke, dass es aufgrund meiner langjährigen Auseinandersetzung mit der Welt der biologischen Formen für mich fast unmöglich ist, abstrakt zu malen – was ich auch heute nicht mehr möchte.

Frau Stocchetto, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Beitragsbild über dem Text: Silvia Stocchetto neben ihrem Bild L`idolo (2018). 105 x 80 cm, Öl auf Leinwand. Foto: Irene Daum.

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