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Zusammenwirken von Wissenschaft und Kunst im Rat für Kulturelle Bildung

Gespräch mit Joachim Retzbach | Bereich: Kunstbezogene Wissenschaft

Übersicht: Im Rat für Kulturelle Bildung arbeiten Forschende und Kunstschaffende gemeinsam an Erklärungen für Politik und Öffentlichkeit. Margrit Lichtschlag und Sebastian Konietzko erläutern, wie die Zusammenarbeit funktioniert – und welche Hürden es dabei manchmal zu überwinden gibt.

Vorbemerkung der w/k-Kernredaktion

Wir nahmen am 12. Forum Wissenschaftskommunikation mit dem Themenschwerpunkt Wissenschaft trifft Kunst teil, das vom 10.–12. Dezember in Essen stattfand. Aus den dort geknüpften Kontakten gehen mehrere Beiträge hervor, die wir dem Bereich Kunstbezogene Wissenschaft zuordnen. Dazu gehört das folgende Interview, das bereits in Wissenschaftskommunikation.de erschienen ist. Wir danken für die Erlaubnis der Zweitveröffentlichung in w/k.

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Frau Lichtschlag, Herr Konietzko, Sie berichten heute auf dem Forum Wissenschaftskommunikation darüber, wie die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Kunst im Rat für Kulturelle Bildung funktioniert. Was ist der Rat, und wie ist er entstanden?
Margrit Lichtschlag (L): Grundlage ist ein gemeinnütziger Verein, der 2012 gegründet wurde und von sieben Stiftungen finanziert wird. Die wichtigste Aktivität des Vereins ist die Förderung eines unabhängigen Expertenrats, der ebenso wie der Verein Rat für Kulturelle Bildung heißt. Er umfasst derzeit 11 Mitglieder, sowohl Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als auch Kunstschaffende. Dahinter steht die Idee, künstlerische und wissenschaftliche Perspektiven auf das Thema kulturelle Bildung miteinander zu vereinen. Das Gremium entwickelt Analysen und Empfehlungen, die dann zum Beispiel als Entscheidungsgrundlage in der Politik dienen sollen.

Aus welchen Fachrichtungen stammen die Forschenden – und aus welchen Bereichen die Künstlerinnen und Künstler?
L: Alle unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschäftigen sich mit kultureller Bildung, was ein breites Feld ist, von schulischer bis hin zu außerschulischer und familiärer kultureller Bildung. Sowohl das Anwendungsfeld als auch die Forschung dazu sind zersplittert, man kann daher nicht alle Teilgebiete abdecken. Dem Rat gehören zum Beispiel zwei Pädagogen, ein Literaturwissenschaftler, eine Musikwissenschaftlerin und ein Soziologe an. Zuletzt waren drei der elf Mitglieder selbst Kunstschaffende, aus den Bereichen Theater, Kunst im öffentlichen Raum und bildende Kunst. Wichtig ist uns, dass die Künstlerinnen und Künstler sowohl Interesse am Vermitteln von Kunst an die Öffentlichkeit haben als auch eigene Erfahrungen darin. Auch jemand aus dem Kulturmanagement und der kulturellen Projektarbeit ist neuerdings vertreten.

Welches sind Ihre Erfahrungen mit dem Aufeinandertreffen künstlerischer und wissenschaftlicher Positionen?
L: Das Gremium hat ganz zu Beginn intensiv darüber diskutiert, wie die Zusammenarbeit gestaltet werden soll. Damals wurde festgelegt, dass sich der Rat überwiegend in schriftlichen Publikationen gegenüber der Öffentlichkeit äußern wird und weniger etwa in Form künstlerischer Darstellungen. Die Debatte darüber hat uns lange begleitet, denn es schränkt die Mitarbeit der Künstlerinnen und Künstler ein – nicht alle sind es gewohnt, sich in Textform zu äußern.

Sebastian Konietzko (K): Trotzdem sind die Künstlerinnen und Künstler unserer Wahrnehmung nach extrem wichtig für den Rat. Sie bringen schließlich nicht nur eine eigene Perspektive mit, sondern fungieren auch oft als eine Art Korrektiv, wenn die Diskussionen zu abstrakt werden und sich zu weit von den künstlerischen Gegenständen in der kulturellen Bildung entfernen. Dann sehen es meist die Kunstschaffenden als ihre Aufgabe an, zu fragen: Worüber reden wir hier eigentlich gerade – ganz konkret?

Sie sagten, der Rat kommunizierte die Ergebnisse seiner Zusammenarbeit überwiegend schriftlich. Welche Beispiele gibt es für andere Formate?
K: Im Jahr 2014 haben wir eine Denkschrift zur inhaltlichen Qualität kultureller Bildungsangebote veröffentlicht. Dazu gab es flankierend eine künstlerische Aktion, einen Walk of Art durch den öffentlichen Raum in Weimar. So wurden die künstlerischen Inhalte, um die es im Text ging, sinnlich erlebbar gemacht und haben eine eigene künstlerische Ausdrucksform gefunden. Solche Aktionen sind allerdings sehr aufwendig und erfordern eine lange Vorbereitungszeit, in diesem Fall ungefähr ein halbes Jahr. Aus der ausführlichen Fotodokumentation ist sogar wieder ein eigenes Buch entstanden. Trotzdem ist diese Form der Vermittlung leider eher punktuell, verglichen mit den Schriften, die wir auf unserer Website und in Druckform vorhalten können. Und die Kosten betragen ein Vielfaches. Die Basis blieben deshalb jährliche Denkschriften und Studien, die wir mit allen Instrumenten der Öffentlichkeitsarbeit begleiten, wie Pressetexten, Videos oder unseren Social-Media-Kanälen.

Fiel die Verständigung über das Thema vielleicht einfacher, weil sich alle Mitglieder des Rats in ihrer Arbeit mit kultureller Bildung beschäftigen – wenn auch mit verschiedenen Teilbereichen?
L: Die Vielfalt der kulturellen Bildung bringt auch vielfältige Definitionen des Begriffs mit sich. Zunächst ein gemeinsames Grundverständnis zu entwickeln, war also sehr wichtig. Der Expertenrat hat eine eigene Definition erarbeitet, die einen starken Bezug auf die Künste herstellt. Wenn es bislang einmal geknirscht hat, dann oft zum Beispiel bei sprachlichen Feinheiten. So kam etwa die Frage auf, wie bildhaft man formulieren darf, wenn man sich an die Politik und die allgemeine Öffentlichkeit wendet. Ein anderer Diskussionspunkt war: Wie stark müssen sich die Argumentationen des Rates auf Zahlen und Statistiken stützen? Das entspricht natürlich der wissenschaftlichen, aber nicht unbedingt der künstlerischen Denk- und Arbeitsweise.

K: Wir haben auch festgestellt, dass die Kunstschaffenden ihre Rolle im Rat kritisch hinterfragen. Die akademische Welt hat ihren eigenen Duktus. Vor diesem Hintergrund mussten die Künstlerinnen und Künstler ihre Beteiligungsformen erst entwickeln. Letztlich war die Zusammenarbeit immer produktiv, aber es kann da durchaus eine Schwelle für die Künstlerinnen und Künstler geben, über die man nicht hinwegsehen sollte.

Wie definiert der Rat denn kulturelle Bildung?
L: Die Definition, die wir zu Beginn im Jahr 2013 entwickelt haben und auf die wir uns bei unserer Arbeit stützen, lautet: „Unter kultureller Bildung versteht der Rat die Allgemeinbildung in den Künsten und durch die Künste. Diese umfasst auch die Bildung von Fähigkeiten und Haltungen, die es Menschen ermöglichen, die Welt und das eigene Leben unter ästhetischen Gesichtspunkten wahrzunehmen und zu gestalten.“ Das heißt, wir beziehen uns auf die Künste, ihre Vermittlung und das Lernen daran. Man kann den Kulturbegriff natürlich auch weiter fassen und sagen: Kultur ist alles, was der Mensch macht, auch reine Unterhaltungsangebote. Aber wir haben diesen Fokus gesetzt, und der war dann auch Ausgangspunkt für eine Qualitätsdiskussion zur kulturellen Bildung, die sich immer rückbezieht auf das, was an und in den Künsten gelernt werden kann. Damit wollen wir natürlich keinen allgemeingültigen Kanon setzen, was Kultur ist und was nicht.

Warum ist die Vermittlung von Kunst Ihrer Meinung nach wichtig?
K: Vor allem die ästhetische Erfahrung macht kulturelle Bildung besonders. Diese Art von Erfahrung unterscheidet sich von religiösen, wissenschaftlichen und anderen Zugängen zur Welt. Die Beschäftigung mit den Künsten schult die konzentrierte Wahrnehmung. Sie lehrt, dass es vielfältige Interpretationsmöglichkeiten und Deutungen gibt, die es auszuhalten gilt, und dass man Entscheidungsfreiheiten hat, aber auch Entscheidungen treffen muss.

Welche generellen Schlüsse können Sie zur Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft ziehen, ausgehend von Ihren Erfahrungen?
L: Ich denke, da sind noch viele Fragen offen. Etwa: Gibt es so etwas wie eine künstlerische Forschung? Wie lassen sich die unterschiedlichen methodischen Zugänge und Erkenntnisse miteinander vereinen? Auch würde ich immer dazu raten, zu hinterfragen, wann eine solche starke Interdisziplinarität überhaupt erwünscht ist. In unserem Fall ist die gemeinsame Arbeit absolut sinnvoll, wegen des starken Bezugs auf die Künste, und sie bringt Erkenntnisse hervor, die es bei einer rein wissenschaftlichen oder rein künstlerischen Beschäftigung nicht gegeben hätte. In anderen Bereichen könnte es aber schwieriger werden, über Wissenschaft und Kunst hinweg vernetzt zu arbeiten ­– das hängt vom Gegenstand ab.

Beitragsbild über dem Text: Logo Rat für Kulturelle Bildung e.V. (2020).


Rat für Kulturelle Bildung e.V.
wissenschaftskommunikation.de

Weitere Informationen zu Margrit Lichtschlag, Sebastian Konietzko befinden sich in Die Beiträger.

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