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Vor dem Verstehen liegt die Anschauung

Text: Brigitte Boothe | Bereich: Ästhetik und Kunsttheorie

Übersicht: Ästhetische Erfahrung hat einen ihrer Ursprünge im Spiel des Zeigens und Schauens, das sich als kommunikatives Geschehen zwischen Erwachsenen und Kindern ereignet. Am Anfang begleiteter Welterkundung gehen Zeigen, Benennen und Begrüßen oder Bewillkommnen Hand in Hand. Das lässt sich verstehen als Ursprungsform rezeptiver Offenheit für ästhetische Gegenstände der Anschauung. Wie dieses Spiel des Zeigens und Schauens sich historischer und religiöser Deutungsmacht zu entziehen vermag, soll an Thomas Schönauers Installation Himmelskreuz im Luthergarten zu Wittenberg demonstriert werden.

Wo ein Objekt bildender Kunst sich präsentiert, lädt es die Betrachter ein, sich auf ein Spiel des Zeigens und Schauens einzulassen. Die Skulptur, die Installation oder das Bild bringen sich selbst zur Anschauung, zur Erscheinung. Und sie laden ein schauendes Gegenüber ein, sich in rezeptiver Offenheit darauf einzulassen.

Dieses Spiel des Zeigens und Schauens wird in der Vermittlung und Rezeption von Kunst variantenreich kultiviert. Es hat seine Vorläufer in primären Beziehungen zur Welt des Gegebenen, die Kinder in den ersten Jahren ihres Lebens machen. Im Folgenden gilt es, diese Auffassung zu erläutern. Dabei wird auf psychoanalytische und psychologische Überlegungen zurückgegriffen. „Der Mensch, das Augenwesen, braucht das Bild“, soll Leonardo da Vinci gesagt haben. Dem Augenwesen öffnet sich das Gegebene primär als Erscheinung. Wir müssen ausholen.

Das Kind gelangt am Anfang seines Lebens in einen Kosmos des Sehens, Riechens, Tastens und Schmeckens, der Kälte und Wärme, der Raum- und Lageorientierung, des Schwerseins und Leichtseins. Diese vitalen physischen Affektionen spielen eine Hauptrolle in der Entstehung ästhetischer Erfahrung. Basale Leiberfahrungen ereignen sich in der Unmittelbarkeit des Erlebens und werden zu Grundgestalten der Anschauung, die im Lauf des Lebens zu Variation und Differenzierung gelangen. Man sieht sich von ihnen bewegt, ob man will oder nicht.

Das Neugeborene bietet sich als expressives Vitalwesen dar. Seine basale Empfänglichkeit, seine sich ausdifferenzierende Reizaufnahme- und Wahrnehmungsfähigkeit zielen nicht nur auf Bedürfnisbefriedigung, dienen nicht bloß dem Lustgewinn, sondern schaffen auch die Basis für das ästhetische Erleben. Der lustvolle Reiz wird nicht nur einverleibt, sondern auch angestaunt. Dieser Prozess ästhetischer Erfahrung ist eine Bewegung des Sich-Öffnens. Hier kommen wir zunächst auf die Figur der Überraschung. Überraschung zählt zu den sogenannten Basisemotionen, kulturell übergreifend beobachtbar ab dem fünften Lebensmonat[1]. Überraschung stellt eine Verfassung dar, in der man einem Ereignis gegenübersteht, das sich der Verfügung entzieht, die eigene Fassungskraft aktuell übersteigt, einem affizierenden Ereignis, das zugleich Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt und eine mentale Situation des Leer- und Offenseins herstellt. Das vorsprachliche Erfasstsein von der nicht-begriffenen Erscheinung, wie es für das Erleben der Überraschung charakteristisch ist, führt zu einer offenen und gleichsam leeren Haltung zum Objekt als nicht-begriffener Erscheinung und zur Haltung des Staunens als einer kontemplativ-anschauenden, wiederum offenen und rezeptiven Orientierung aufs Objekt. Es handelt sich um eine intensive Erfahrung von Präsenz, und zugleich entzieht sich das Objekt der Verfügung.

Rezeptive Offenheit – Offenheit für künstlerische Erfahrung

Das Andere wird in der Erfahrung des Staunens jenseits des Funktionalen bedeutsam. Mit Staunen ist die Fähigkeit gemeint, einem Gegenstand in der Haltung rezeptiver Offenheit zu begegnen und ihn auf sich wirken zu lassen, ohne sein Geheimnis zu enthüllen und ohne seine Integrität zu stören. Staunen ist das Innewerden einer Erscheinung vor aller Begrifflichkeit und vor der Einordnung in Funktion, Zweck und Nutzen. Der wahrnehmenden Person offenbart sich ein Ereignis, dem sie sich unmittelbar zuwendet und in Empfangsbereitschaft überlässt. Man könnte sagen: Etwas zeigt sich, aber erklärt sich nicht.

Der Erwachsene und das Kind richten gemeinsam den Blick auf einen Gegenstand des Interesses; der Erwachsene stellt sich sprechend und handelnd in den Dienst kindlichen Weltbezugs. Am Anfang begleiteter Welterkundung gehen Zeigen, Benennen und Begrüßen oder Bewillkommnen Hand in Hand[2]. Die Erkundung der Dinge und Lebewesen ist am Anfang ein Fest der Begrüßung, ohne begeisterte Rezeptivität nicht denkbar, ein Spiel der drei Partner: 1. Kind, 2. Gegenstand der Bewillkommnung, 3. festlicher Vermittler. Es ist auch ein ästhetisches Spiel; der Gegenstand wird im gemeinsamen Schauen und Staunen als schön gewürdigt, in seinem Zauber, seinem Glanz zur Darstellung gebracht, nicht zum Gebrauch vorgeführt. Die Geburt eines naiven interesselosen Wohlgefallens, wenn man es mit Kant ausdrücken will.

Kleine Kinder kann man am naiven Staunen kaum hindern. Bei Jugendlichen und Erwachsenen kann die Orientierung am nüchternen Sach- oder Handlungsbezug stark in den Vordergrund treten. Aber jederzeit kann man sich zum Staunen anregen und einladen lassen. Man muss nicht gleich ein Achtsamkeitstraining machen. Man kann zum Beispiel ein Kunstereignis auf sich wirken lassen. Mit unvoreingenommener Offenheit blickt, wer das Schauen liebt, auch auf das Kunstwerk.

Staunen fördert Offenheit für Erfahrung, erweitert den Horizont, begünstigt die Fähigkeit zu situativ angemessener Selbstzurücknahme und hilft gegen Ressentiments. Erscheinungen des Lebens, gerade auch Dinge des scheinbar unauffälligen täglichen Lebens, werden als bedeutend und eindrucksvoll erfahren, nicht als entfärbt, matt und leer wie beispielsweise in der Ödnis des Trübsinns. Staunen ist erfüllend, aber nicht anstrengend. Museale Räume, öffentliche Räume und die Darbietung der Exponate als etwas, das schätzenswert und schützenswert ist, haben durchaus kontemplative Qualität; sie laden zum Schauen ein.

Thomas Schönauer/Andreas Kipar: Himmelskreuz im Luthergarten (2016). Foto: Ralph Richter.

Thomas Schönauer und die Geisteshaltung der Nicht-Bemächtigung

Wie sich das Spiel des Zeigens und Schauens am zentralen Gedenkort der christlichen Reformation in vielfachen Verweisungszusammenhängen ereignet, soll an Thomas Schönauers Installation Himmelskreuz im Luthergarten Wittenberg erläutert werden.

Innovativ ist Schönauer als experimenteller Maler und Bildhauer. Als Mann des Raumes – so im Gespräch mit Irene Daum und Peter Tepe (siehe hier Teil 1 und Teil 2) – und als Mann der Architektur experimentiert der Künstler mit Statik und Dynamik und kooperiert mit Ingenieuren, Architekten und Werkstofftechnikern. Anders als künstlerische Zeitgenossen, die elektronische Medien oder das Spektrum des Performativen nutzen, denkt und arbeitet er im Möglichkeitsfeld der Plastik und des Tafelbildes; so verortet er sich geschichtlich und schafft innovative Präsenz.

Schönauer verbindet seine künstlerische Praxis mit philosophischer Reflexion. Seine Kritik des Komplexität reduzierenden linearen Denkens, wie er es nennt, betrifft nicht nur Wirtschaft und Gesellschaft, sondern auch Kultur und Kunst. Lineares Denken begünstige, auch in Kunst und Architektur, eindimensionale Zweck- und Zielorientierungen sowie Strategien der Produktion und Problemlösung, die einseitig Effizienz und Kontrollmacht steigern sollen und potentiell destruktive Folgen in Kauf nehmen. Demgegenüber macht Schönauer komplexes, vernetztes Denken und Handeln geltend. Nicht-lineares Denken lässt sich verstehen als Geisteshaltung der Nicht-Bemächtigung, die sich Naturverhältnissen und Lebensformen als einer Dynamik der Wechselwirkungen zuwendet. Vielleicht lässt sich diese vielschichtige Beziehung auch als Bewegung des Spielens begreifen. Im konzeptionellen Gestaltungsprozess setzt sich Schönauer kontinuierlich mit natur- und geisteswissenschaftlichen Fragen auseinander. Das künstlerische Schaffen entfaltet sich in innovationsbereiter Bezogenheit: zur Materialität und deren Potential wie auch zum Ort, an dem das Objekt seinen Platz finden wird. Dabei setzt er sein Werk in Beziehung zum Betrachter, der zum Schauenden und Nachdenkenden werden soll. Die Plastik Himmelskreuz beispielsweise, Ort, Zeichen, Denkmal im besten Sinn, Zentrum des Luthergartens Wittenberg, soll Besucher ermutigen, innezuhalten und die Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens zu reflektieren. So schreibt Norbert Deneke im Verweis auf den Künstler sowie den damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck, der 2016 bei der Einweihung des Himmelskreuzes im Luthergarten beteiligt war[3]. Was es heißt, die Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens zu reflektieren und dabei nicht zum Verstehen zu gelangen, aber das Schauen zu genießen und der eigenen existentiellen Verfasstheit inne zu werden, kommt im Folgenden zur Sprache.

Das Himmelskreuz – Verweisungszusammenhänge und Erfahrungsoffenheit

Die Skulptur Himmelskreuz ist ein pfeilergetragenes, vertikal positioniertes dreifaches Kreuz. Es vermittelt in Materialität, Aufbau und Form die Spannung zwischen naturwissenschaftlich geprägter Lebenswelt und, mit der Symbolfigur Kreuz, dem historisch religiösen Vermächtnis. Das Schwere und Gewichtige – eben das gewaltige Kreuz – erhebt sich aus der Bodenhaftung. Dass Schweres leicht erscheint, gehört zur Programmatik von Schönauers Skulpturenwerk und ist immer, insbesondere beim Himmelskreuz, eine statische Meisterleistung. Das Werk, positioniert im regionalen, gesellschaftlichen, geschichtlichen und religiösen Kontext, regt zur Reflexion an. Betrachter können sich sogar unter dem Kreuz als einem Dach versammeln und austauschen.

Was den regionalen und den geschichtlichen Ort angeht, so spielen sie für die Kunstinstallation Himmelskreuz eine Schlüsselrolle. Schönauer stand über Jahre in intensivem Kontakt mit dem in Mailand und Duisburg lebenden Landschaftsarchitekten Andreas Kipar, der seit 2006 gemeinsam mit Oberkirchenrat Norbert Deneke Ideen zur Planung eines Gartens entwickelte und ab 2009 die Verantwortung für die Gartengestaltung übernahm[4]. Der Garten ist als Ellipse angelegt; das Zentrum nimmt die Form einer von Linden geschmückten Lutherrose ein, von dort gehen strahlenförmig geschwungene alleebepflanzte Wege aus, die zum Teil ins Äußere, stadteinwärts oder stadtauswärts, führen. In seinem Beitrag[5] zeigt Andreas Kipar eine Karte des Bepflanzungsplans. Das weltumspannende Vermächtnis Luthers, die Geschichte und Aktualität der Reformation, des Christentums, der Ökumene, all das wird präsent im Garten, der die antike Tradition des heiligen Hains aufgreift und ihn christlich symbolisch verwandelt. Der Park bietet sich an als heiliger Hain mit heiligem Tempel im Zeichen des Kreuzes, als Gedenkort und Agora. Die mit Luther und der Reformation verbundene Symbolik ist allpräsent, nicht nur, was den Baum als Hoffnungszeichen und die Zahl 95 betrifft, auch die Kreuzesinstallation vermittelt sich reformatorisch: Das Kreuz ist dreifach gestaltet. Es ist als rostende Figur aus Stahl in den Boden montiert. Schlanke Verbindungsstäbe streben horizontal nach oben, um zwei weitere Kreuze zu tragen. Wer als Betrachter nach oben schaut, sieht ein strahlendes, dynamisch und schnittig geformtes Kreuz. Darüber wölbt sich mächtig und leicht, kraftvoll und schwebend ein weiteres im Licht weiß und blau leuchtendes Edelstahlkreuz. Die Kreuzestrias symbolisiert die christliche, aber auch außerchristlich vorfindbare Trinitätsvorstellung. Aus der Vogelperspektive vereinigt das leuchtende Kreuz Tod und Auferstehung, Leid und Verklärung.

Thomas Schönauer verfügt über breit differenzierte religiöse Bildung und bewundert Luthers wirkmächtiges Innovationspotential. Das Himmelskreuz reduziert sich nicht auf Symbolik, auch wenn die Installation im Luthergarten sich als symbolisches Spiel von Verweisungszusammenhängen präsentiert. Und auch wenn die Installation von Zeit zu Zeit als Ort kultischer Praxis genutzt werden mag, so ist sie doch auch Agora im besten Sinn: Ort der Begegnung, des Austauschs, auch zwischen Religion und Wissenschaft, Politik und Kultur.

Schönauers Plastik eröffnet eine Perspektive auf menschliches Dasein, die sich keiner Deutungsmacht unterwirft, sondern Erfahrungsoffenheit ermöglicht. Gerade weil der Künstler nicht konfessionell gebunden ist, aber hohe Sensibilität für existentielle Fragen und Verfassungen des Transzendierenden und Abgründigen hat, ist er in herausragender Weise geeignet, das reformatorische Vermächtnis in seiner Vitalität und Zukunftsoffenheit zu würdigen.

Daseinsignoranz und das Religiöse als das Nicht-Verstehbare

Kunst, Wissenschaft und Religion: Schönauer erschließt in seinem Werk durchaus die Dimension des Religiösen, und zwar als das Nicht-Verstehbare. Es mag erheitern, dass dazu ein prominenter Vers passt, den auch Martin Luther kannte und wohl gern hatte, ein Vers von fröhlicher Daseinsignoranz[6]:

„Ich geh, weiss nit, wohin.
Ich komm, weiss nit, von wo.
Ich bin, ich weiss nit, was.
Mich wundert, dass ich so fröhlich bin.“

Dieser Vers spricht nicht von Gott, erfasst aber den Erfahrungsbereich des Religiösen. Das Ich des Verses transzendiert die Ordnungs- und Sinnbezüge des Alltagslebens. In diesem Transzendieren fällt das Ich auf sich selbst zurück. Die Gemütsverfassung „fröhlich“ hat keinen Grund, ist nicht plausibel als Folge beglückender Ereignisse oder als Aussicht auf das Gute, Wahre und Schöne. Daher die Formulierung: Mich wundert … Der Vers ist andererseits nicht ein Wahlspruch unverbesserlicher Optimisten, denn es heißt nicht: Trotzdem bin ich fröhlich. Es wird schon alles gut ausgehen. Auch geht es nicht um beruhigte Glaubensgewissheit, aber ebensowenig um den Zweifel. Es heißt nicht als Résumé des Nicht-Wissens: Warum sollte ich fröhlich sein? Der Vers findet Worte für ein Heraustreten aus den Bezugssystemen des Alltäglichen, ein Innesein der eigenen Existenz als fühlendes und denkendes Einzelwesen mit Vergangenheit und Zukunft jenseits aller Gewissheiten. Es könnte sich ja auch melancholischer Hader einstellen, dann würde die letzte Zeile lauten: Wen wundert’s, dass ich so traurig bin. Das wäre banal und würde die drei ersten Zeilen zur bloßen Redensart verkommen lassen.

Das Ich aber gerät durch die radikale Ungewissheit seiner Daseinsverfassung nicht in Not: Es ist frei genug, fröhlich zu sein, ohne die Sicherheit beruhigender Gründe. Das Nicht-Wissen, das eigene Woher, Wohin und Wer-bin-ich betreffend, wird nicht als Klage wirksam. Das Fröhlichsein hat den Charakter eines Geschenks. Das mich wundert artikuliert die Haltung des Staunens, der Nebensatz dass ich so fröhlich bin formuliert lapidar, dass die fröhliche Verfassung nicht Antwort auf erfreuliche Umstände ist, sondern sich als Freiheit im Lebensvollzug manifestiert. Das Ich dieses Verses bewahrt sein Fröhlichsein angesichts des fundamentalen Ich weiß nicht. Das ist nicht Ergebnis trotziger Genusseuphorie oder heroischer Zuversicht oder triumphierenden Übermuts vor dem Abgrund. Und heilige Einfalt oder Borniertheit ist es auch nicht.

Nicht-Linearität und Offenheit des Fragens

Immer geht es um den Umgang mit Grenzen und eigener Begrenztheit, mit notorischer Ungewissheit und Machtlosigkeit. Man kann den einfachen Vers in professioneller Diktion interpretieren: Es gestaltet sich eine Dynamik von Appetit auf das Leben mit Selbstzurücknahme und Toleranz für Nichtverstehen bei Aufrechterhaltung einer Offenheit des Fragens. Das Was, Wohin und Woher des Gedichts verweist nicht auf praktische Lebensführung. Wer sich im praktischen Leben so wenig auskennt wie das Ich dieser Zeilen, bekommt ernste Probleme und sollte sich Sorgen machen, statt fröhlich zu sein. Er sollte sich informieren und orientieren. Im Vorstellungshorizont des Gedichts steht der Wunsch, sich – jenseits konkreter Lebensverhältnisse – grundsätzlich und bedingungslos sicher und aufgehoben fühlen zu dürfen. Diesem Wunsch wird keine Orientierung und keine Information gerecht. Denn zum einen: Keine Orientierung und keine lebenspraktische Kompetenz bringen die fundamentale Dunkelheit und Unsicherheit menschlicher Existenz zum Verschwinden. Zum andern: Keine Lebenserfahrung und keine Weisheitslehre bringen die vitalen Fragen nach dem Was, Wohin und Woher zum Verschwinden. Wir sind von diesen Fragen erfasst, ob wir wollen oder nicht, sie lassen sich nicht durch Antworten beruhigen. Mitten im Leben froh sein, geht zusammen mit der ominösen Daseinsignoranz, von der man notorisch befallen ist.

Wer mit Thomas Schönauer und seinen Ideen zur Nicht-Linearität jenseits vermeintlicher Sicherheiten und Verfügbarkeiten denkt, erfährt das Dasein als Gabe, im Modus des Staunens, im Kontext von Humor und dem Vergnügen des Nicht-Wissens.

Thomas Schönauer: Cultivator IV (2019). Foto: Thomas Schönauer.

„Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ (Paul Klee)

Beitragsbild über dem Text: Thomas Schönauer/Andreas Kipar: Himmelskreuz im Luthergarten (2016). Foto: Ralph Richter.


[1] Ausgeführt in Brigitte Boothe: Das Dasein als Wunder. Die Entfaltung religiösen Erlebens. In:  Wilfried Ruff (Hrsg.): Religiöses Erleben verstehen. Göttingen 2002, S. 91–112.
Ausgewählte Fachliteratur dazu:
Klaus Herding: Emotionsforschung heute – eine produktive Paradoxie. In:  Bernhard Stumpfhaus / Klaus Herding (Hrsg.): Pathos, Affekt, Gefühl: Die Emotionen in den Künsten. Berlin 2004, S. 3–46.
Carroll  E. Izard: The Psychology of Emotions. New York 1991.
Rainer Krause: Allgemeine psychoanalytische Krankheitslehre. Stuttgart: 1997.

[2] Zentraler Artikel zu Konzeption und empirischer Forschung der „gemeinsamen Aufmerksamkeit“: Jane Heal: Joint attention and understanding the mind. In:  Naomi Eilan, Christoph Hoerl, Teresa McCormack & Johannes Roessler (Hrsg.): Joint attention: Communication and other minds. Oxford 2005, S. 34–44.

[3] Die Einweihung fand statt am 15. Juni 2016 durch Bundespräsident Joachim Gauck, Bischof Munib Younan, damals Präsident des Lutherischen Weltbundes, Martin Junge, Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, und Ministerpräsident Reiner Haseloff.

[4] Die Realisierung des Projekts wurde ermöglicht durch das Engagement des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Genf; zur Umsetzung trugen das Deutsche Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes (DNK/LWB), die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) und die Lutherstadt Wittenberg bei.

[5] A. Kipar / T. Schönauer: Das Himmelskreuz im Luthergarten Wittenberg. Bild- und Textband mit interdisziplinären Beiträgen. 2018. Beitrag von Kipar im Textband: Der Sinn der Bäume. 500 Jahre Reformation: wie Wittenberg mit seinem interaktiven Luthergarten die Welt umfasst, S. 105–111.

[6] Zur Herkunft des Spruchs siehe auch: Boothe: Das Dasein als Wunder (wie Anm. 1).

Ein Kommentar

  1. Thomas Schönauer Thomas Schönauer 15. Juni 2019

    Großartiger Artikel von Prof. Brigitte Boothe! Es ist immer wieder faszinierend, aus welch unterschiedlichen Perspektiven das eigene Wirken und auch die eigene Person gesehen und interpretiert werden kann. Und der Schlusssatz legt bei aller ‚Wissenschaftlichkeit‘ Brigitte Boothes humorige Leichtigkeit an den Tag, wunderbar!!

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