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Volker Hermes: Humboldt-Hybride

Ein Gespräch mit Peter Tepe | Bereich: Interviews

Übersicht: Volker Hermes verbindet in einer Bildserie Polyederformen aus der Geometrie mit Insektenabbildungen, die aus historischen Wissenschaftsexpeditionen stammen. Das Ergebnis sind hybride Wesen, die so nur als Malerei möglich sind. Leitend ist dabei die Frage der Darstellung von Dreidimensionalität auf der zweidimensionalen Fläche des Keilrahmens.

Im Gespräch wird es um Ihre Reihe Humboldt-Hybride gehen. Bei den Vorklärungen hat sich gezeigt, dass diese Serie starke Wissenschaftsbezüge aufweist. In w/k verfolgen wir das Ziel, solche individuellen Wissenschaft-Kunst-Verbindungen sowie das ihnen zugrundeliegende künstlerische Konzept möglichst genau herauszuarbeiten.
Sehr gerne.

Wann ist die Reihe entstanden?
Von Mitte 2013 bis Ende 2017 beschäftigte ich mich fast ausschließlich damit. Dann habe ich dieses Thema erst einmal abgeschlossen. Eine Weiterführung unter veränderten Vorzeichen scheint mir aber möglich.

Welche Ausstellungen hat es bislang gegeben?
Neben diversen Beteiligungen war die Einzelausstellung in der Galerie Bräuning Contemporary in Hamburg für mich die wichtigste. Dort konnte ich über Einzelarbeiten hinaus auch den Kontext und das System zeigen, in das ich meine Arbeiten einordne.

Die Serie scheint auf umfangreichen Vorstudien – zu Wissenschaftsexpeditionen früherer Zeiten und zur Mathematik – zu beruhen. Es wäre erhellend, wenn Sie diese Zusammenhänge zunächst kurz darstellen könnten; auf einige Punkte werden wir im Gespräch sicher noch zurückkommen.
Am Anfang jeder meiner Themenreihen steht eine künstlerische Fragestellung. Dann scanne ich Welten in und außerhalb der Kunst nach visuellen Konstruktionen, die mir Antworten versprechen. Ist ein interessanter, erhellender Ansatz gefunden, kapere ich diese Welten für meine Malerei. Konkret habe ich fast ein Jahr ausschließlich mit Recherche und Lernen verbracht und quälend viele Mathematikbücher gelesen – die Mathematik ist eine Wissenschaft, die mir nicht wirklich liegt. Aber in diesem Fall wollte ich unbedingt verstehen, welche Berechnungen, welche Denkansätze zu den Polyederformen führten, die ich visuell so spannend finde. Dann habe ich Unmengen von Polyedern als Papiermodelle selber gefaltet, um eine Sicherheit in diesen Formen zu finden, und parallel einen Fundus von Zeichnungen historischer Expeditionen aus Archiven naturhistorischer Museen und Institute angelegt. Das alles diente dem Zweck, in meinen Arbeiten Elemente beider Bereiche fast automatisch nutzen zu können und eine eigenständige Bildwelt zu schaffen, ohne zu imitieren.

Volker Hermes: Polyedermodelle (2013). Foto: Volker Hermes.

Volker Hermes: Polyedermodelle (2013). Foto: Volker Hermes.

Welches war Ihre künstlerische Ausgangsfrage bei den Humboldt-Hybriden?
Die nach der Darstellung von Dreidimensionalität auf der zweidimensionalen Fläche des Keilrahmens. Ich möchte offenlegen, dass gegenständliche Malerei dem Betrachter eine Bildfigur zwar als dreidimensional erscheinen lässt, sie es aber natürlich nicht ist. Sie ist einfach Malerei, was manchmal vergessen wird.

Bleiben wir noch einen Augenblick bei den Polyedern: Können Sie Ihre Faszination etwas genauer beschreiben? Anders gefragt: Weshalb sind diese geometrischen Formen besser als andere für Ihre Zwecke geeignet?
Polyeder sind regelmäßige Formen, theoretische Konstrukte, deren Rückseiten durch ihren regelmäßigen Aufbau berechenbar sind. Wähle ich eine Vorderansicht, weiß ich, wie die Rückansicht aussieht. Das heißt für mich, dass ich gleichzeitig die Welt hinter dem Objekt sehe, wenn ich es von vorn betrachte. Ich finde das aufregend, weil ich sonst als Betrachter von Malerei nur eine Ansicht gewohnt bin, die ich dann mit meiner Seherfahrung rückseitig ergänze. Und wir wissen alle, dass Rückseiten unerwartete Überraschungen bereithalten können. Zweitens bieten Polyeder die Möglichkeit des Auf- und Entfaltens in eine Art Schnittmuster. Damit sind sie von meiner Warte gleichzeitig zwei- und dreidimensional und daher perfekte Protagonisten meiner Ausgangsfrage.

Abgesehen davon empfindet der Mensch Regelmäßigkeit als schön. Polyeder sind also schöne Mathematik. Sie verbinden emotionale Empfindung von Schönheit mit rein rationalen Berechnungen. Der Versuch einer Kombination dieser beiden gegensätzlichen Pole schwebt insgesamt über meiner künstlerischen Arbeit.

Volker Hermes (v.l.): Diptera Kaleidozyklis griseus retis (2016). Diptera Kaleidozyklis griseus (2016). Fotos: Volker Hermes.

Um auch diejenigen Leser, die mit Ihrer Kunst bislang nicht vertraut sind, auf unsere Reise mitnehmen zu können, bietet es sich an, mit einer Arbeit zu beginnen, an der sich Grundzüge Ihrer künstlerischen Vorgehensweise gut aufweisen lassen.
An der Arbeit Coleoptera Jamnitzer punktum  kann ich ganz gut verdeutlichen, was ich mit dem Kapern unterschiedlicher Welten meine. Wenzel Jamnitzer hat die illusionistische Darstellung von Polyedern bereits 1568 durchdekliniert und in seinem Buch Perspectiva Corporum Regularium veröffentlicht, also zu einer Zeit, in der Dreidimensionalität in der Kunst gerade erst wiederentdeckt wurde. Perfekt für mich.

In meiner Arbeit greife ich eine von Jamnitzers komplexen Figuren auf, die Abwandlung eines archimedischen Körpers aus der Mathematik, und kombiniere sie dann in einem weiteren Schritt mit einem Zitat aus einer Wissenschaftszeichnung, die ich im Archiv der Humboldt Universität zu Berlin gefunden habe. Damit habe ich visuelle Ergebnisse beider Welten für mich genutzt und mich gleichzeitig von ihnen befreit. Das Ergebnis ist ein hybrides Wesen, was so nur als Malerei, auf der Fläche des Bildes möglich ist.

Volker Hermes: Coleoptera Jamnitzer punktum (2016). Foto: Volker Hermes.

Trifft es zu, dass in der gesamten Bilderserie Elemente der Geometrie (Polyeder) mit Elementen aus Zeichnungen, die aus Wissenschaftsexpeditionen vergangener Zeiten stammen, kombiniert werden?
Das trifft ausnahmslos zu.

Welche Rolle spielen die Wissenschaftszeichnungen in Ihren Arbeiten?
Ich fühle mich den frühen, historischen Zeichnungen aus Expeditionen sehr verbunden. Sie repräsentieren mir das Suchen, Finden und Einordnen – alles Dinge, die ich auch mit Malerei verbinde. Außerdem mag ich die Direktheit dieser Zeichnungen, die dokumentarisch gemeint sind, aber doch viele künstlerische Entscheidungen beinhalten.

Aus welchen Quellen beziehen Sie Ihre Motive?
Weitestgehend aus digitalisierten Archiven naturhistorischer Institute und Museen, aber auch von Onlineplattformen, auf denen gescannte historische Bücher veröffentlicht sind.

Ich gehe dabei intuitiv vor, habe immer die zeichnerische Umsetzung im Kopf. Meine Modifikationen gehen dann sehr weit, sie sind gestisch und eigenständig. Deswegen notiere ich mir die Quellen auch nicht weiter, es reicht die generelle Anlage des Motivs. Schon die Kombination mit einer Polyederform ändert ja die Ausgangszeichnung grundlegend, der Rest ist dann meine freie Interpretation.

Sie kombinieren stets Polyeder mit Insekten. Liegt hier eine besondere Art der Faszination vor?
Insekten bieten mir in ihrer Vielseitigkeit und grafischen Zartheit ein gutes Gegenstück zum Volumen der Polyeder. Die Vielzahl ihrer Beine interpretiere ich als dynamisch, vibrierend und lebendig. Gezeichnet mit Markern aus der Graffitiszene, ähnlich zu Eddingmarkern, die augenblicklich ultrapermanent, d.h nicht korrigierbar auf der Leinwand sitzen. Ich muss also mutige und schnelle Entscheidungen treffen. Diese Direktheit des zeichnerischen Moments ist mir sehr wichtig. Außerdem gibt es verrückte Insektenarten. Kombiniert mit einem Polyeder, wirken sie sogar manchmal realistisch. Das finde ich ganz lustig, wohingegen eine Kuh mit einem Polyederkopf doch etwas albern wäre.

Ich komme noch einmal auf Ihr Ordnungssystem zurück: Wie ist es beschaffen? Und liegt hier ein weiterer Berührungspunkt zur Wissenschaft vor?
Polyeder sind genauso wie die Tierwelt eingeordnet in eine Welt von Bezeichnungen und Klassifizierungen. Analog zu einer wissenschaftlichen Ordnung habe ich alle meine Bilder dieser Reihe in ein System von Bildtiteln eingeordnet. Die Bildtitel bestehen aus der Tiergattung, kombiniert mit dem Namen des Polyeders. Manchmal füge ich noch ein visuell auffälliges Element des Bildes als weitere Unterscheidung hinzu. Damit steht eine künstlerische Arbeit nicht mehr nur als Einzelwerk da, sondern verweist zusätzlich auf eine Gruppe anderer Bilder, möglicherweise auch auf solche, die noch nicht gemalt sind. Ich verwende dabei die lateinische Sprache und spiele etwas mit dem Nimbus der Wissenschaft, die sich in ihrem Habitus manchmal von den weniger Wissenden distanziert.  Außerdem kennen wir alle aus naturhistorischen Museen die Kästen mit Insekten und allerlei Getier, sorgfältig in Reihungen angeordnet. Diese Schaukastenästhetik habe ich in einigen Arbeiten verwendet.

Volker Hermes: Coleoptera Polyedae (2014). Foto: Volker Hermes.

Gibt es ein übergeordnetes künstlerisches Konzept oder Ziel, das Sie in den Humboldt-Hybriden verfolgen?
Wenn ich es pathetisch ausdrücken möchte, dann wäre es: Fragen an die Malerei. Auch wenn ich schon lange dabei bin, frage ich mich oft: Woher kommt dieser Zauber, das Berührende und Umfangende, was ich bei der Malerei empfinde? Klingt nicht sehr wissenschaftlich, aber wenn ich danach frage, was ich eigentlich als Maler mache, dann nähert sich meine Arbeit mit den Mitteln der Kunst einem methodischen und forschenden Prozess, den es auch innerhalb der Wissenschaft geben könnte.

Die Zwischenschritte dieses Prozesses sind dabei autarke Kunstwerke, selbst wenn sie als Einzelarbeiten keine Lösung des Problems bieten. Sie bilden ein System von Zwischenschritten, die dem Betrachter meine künstlerische Vorgehensweise offenlegen und sie nachvollziehbar machen. Die entstandenen Kunstwerke kreisen also die Fragestellung immer weiter ein, stellen eigene Theorien auf, sind unter Umständen gescheiterte Ansätze oder führen zu einer neuen, dezidierteren Fragestellung. Weitere Fragen können dann der Beginn eines neuen Themenkomplexes sein. Das heißt aber auch immer: Am Ende steht Kunst, kein Wissen. Und die bietet weder die zweifelsfreie Wahrheit noch das ultimativ korrekte Messergebnis.

Inwiefern stellen Ihre Arbeiten „eigene Theorien auf“?
Zum Beispiel die These, dass Humboldt-Hybride möglich sind.

Volker Hermes: Heteroptera Retis Vergatus (2015) Foto: Volker Hermes.

Gibt es bestimmte Hintergrundüberzeugungen theoretischer bzw. weltanschaulicher Art, die sich in den Humboldt-Hybriden zeigen? Etwa so: Sie kombinieren in Ihren Arbeiten ein organisches Element (Insekt) mit einem unorganischen (Polyeder); steckt eine bestimmte Überzeugung vom Verhältnis des Organischen zum Unorganischen dahinter?
Wenn Sie die beiden Pole der Hybride ansprechen, dann meinen meine Arbeiten weniger die Bewertung eines Verhältnisses zwischen beiden, sondern sie besetzen vielmehr einen eigenen Punkt im Dazwischen. Die Humboldt-Hybride sind eine freie Erfindung. Das Malen und die übergeordnete Konzeption erproben sich wechselseitig, setzen sich aber auch wechselseitig aufs Spiel. Die Anlage ähnelt einem Versuchsaufbau – inklusive aller möglichen Risiken. Wenn ich meine Malerei reflexiv nenne, dann meint das auch, dass sie von einer Geschichte der Malerei, der Techniken und Kontextualisierungen (z.B. hinsichtlich der Wissenschaft) angestoßen wird, die Bilder dann aber gemalte Wirklichkeit aus Unmöglichem sind.

Selbst in den künstlerischen Techniken konfrontiere ich das performativ Gestische der Zeichnung mit der Idealform der Polyeder. Das heißt, ich bewege mich immer im unsicheren Raum zwischen den Dingen. Ich finde diesen Ort als Ausgangspunkt von Kunst viel interessanter und energetischer, als von der erhöhten Warte einer wie auch immer gearteten Grundüberzeugung zu starten. Ich biete lieber Eigenes an und bevorzuge definitiv das fragende, ins Neue hineinstoßende Experiment.

Volker Hermes, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Gespräch.

Titelbild über dem Beitrag: Volker Hermes: Humboldt-Hybride (2014) Ausstellungsansicht. Foto: Volker Hermes.

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