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Wissenschaftsbezogen: Vier neue Serien

Text: Peter Tepe | Bereich: Beiträge von Künstlern

Übersicht: Bei Aufräumarbeiten gefundene Schreibmaschinentexte haben zu drei künstlerischen Serien motiviert. Eine zuvor entstandene vierte Serie, die hier einbezogen wird, stellt ebenfalls eine Verbindung zwischen Wissenschaft und Kunst her. Zwei Serien sind der wissenschaftsbezogenen Kunst zuzuordnen, die beiden anderen hingegen der kunstbezogenen Wissenschaft.

Im Zuge von jahrelang verschleppten Aufräumarbeiten sichtete ich 2019 meine im Arbeitszimmer in rund 50 Kartons, mehreren Bürocontainern und einem Schrank aufbewahrten Unterlagen zu philosophischen und germanistischen Lehrveranstaltungen sowie zu eigenen Forschungen/ Publikationen. Vieles davon wurde direkt entsorgt, der Rest wird auf neue Weise geordnet – was noch einige Zeit dauern wird. Im Kontext des Aufräumens haben mich Funde zu drei neuen Serien von Papierarbeiten, deren Konzepte ich erläutern werde, motiviert. Eine weitere Serie, mit der ich bereits Ende 2018 begonnen habe, wird ebenfalls berücksichtigt.

Serie 1: Schreibmaschinenskript eines Vortrags

Bis Ende der 1990er Jahre schrieb ich sowohl meine eigenen Texte als auch Exzerpte, d.h. Auszüge der für die eigenen Forschungsvorhaben verwendeten Fachliteratur, auf Schreibmaschine; zunächst benutzte ich eine herkömmliche, später dann eine elektrische Schreibmaschine. Die eigenen Texte (für Seminare, Vorlesungen, Vorträge, Aufsätze, Bücher) entstanden im Unterschied zu den Exzerpten in mehreren Arbeitsgängen; das zeigt sich daran, dass sie aus gut erkennbaren Schichten bestehen. Neue Sätze und Absätze sind eingeklebt worden – ein damals nicht unübliches Verfahren. Texte, die in komplexen Forschungsprozessen entstanden sind, weisen manchmal fünf oder mehr Schichten auf; bei der Vorbereitung von Vorträgen, welche Forschungsergebnisse präsentieren, fallen demgegenüber zumeist nur zwei bis drei Schichten an.

Serie 1 bezieht sich auf das beim Aufräumen wiedergefundene Schreibmaschinenskript für den Vortrag Mythos – Ideologie – Illusion, der auf der Tagung Philosophie und Mythologie, die am 26. und 27. November 1994 in Schwerte stattfand, gehalten wurde. Danach ist der Text im Band Mythologica 3 veröffentlicht worden.[1] Etliche der geklebten Schreibmaschinenseiten habe ich einer freien künstlerischen Bearbeitung unterzogen. Dabei werden unterschiedliche Akzente gesetzt: In einigen dieser Arbeiten geht es darum, die Schichten des Ausgangstextes hervorzuheben, in anderen bleibt der Vortragstext zumindest teilweise lesbar usw.

Serie 1 umfasst bislang 12 Arbeiten im DIN A4-Format. Sie ist der wissenschaftsbezogenen Kunst zuzuordnen: Ich greife in der freien künstlerischen Arbeit auf einen Vortragstext zurück, in dem ich Arbeitsfelder des 1987 begründeten interdisziplinären Studien- und Forschungsschwerpunkts Mythos, Ideologie – Ende der 1990er Jahre ist die Ergänzung und Methoden hinzugekommen – einem Fachpublikum präsentierte.

Serie 2: Materialien aus den dialogischen Vorlesungen

Im Wintersemester 1993/94 fand die Vorlesung Mythisches, Allzumythisches statt, die weltweit erste und wohl auch bislang einzige Vorlesung in Theaterform; darüber informiert der w/k-Beitrag Vorlesungstheater. Danach führte ich über mehrere Semester etwas weniger aufwändige Vorlesungen in Form von Dialogen ohne Spielszenen, aber mit Künstlergästen durch.[2] Bei den Aufräumarbeiten stieß ich nun auf Schreibmaschinentexte, die ich völlig vergessen hatte: Informationen unterschiedlicher Art für das Vorlesungsteam – das neben Helge May, der auch als Regisseur fungierte, aus Sabine Jambon, Yoshiro Nakamura, Susanne Stemmler und Ingo Toben bestand –, Dialogentwürfe (von denen ich nicht mehr weiß, ob sie aufgeführt oder verworfen worden sind) und einiges mehr. Diese Texte betrachte ich als historische Dokumente, welche Aufschluss darüber geben, wie bei den dialogischen Vorlesungen vorgegangen wurde. Daher verfolgte ich anders als in Serie 1 das Ziel, die Lesbarkeit der Texte vollständig zu erhalten – wenn man von kleineren Arbeitsspuren einmal absieht.

In Serie 2 habe ich einige Funde künstlerisch bearbeitet. Dabei gehe ich folgendermaßen vor: Im Atelier bewahre ich viele Reste aus früheren Arbeitsprozessen auf. Diesen Fundus verwende ich für die künstlerische Gestaltung der Seiten. Diese erfolgt ­sehr schnell: Der Arbeitsgang darf gemäß den Spielregeln nicht länger als 1–2 Minuten dauern, und nachträgliche Veränderungen sind nicht erlaubt. In puncto Schnelligkeit – nicht aber hinsichtlich der konkreten Arbeitsweise – gibt es in Serie 2 eine gewisse Verwandtschaft mit meinem Lehrer Karl Otto Götz, den man auch als Sekundenmaler bezeichnet hat. Das gilt mit gewissen Einschränkungen auch für Serie 1.


Serie 2 umfasst bislang 19 Arbeiten im DIN A4-Format. Sie ist der kunstbezogenen Wissenschaft zuzuordnen, denn es geht im Allgemeinen um den Einsatz im weiteren Sinn künstlerischer Mittel in wissenschaftlichen Vorlesungen und im Besonderen um eine nachträgliche Bearbeitung von im Kontext der dialogischen Vorlesungen entstandenen Schreibmaschinenskripten, welche die Lesbarkeit der Texte erhält.

Serie 3: Spezielle Verbindung zwischen Wissenschaft und Kunst

Ende 2018 begann ich nebenher damit, die in den vorangegangenen Jahren entstandenen Papierarbeiten zu sichten, sie auf den Rückseiten mit Titeln zu versehen und zu signieren. Dabei stellte sich heraus, dass ich mit einigen Blättern nicht mehr zufrieden war. Bei den Überarbeitungen probierte ich mehrere Methoden aus – unter anderem die folgende: Aus den in Vorlesungen zur kognitiven Hermeneutik und zur Ideologieforschung verwendeten Overheadfolien oder deren Papiervorlagen schnitt ich besonders wichtige Thesen aus und fügte sie in das Bild ein. Daraus entstand eine Direktverbindung zwischen meiner wissenschaftlichen Praxis und künstlerischen Tätigkeit.

Zunächst ein Beispiel für eine solche Überarbeitung:

Peter Tepe: Serie 3, Nr. 1 (2019). Foto: Mauritz Tepe.
Peter Tepe: Serie 3, Nr. 1 (2019). Foto: Mauritz Tepe.

In einer weiteren Phase entstanden Anfang 2019 noch zwei größere neue Arbeiten, in denen diese Verschränkung von vornherein eingeplant war. Das Foto der einen Arbeit dient als Beitragsbild; hier folgt das der anderen:

Peter Tepe: Serie 3, Nr. 6  (2019). Diverse Materialien auf Papier (100 x 69,8 cm). Foto: Mauritz Tepe.
Peter Tepe: Serie 3, Nr. 6 (2019). Foto: Mauritz Tepe.

In Serie 3 geht es nie um Wissenschaftsillustration – um eine sinnliche Verdeutlichung wissenschaftlicher Thesen/Forschungsergebnisse mit im weiteren Sinn künstlerischen Mitteln –, sondern um eine spielerische Verbindung meiner Malweise mit Thesen der von mir entwickelten Theorien. Daher ordne ich Serie 3 der wissenschaftsbezogenen Kunst zu: Verstehbare wissenschaftliche Thesen werden in eine künstlerische Arbeit integriert, welche aber nicht primär das Ziel verfolgt, die jeweilige These zu vermitteln. Serie 3 besteht bislang aus sieben Papierarbeiten unterschiedlichen Formats.

Serie 4: Schreibmaschinenexzerpte als Ausgangspunkt

Zur Einführung in Serie 4 beginne ich mit einem kurzen Rückblick. Während meiner Studienzeit an der Düsseldorfer Kunstakademie und dann Universität entstanden zunächst viele handschriftliche Exzerpte vor allem philosophischer Texte.

Peter Tepe: Handschriftliches Exzerpt des Studenten (1969–1972). Foto: Tanja Semlow.
Peter Tepe: Handschriftliches Exzerpt des Studenten (1969–1972). Foto: Tanja Semlow.

Ich las nicht nur sehr viel, sondern war immer auch bestrebt, durch ausführliches Abschreiben mir bedeutsam erscheinender Partien – erst handschriftlich, später mit Schreibmaschine – tiefer in die jeweilige, häufig schwer zugängliche Gedankenwelt einzudringen. Das war der von mir gewählte Lernweg, den ich geradezu instinktiv beschritt.

Über längere Zeit befasste ich mich vorrangig mit den schwierigen Schriften von Kant, Fichte, Schelling, Hegel sowie mit Philosophen des 20. Jahrhunderts. Auf der Grundlage der handschriftlichen Exzerpte sind dann seit 2013 mehrere künstlerische Arbeiten entstanden. Ein Beispiel:

Peter Tepe: Großer Brief mit Streifen (2013). Foto: Tanja Semlow.
Peter Tepe: Großer Brief mit Streifen (2013). Foto: Tanja Semlow.

Zurück zum Jahr 2019: Beim Aufräumen stieß ich auf viele Kartons, die bis oben mit Schreibmaschinenexzerpten für dieses oder jenes Forschungsprojekt gefüllt waren. Eigentlich wollte ich diese große Menge an Papier – wie zuvor schon die Reader für Vorlesungen und Seminare, die übrig gebliebenen Texte von Studierenden (Abschluss- und Seminararbeiten sowie Protokolle) – gleich entsorgen. Aufgrund einer neuen Idee, die gleich in den ersten Anwendungsfällen motivierend gewirkt hat, entschied ich mich jedoch anders. Das hat zur folgenden Arbeitsweise geführt:

  • Ich nehme mir vor, alle Exzerpte nach und nach – was möglicherweise mehrere Jahre dauern wird – noch einmal zügig zu überfliegen. Berührt ein Auszug mich gar nicht, spricht er mich nicht an, so wird er weggeworfen; man muss nicht alles aufbewahren.
  • Wird hingegen durch einen Satz, eine Passage mein Denken irgendwie in Bewegung gesetzt, so schneide ich diesen Teil aus und klebe ihn auf einem alten DIN A4-Blatt auf, dessen Rückseite bereits für andere Zwecke verwendet worden war. (Auch bei den seit den 1970er Jahren entstandenen Schreibmaschinenexzerpten verwendete ich zumeist die Rückseiten früher entstandener Texte und Kopien.)
  • Mit einem nach Jahrzehnten wiederentdeckten alten Füller, der etwas leckt und daher mit einem Handschuh verwendet werden muss, schreibe ich im Atelier dann spontan einen kurzen Kommentar zum ausgewählten und aufgeklebten Exzerptelement. Der Kommentar stellt eine Verbindung zu diesem oder jenem Aspekt meines aktuellen Denkens her. Längeres Nachdenken und inhaltliche Veränderungen sind nach den festgelegten Spielregeln nicht erlaubt; Korrekturen werden auf dem Blatt vorgenommen. (Beim Aufräumen des Arbeitszimmers stieß ich dann auf zwei weitere Füller, die ebenfalls seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt worden waren. Sie gebrauche ich, wenn ich am häuslichen Schreibtisch oder auf Reisen Kommentare zu Exzerpt-Schnipseln schreibe.)
  • Die künstlerische Arbeitsweise entspricht der bei Serie 2 verwendeten: Resteverwertung, schnelle Produktion, nachträgliche Veränderungen sind nicht zugelassen.
  • Bei einigen Arbeiten bringe ich auch die Rückseite des verwendeten Blattes ins Spiel, lasse sie durchscheinen oder mache sie durch Aufschneiden/Umklappen sichtbar.

Die beschriebene Vorgehensweise berührt mich stark, da sie meinen künstlerischen mit meinem wissenschaftlichen Persönlichkeitsanteil in eine direkte Verbindung bringt. Die fertigen Blätter werden von mir dann nach Themen geordnet. Denkbar ist, daraus ein philosophisch-künstlerisches Buch zu machen; ob sich dieses Projekt realisieren lässt, steht jedoch in den Sternen.

Serie 4 hat eine besondere Stoßrichtung: Das Ausgeschnittene und die eigenen handschriftlichen Kommentare sollen gelesen und verstanden werden – das ist die Hauptsache; eine solche Arbeit stellt nicht primär ein ästhetisch-künstlerisches Phänomen dar, welches Schriftelemente einbezieht, deren Inhalt und Bedeutung bei der Rezeption ausgeblendet werden können – eine solche ästhetische Betrachtungsweise kann und soll aber hinzukommen. Das unterscheidet Serie 4 von Serie 1, bei der die jeweiligen Inhalte eine untergeordnete oder gar keine Rolle spielen: In Serie 1 benutze ich einen eigenen, für einen Vortrag benutzten Text als Abflugstelle für künstlerische Aktionen, ohne dabei inhaltliche Bezüge zu diesem Text herzustellen und dessen Thesen vermitteln zu wollen. Aufgrund der Zentralstellung des jeweiligen Kommentars ordne ich Serie 4 wie schon Serie 2 der kunstbezogenen Wissenschaft zu: So, wie ich 1993/94 in einer Vorlesung für eine Einführung in die Mythosforschung die Theaterform benutzte, verwende ich jetzt handschriftliche Kommentare und künstlerische ‚Randbemerkungen’, um – bezogen auf ausgeschnittene Elemente aus alten Schreibmaschinenexzerpten – eigene Überlegungen philosophischer, literaturtheoretischer und anderer Art zu vermitteln. In beiden Fällen handelt es sich um wissenschaftliche Aktivitäten, die mit künstlerischen Konzepten/Methoden/Ergebnissen verbunden werden. Ein Unterschied zum Vorlesungstheater und den nachfolgenden dialogischen Vorlesungen, auf die sich Serie 2 bezieht, besteht allerdings darin, dass ein solcher Rückgriff hier nicht in der Lehre (und dann auch der wissenschaftlichen Publikation), sondern von vornherein in einem künstlerischen Kontext erfolgt. Kunstbezogene Wissenschaft muss also nicht immer direkt in einen Lehr- und Forschungskontext einbezogen sein.

Serie 4 umfasst bislang 77 Arbeiten im DIN A4-Format. Von Serie 3 kann gesagt werden, dass sie Serie 4 ungeplant vorbereitet.

Zur Vertiefung können folgende w/k-Beiträge genutzt werden:

  • Grenzgänger zwischen Wissenschaft und bildender Kunst. Hier rekonstruiere ich meine wissenschaftliche und künstlerische Entwicklung sowie die Zusammenhänge zwischen beiden Dimensionen; einige Phasen künstlerischer Arbeit werden durch Abbildungen dokumentiert.
  • In den Berichten zur ersten und zur zweiten w/k-Ausstellung finden sich in den Fotoserien von Karsten Enderlein auch Abbildungen der dort gezeigten eigenen künstlerischen Arbeiten. Der Bericht zur ersten Ausstellung enthält darüber hinaus ein Videointerview mit mir.
  • Im anlässlich des Todes von Karl Otto Götz verfassten Artikel Kontaktstellen werden unter anderem die Gründe für meinen Wechsel von der Kunstakademie zur Universität dargelegt.

Bild über dem Text: Peter Tepe: Serie 3, Nr. 5 (2019). Diverse Materialien auf Papier (101,5 x 71,5 cm). Foto: Mauritz Tepe.


[1] P. Tepe: Mythos – Ideologie – Illusion. In: Ders./M. Küppers (Hrsg.): Mythologica 3. Düsseldorfer Jahrbuch für interdisziplinäre Mythosforschung. Essen 1995, S. 60–77.

[2] Informationen darüber finden sich in P. Tepe: 25 Jahre Schwerpunkt Mythos, Ideologie und Methoden … und kein Ende, Kapitel 15.3: Dialogische Vorlesung, S. 39–42. In: Mythos-Magazin.

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